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Johanna Röh: Die Überzeugungstäterin

Tischlerin Johanna Röh
Die Überzeugungstäterin

Als weit gereiste Wandergesellin, Tischlermeisterin, Restauratorin und Ausbilderin ging es Johanna Röh nie nur um einen nachhaltigen Umgang mit dem Handwerk. Die Unternehmerin steht für eine Arbeitswelt ohne Vorurteile, Machtspiele und Geschlechterklischees ein.

Aus einer Idee kann alles werden: Johanna Röhs Werdegang passt zu diesem Satz auch deshalb wie kaum ein anderer, weil sie ihn 2019 in einem Kam-pagnen-Video der Handwerkskammer zum Thema Walz World Wide selbst formuliert hat.

Doch bevor die Tischlermeisterin zur Kampagnenbotschafterin wurde, stand zu Beginn ihrer Laufbahn die Überzeugung nach zehn Schuljahren dem Frontalunterricht entfliehen zu müssen. Mit 17 Jahren beginnt sie deshalb auf der Freien Waldorfschule Kassel einen vierjährigen Bildungsweg, an dessen Ende sowohl die Abitur- als auch die Gesellenprüfung im Tischlerhandwerk stehen. Nach dem erfolgreichen Abschluss zieht es die frisch gebackene Tischlergesellin in die Welt hinaus: Als Freireisende ohne Gesellenvereinigung, dafür aber mit allen gängigen Regeln der klassischen Walz, lässt sie sich auf eine Wanderschaft ins Ungewisse ein. Rückblickend sagt Johanna: »Man wird total ins kalte Wasser geworfen. Viel hängt da von Zufällen ab.« Die junge Wandergesellin findet ihren Weg. Die Erfahrungen, die sie sammelt, seien vielschichtig gewesen. Fachlich, unternehmerisch, aber auch menschlich, gruppendynamisch und persönlich habe sie viel erlebt und gelernt: Gutes wie auch Schwieriges. »Dass man in der Ferne alles mit sich selbst ausmachen muss, das war manchmal nicht einfach«, resümiert Johanna.

Die Walz als Lehrmeisterin

Der prägendste Stopp ihrer Reise sei Japan gewesen. Vor allem die Haltung, dass es bei der Tischlerei nicht darum gehe, sich selbst zu verwirklichen, sondern empathisch zu sein und individuelle, handwerkliche statt maschinelle Lösungen zu finden, habe sie nachhaltig beeinflusst. Bei der Arbeit für den Kunden, den eigenen Geschmack abzugrenzen und damit einen ungleich größeren Gestaltungsspielraum zu haben, versteht Johanna seither als Bereicherung. Mit dem Rucksack voller japanischer Handwerkzeuge und einer fixen Idee im Kopf kehrt die Reisende nach Deutschland zurück: Von jetzt an soll es als selbstständige Tischlerin weitergehen. 2014 legt sie deshalb an der Meisterschule in Freiburg im Breisgau die Meisterprüfung ab; ein Stipendium der Stiftung für Begabtenförderung im Handwerk führt sie im Anschluss für drei Monate ins italienische Thiene, worauf später eine Fortbildung zur Restauration fußt.

Der Wunsch Handwerkstradition nicht nur wertzuschätzen, sondern auch zu pflegen, ist für Johanna eine Frage des nachhaltigen Umgangs mit materiellen wie ideellen Werten. »Es ist einfach fair zu sagen: Ich repariere es« statt ein altes Möbelstück gegen ein Neues auszutauschen. Für die Meisterin drückt sich auf diese Weise der Respekt vor der Arbeit vorangegangener Tischlergenerationen aus. Doch Johannas Arbeitsalltag ist nicht nur mit Restaurationsprojekten gefüllt. Im Bereich Neuanfertigungen reicht ihr Portfolio von singulären Regalen, Tischen und Bänken bis hin zu ganzen Schrankwänden und Küchenausbauten. Bevorzugte Materialien sind lokale Hölzer, massive Plattenwerkstoffe, Altholz und Furniere. »Plattenwerkstoffe mit synthetischen Oberflächen und Lacke verarbeite ich nicht«, erklärt Johanna. Dabei steht das ökologisch verantwortliche und gesundheitsverträgliche Arbeiten stets im Vordergrund. Anfallende Holzreste werden im Zuge dessen auch nicht verfeuert, sondern zu Schneidebrettern verarbeitet, die via Homepage ihre Käufer finden.

Chefin, Ausbilderin, Wegbereiterin

Ihre eigene, voll ausgestattete Werkstatt hat Johanna seit gut zwei Jahren. Die 350 Quadratmeter große Tischlerei befindet sich in einem ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebäude im niedersächsischen Alfhausen und gehört zu der Hofstelle, auf der sie mit ihrem Mann lebt. Außer einem Auszubildenden hat Johanna aus Überzeugung keine weiteren Angestellten. Der Grund: Sie will nicht zur verwaltenden Unternehmerin im Büro verkommen, sondern nach wie vor selbst am Holz arbeiten. Damit die Werkstatt dennoch ausgelastet ist, können externe Tischlerinnen und Tischler nach dem Co-Working-Prinzip die Räumlichkeiten anmieten. »Ich selbst habe auch davon profitiert, andere Werkstätten mitnutzen zu können«, erklärt Johanna.

Als Ausbilderin ist es ihr wichtig, dass sich ihre Schützlinge ganz darauf konzentrieren können, einen profunden Bezug zum Material und zum Tischlerhandwerk zu bekommen. Es geht ihr um eine gute, nicht um eine schnelle Ausbildung und darum, dass junge Leute die Gelegenheit bekommen, ihr Potenzial zu entfalten. Das Freimachen von Geschlechterklischees spielt hier eine große Rolle, weiß Johanna aus eigener Erfahrung: »Für viele sind die Vorurteile entmutigend.« Sich als Frau im Tischlerhandwerk behaupten zu müssen, darum käme man kaum herum und genau dabei gehe viel Energie und der Spaß an der Sache verloren.

Handwerkerinnen braucht das Land

Johanna hat sich von diesem Kampf mit ihrer Selbstständigkeit unabhängig gemacht, doch auch sie und ihr Mann, der tatkräftig im Büro unterstützt, sehen sich bis heute Geschlechterklischees ausgesetzt. Die Tischlermeisterin schreibt dazu auf ihrem Instagram-Profil: »Vorurteile aufgrund von stereotypischen Rollenbildern haben einen großen Einfluss auf das Selbstbild und Selbstwertgefühl (…). Das Resultat dieser Stimmen von außen ist, dass man seine eigene Stimme nicht mehr hört.« Um einen Kontrapunkt zu setzten, ist Johanna Partnerin der Organisation Klischeefrei, die sich für eine Berufswahl frei von Geschlechterklischees einsetzt. Was es brauche, seien entsprechende Vorbilder und eine sich verändernde Geisteshaltung in der Gesellschaft. »Ich glaube, je mehr Kolleginnen wir neben den Kollegen im Handwerk sind, je normaler das Bild einer Handwerkerin, je gemischter die Teams, desto entspannter das Arbeiten als normale Handwerkerin«, betont sie im Interview mit Klischeefrei. Das Tischlerhandwerk an sich sei so vielfältig, da finde jeder seinen Platz.

Johanna Röh hat ihren Platz gefunden. Ihr Fachwissen und ihre persönlichen Erfahrungen gibt sie in Workshops, auf Social Media und in ihrer Werkstatt weiter. Ihre Idee einen Beruf zu wählen, der Geschlechterklischees aufbricht, statt sie zu bedienen, ist nur eine Facette ihres Schaffens, die aber den Kern ihrer Überzeugung sichtbar werden lässt: »Mir ist es wichtig, auf Augenhöhe miteinander umzugehen.«


Henriette Sofia Steuer wünscht sich schon lange eine Abkehr von Geschlechterklischees in der Erziehung wie auch im Berufsleben. Sie findet es bräuchte mehr Frauen mit starken Überzeugungen und Stimmen wie Johanna Röh.


Steckbrief

Johanna Röh geht als junge Tischlergesellin 2009 auf eine weltweite Walz. Zurück in Deutschland ist sie seit 2016 selbstständige Tischlermeisterin.

www.johanna-roeh.de

www.instagram.com/tischlerin.johanna.roeh

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