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Bild: Artqu, Adobestock
Geschichten aus dem wahren Leben. Die Kolumne von Schreinermeister Laurenz E.

Samstagvormittag in der Werkstatt …

Dass Servicedienstleister wie Paketdienste aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen aktuell nicht den allerbesten Ruf genießen, ist bekannt. Bisher nicht bekannt dürfte mein samstägliches Erlebnis mit einer Postzustellerin sein.

Unsere Werkstätte, Büro und Ausstellung sind in einem Gebäude untergebracht. Durch einen zweischenkligen Wintergarten ist das Büro und die Ausstellung wunderbar lichtdurchflutet, und natürlich ist die Ausstellung mit ihren großen Glasflächen nach vorne zur Zufahrtsstraße hin ausgerichtet. Kunden, aber auch die Geschäftsleitung parken vor besagtem Wintergarten und betreten das Firmengebäude von vorn. Durch einen weiter hinten liegenden Eingang betreten die Mitarbeiter direkt die Werkstatt. Dass sich an diesem Personaleingang unser Briefkasten befindet, ist logistisch etwas unglücklich, hat aber einen pragmatischen Grund: Am Glas des Wintergartens kann man so schlecht Briefkästen anschrauben!

Die Postzusteller kommen meist durch den Haupteingang auf ein Schwätzchen ins Büro und legen uns die Post, quasi mundgerecht, auf den Schreibtisch. So auch an Samstagen – wenn ein Fahrzeug auf dem Chefparkplatz steht und das Büro offensichtlich besetzt ist.

An jenem Samstag aber benötigte meine liebe Frau das Familienfahrzeug und setzte mich vorher an der Firma ab. Man könnte also davon ausgehen, dass die Schreinerei nicht besetzt ist. Nun muss man wissen, dass meine Wenigkeit mit der samstäglichen, weiblichen, postalischen Aushilfskraft über die letzten Wochen ein gewisses persönliches Verhältnis aufgebaut hat, das sich im Wesentlichen auf die Erlaubniserteilung zur Benutzung unserer Toilette beschränkt. Denn just bei Betreten unseres Firmengebäudes muss sich bei der Dame ein derartiger Harndrang einstellen, dass sie meist gar nicht mehr mein: »…ja, ja natürlich, Sie wissen ja mittlerweile wohin…« hört und schnurstracks in der Toilette verschwindet. Bis zu jenem, für uns beide, verhängnisvollen Tag. Aufgrund des leeren Chef-Parkplatzes fuhr die gelb bejackte Dame mit ihrem ebenso gelben Bus direkt zum Briefkasten am Hintereingang . Aufgrund meiner Hilfsbereitschaft eile ich in rekordverdächtiger Geschwindigkeit zur Tür – ich wollte ihr das lästige Hineinstopfen und mir das ebenso lästige Herausholen der Post ersparen. Ich reiße die Türe auf und wäre fast über ein wasserlassendes gelbes Häuflein Elend gestürzt.

Entsetzte Fassungslosigkeit ist der Begriff, der mir dazu als erstes einfällt, insbesondere auch deshalb, weil unser Firmengelände mit ca. 4000 m2 sicher viele weniger einsichtige Örtchen bieten würde als ausgerechnet das vor unserer Haustüre!

Den Fußabstreifer, der vor unserem Nebeneingang lag, ließ ich dann am Montag von unserem Lehrling entsorgen!

Gesehen habe ich die Dame tatsächlich nie wieder!