Brandschutz im holzverarbeitenden Betrieb

»Mit Wumms ging alles hoch«

Wie die Holzmanufaktur Sieber & Haslach nach einem Brand neu anfangen musste. Über eine Katastrophe, die jedem Schreiner passieren kann – und was sich daraus lernen lässt.

Klaus Mergel, Epfach

In der Ruine liegt die Kraft. Zwei Tage nach dem Brand saßen die Mitarbeiter schon zusammen, erinnert sich Gerhard Haslach. Es stank nach Rauch, alles tropfte vom Löschwasser, nichts erinnerte mehr an eine Schreinerei. Dennoch war man sich einig: »Wir wollen, dass es weitergeht.« Und alle packten mit an, so der 39-Jährige: »Beim Aufräumen in den Tagen danach brachte jeder Werkzeug mit. Das hat geholfen – und wenn es nur eine Schaufel war.« Andere Betriebe fragten nach, wie sie helfen könnten. Meisterschul-Kameraden von Haslachs Partner Ludwig Sieber stellten ein Dutzend Schragen vor die Tür, damit die Produktion weitergehen kann.

In der Not braucht man Freunde. Der Meisterbetrieb Sieber & Haslach in Prem am Lech (Oberbayern) war im März 2015 abgebrannt. Mit allen Maschinen und dem kompletten Holzlager, immerhin konnte Sieber den Computerserver retten.

Ein zuvor blühender Betrieb: Neben der Allroundschreinerei, die Haslach leitet, stellt Sieber Naturholzdielen in Sonderformaten bis zu 15 m her: Die »Premer Landhausdiele« ist durchaus ein interessantes Nischenprodukt. Es lief gut. Erst 2010 wurde ein neues Betriebsgebäude errichtet. Ein neues Lager war fast fertig. Doch dann die Katastrophe an einem Märzabend, die die Feuerwehr später als »Millionenschaden mit zwei Verletzten« meldet. Die beiden Mitarbeiter hatten eine leichte Rauchvergiftung, Gott sei Dank nichts Schlimmeres.

Der Albtraum jedes Schreiners, jedoch kein seltener: Zwar existiert in Deutschland keine Brandstatistik, doch ein Drittel aller Brände in gewerblichen Betrieben, welche das Institut für Schadenverhütung (IFS) anhand von tausend Schadensfällen 2015 untersuchte, fällt auf solche, die Holz oder Papier verarbeiten. Neben Elektrizität, menschlichem Fehlverhalten und Brandstiftung nennt das IFS »Selbstentzündung« als häufige Ursache. Auffällig: Mit 9,5 Prozent der Fälle passiert dies sechsmal so oft in holzverarbeitenden Betrieben wie in anderen.

Brandursache statische Aufladung?

Möglicherweise war dies auch die Ursache beim Brand von Sieber & Haslach. Ludwig Sieber erinnert sich: Ein Kollege habe eine Walze, die zum Ölen der Oberflächen verwendet wurde, in einem Becken gereinigt. »Mit einem Wumms ging das Feuer hoch«, sagt der 47-Jährige. »Eine Feuerwalze wanderte wie im Film über die Decke. Die Kollegen versuchten, das mit Feuerlöschern in den Griff zu bekommen – keine Chance.«

Dass Behandlungsmittel wie etwa Leinöl ein erhöhtes Risiko darstellen, wissen Schreiner natürlich. Bei Sieber & Haslach gab es jedoch keinen gefährlichen Wärmestau, der entsteht, wenn man ölgetränkte Lappen in einem Müllsack sammelt. Auch waren Becken und Walze aus Edelstahl – also funkenfrei. »Möglicherweise kam es zur statischen Aufladung an der Kleidung des Mitarbeiters«, sagt Sieber.

Schreinereien sind generell zusätzlich gefährdet: Explosionen kommen dort laut IFS dreimal so häufig vor wie in anderen Betrieben. Etwa durch Lösungsmittel und – oft unterschätzt – Staub in der Luft. Daher achtete man in dem bayrischen Betrieb nun beim Neubau auf eine effiziente Staubabsaugung.

Gefahrenquellen gibt es viele

Auch Überhitzung ist ein Thema – sie passiert in holzverarbeitenden Betrieben doppelt so oft. Brennbare Materialien, die zu nahe an einem Ofen gelagert werden. Rückbrände von Festbrennstoffofen. Oder funkenreißende Maschinen, deren glühende Partikel von einer Absauganlage aufgesaugt werden können: die Risiken sind vielfältig. Das IFS berichtet in seinem Bericht von einer Tischlerei, in der eine Hobelmaschine, die an eine Absauganlage angeschlossen war, ein Feuer auslöste. Ein glühender Partikel, so die Brandermittler später, verursachte das Feuer. In dem Unglücksfall war die Absaugung mit Holz verkleidet. Eine Verkleidung aus Stahlblech »hätte zu einer geringeren Brandausbreitung geführt«.

Die Trümmer nach einem Brand sind niederschmetternd. Nach drei Wochen wurde jedoch bei Sieber & Haslach schon wieder produziert. Zum Teil arbeitete man im Gebäude der Zimmerei Jörg, wo die Firma früher saß. Die Dielenherstellung brachte man anfangs bei einem Mitbewerber unter, später mietete Sieber eine Halle im nahen Marktoberdorf an. Eine schwierige Zeit von Provisorien.

Heute produziert die Firma mit 32 Mitarbeitern im Neubau auf 5000 m2: eine solide Konstruktion mit Betonträgern, das Dach ruht auf Holzleimbindern. Auf beiden Etagen kann mit dem Stapler rangiert werden, was die Arbeit erleichtert. Wie zuvor konstruiert Haslach mit CAD, die Fertigung geschieht weiterhin ohne CNC, da dies bei der breiten Auftragspalette wenig Sinn macht. »Wir waren früher gut aufgestellt und sind es weiterhin«, sagt Haslach.

Büro und Ausstellungsraum sind noch provisorisch in Containern untergebracht. Doch der Sozialraum hat mit den Wänden aus gedämpfter Tanne eine Wohnlichkeit, wie sie manche private Stube nicht bieten kann. »Unsere Mitarbeiter mussten viel Geduld haben. Es war uns ein Anliegen, dass dieser Bereich besonders schön wird », sagt Siebers Ehefrau Silke, die neben dem Büro den Neuanfang des Betriebs organisierte.

Neue Werkstatt für 32 Mitarbeiter

Langjährige Geschäftsbeziehungen zahlten sich nun aus. Kunden sprangen kaum ab: Es gab nur drei Stornierungen. Auch die Lieferanten hätten sich verständnisvoll gezeigt und zogen zum Teil die Bestellungen vor, wie die 44-Jährige erzählt.

Doch ein Neuaufbau dauert. Die Versicherungsvertreter gaben sich die Klinke in die Hand. Nur ein Jahr lang bezahlte die Betriebsunterbrechungsversicherung, welche die Firma abgeschlossen hatte. »Allein ein Jahr braucht es, bis die Planung erstellt und der Bauantrag für so ein Gebäude bei den Behörden durch ist«, sagt Haslach.

Insgesamt sollten jedoch drei Jahre vergehen, bis die Versicherung den Schaden abschließend regulierte – und das nur zu einem geringen Teil. Denn es stellte sich heraus, dass Sieber & Haslach unterversichert waren. »Dabei hatten wir uns bei unserem Makler ein Jahr zuvor genau deswegen informiert, sagt Sieber.

Verhängnis Unterversicherung

Auch nach einem gerichtlichen Vergleich erhielt die Firma nicht die volle Schadenssumme von der Versicherung. Der Hintergrund: Es wurden für die Police falsche Zahlen verwendet: nicht der aktuelle Neuwert, sondern der Anschaffungswert – ein katastrophaler Irrtum. Auch heute noch sorgt das für Kopfschütteln: »Wir sind Handwerker. Wir müssen uns auf das Wissen der Experten verlassen können«, sagt Haslach. »Eine Unterversicherung – sei es durch Unwissenheit oder durch Sparsamkeit – kann zum bösen Erwachen bei einem Brandfall führen«, sagt Alexander Küsel vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Denn auch wenn der Schaden weit unter der gesamten Versicherungssumme liegt, wird am Ende die Erstattungssumme prozentual reduziert (siehe Kasten).

Neubau mit Hydrant

Die Schreinerei in Bayern zumindest konnte dank gemeinsamen Anpackens wieder aufgebaut werden: 3,5 Mio. Euro musste man investieren. Alle Brandschutzauflagen wurden exakt erfüllt, man installierte sogar zusätzlich einen Hydranten. Für die Sauberkeit sorgt ein peinlich eingehaltener Reinigungsplan. Auch die Mitarbeiter sind sensibilisiert und erinnern sich gegenseitig daran, die Brandschutztüren zu schließen: Die Aufteilung in Brandabschnitte ist essentiell. »Damit das ja nicht mehr passiert«, sagt Sieber. »Brandschutz in Schreinereien ist ein komplexes Thema«, sagt Philipp Knappich, Tragwerksingenieur und Brandschutzexperte. »Wegen der erhöhten Brandgefahr durch Materialien sowie Risiken, die bei der Produktion entstehen – etwa Stäube und Dämpfe – werden solche Neubauten heute in mehrere Brandabschnitte geteilt, die auf 40 Meter Länge begrenzt sind.«

Feueralarm in der Osternacht

Umso größer der Schock, als an Ostern 2018 in Prem wieder die Sirenen heulten: Rauch kam aus dem Spänebunker der Schreinerei. Doch die Feuerwehr war schnell da, um die Katastrophe zu vermeiden. Sie stellte ein Glutnest im Bunker fest. Ein Feuer wurde vermieden, indem sie mehrere Stunden den Bunker ausräumte. Die Ursache ist bis heute unbekannt.

Die beiden Unternehmerfamilien waren trotz des Schrecks verständlicherweise mehr als erleichtert: »Die Osternacht ist für uns und die tüchtigen Jungs von der Feuerwehr drauf gegangen. Gott sei Dank war es nicht mehr«, sagt Haslach.

Was aber bleibt, ist die Erfahrung eines Unglücks, das jeden Handwerksbetrieb treffen kann. Zwar wurde vieles in den Arbeitsabläufen optimiert, der Zusammenhalt ist gewachsen. Dennoch: »Der Brand hat uns um Jahre zurückgeworfen, das muss ich nicht wieder erleben«, sagt Sieber.


Brandprävention: Damit es gar nicht erst brennt

Es gibt einiges, was Inhaber tun können, um das Brandrisiko in der Schreinerei niedrig zu halten. Das A und O: Für hohe Sauberkeit und Ordnung im ganzen Betrieb sorgen. So sollte jeder Handwerker darauf achten:

 dass entzündbare Flüssigkeiten an sicheren Orten gelagert werden.

 Staub nicht abblasen, da er sich sonst weiter verteilt und zur Explosionsgefahr werden kann. Besser: saugen oder kehren. Auch Filteranlagen regelmäßig reinigen.

 Abfälle aus dem Arbeitsbereich entfernen.

 Maschinen regelmäßig reinigen, da Motoren warm werden können. Ebenso die elektrischen Anlagen auf Vordermann halten und regelmäßig prüfen lassen.

 Ölhaltige Lappen, wie sie bei der Oberflächenbehandlung entstehen oder mit brennbaren Flüssigkeiten getränkte Putzwolle nur in nicht brennbaren Behältern mit dicht schließendem Deckel aufbewahren.

 Nach Betriebsschluss Brandschutztüren immer schließen, Stromkreise unterbrechen und Fenster gegen Einbrecher (Brandstiftungsgefahr!) sicher schließen.

 In der Lackiererei alle entzündbaren Flüssigkeiten sicher in einem geschützten Farblager aufbewahren.

 Zusätzliche Maßnahmen wären, Funkenlöschanlagen und je nach Risiko und Betriebsgröße in Absprache mit dem Versicherer eine Brandmelde- oder Löschanlage zu installieren.

 Alle Mitarbeiter sollten geschult werden, wie Feuerlöscher und Brandmeldeeinrichtungen funktionieren: Hier bieten lokale Feuerwehren oder auch die Berufsgenossenschaft Unterweisungshilfen und auch Schulungen an.

Es empfiehlt sich, einen Reinigungsplan zu erstellen, nach dem die Mitarbeiter die Werkstatt systematisch reinigen: Dafür regelmäßig eine halbe Stunde extra einplanen. Ebenso ist eine Checkliste für einen entspannten Feierabend und ein sicheres Wochenende hilfreich. Scheuen Sie sich nicht, die BG und den Feuerversicherer um eine Brandschutz-Beratung zu bitten und nutzen Sie deren Erfahrungen!

Vom VDS gibt es eine Handlungshilfe zum »Brandschutz im Betrieb« mit einer Mustercheckliste: https://shop.vds.de/de/produkt/vds-2000/

Marco van Lier, Schadensverhütungsexperte beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft


Hilfe in der Not

Essentiell ist für jeden Betrieb eine Betriebsunterbrechungsversicherung. Sie tritt sofort nach dem Schadensfall ein, um die Ertragsausfälle durch einen Produktionsstopp fürs Erste aufzufüllen – ein Ausfall kann schnell existenzbedrohend sein. Die Grundlage dafür ist üblicherweise ein Jahr. Gerade in größeren Betrieben ist es jedoch ratsam, diese auf zwei bis drei Jahre abzuschließen: Bis der Schaden reguliert wird, die Gebäude wieder stehen und ein Betrieb wieder produzieren kann, dauert es oftmals länger.


Unterversicherung: Ein schlummerndes Problem in vielen Betrieben

Gesetzlich ist es so geregelt, dass die Versicherung am Schadenstag die Schadenssumme und den tatsächlichen Wert eines Betriebs prüft. Stellt sich heraus, dass ein Betrieb unterversichert ist – also die Versicherungssumme nicht dem tatsächlichen Wert an Gebäude und Inventar entspricht – müssen Versicherte mit Abzügen rechnen. Ein Beispiel: Ein Betrieb hat einen Wert von 100 000 Euro. Um Prämie zu sparen, versichert der Inhaber nur 50 000 Euro – ausgehend davon, dass ihm das Geld im Schadensfall reicht. Entsteht nun ein Schaden von 10 000 Euro und die Versicherung stellt eine Unterversicherung von 50 Prozent fest, erhält er nur 5000 Euro. Der Gegenstand einer Versicherung sollte also nicht der abgeschriebene Restwert sein, sondern der Wiederbeschaffungswert: Was kostet die Maschine selber Art und Qualität heute? Dies betrifft Materialien wie Holz, bei denen die Preise schwanken. Der Inhaber sollte also dem Versicherer regelmäßig aktualisierte Zahlen über den Realwert – etwa im Rahmen einer Inventur – liefern. Ohnehin ist es ratsam, einmal pro Jahr ein Gespräch mit dem Versicherer zu führen. Es geht auch weniger aufwändig: Um den Versicherungswert anzupassen, kann eine Wertanpassungsklausel in den Vertrag genommen werden, bei dem sich die Summe automatisch und in festgeschriebenen Intervallen erhöht. Diese kann auf Wunsch unterbrochen werden. Bei Unsicherheit sollte man sich nicht scheuen, ein Gespräch mit dem Versicherer zu führen und auch ein Alternativangebot einzuholen.

Alexander Küsel, Leiter Schadenverhütung, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft