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Bild: Artqu, Adobestock
Geschichten aus dem wahren Leben. Die Kolumne von Schreinermeister Laurenz E.

Knapp vorbei ist auch daneben

Handwerker brauchen bisweilen einen ehrgeizigen Schutzengel! Vor dem Absolvieren der Meisterprüfung arbeitete ich in einer ortsansässigen Schreinerei. Für den Treppenbau gab es bei uns einen Spezialisten, nennen wir ihn hier an dieser Stelle einfach mal Anton, was selbstredend nur ein Pseudonym ist. So kam es, dass Anton eine von ihm gefertigte Treppenanlage auf der Baustelle montieren sollte und ich ihm als Montagehelfer – der Lehrling war in der Berufsschule – zugeteilt wurde. Beim Betreten der Baustelle fand sich folgende Situation vor: Betonierte und bereits geflieste Podesttreppe in den Keller. Darüber tat sich das noch leere Treppenhaus ins Obergeschoss auf. Lediglich auf halber Etagenhöhe ragte auch hier ein betoniertes Podest, an dem später einmal unsere beiden geraden Treppenläufe andocken sollten, in die ansonsten gähnende Leere.

Zunächst gab es natürlich einiges an den räumlichen Gegebenheiten zu überprüfen, nachzumessen und anzureißen. Zu diesem Zweck stellte der Handlanger, also meine Wenigkeit, eine Leiter auf die dritte Stufe der Kellertreppe und lehnte diese ans Podest. Anton führte nun seine Messungen auf dem Podest durch und musste dies selbstverständlich dann auch auf der Fußbodenebene des Obergeschosses durchführen. Also: Anton mittels Leiter runter vom Podest, Leiter vom Podest zur Kante der Erdgeschossdecke umgelegt, Anton wieder rauf. Diese ganze Prozedur wurde ein paarmal wiederholt – Anton war und ist auch heute noch sehr gewissenhaft! Vermutlich war es unserer jugendlichen Unbedarftheit geschuldet: Dem ewigen Leiter-runter-Leiter-rauf Leid geworden, versuchte Anton nun, auf der Leiter stehend, vom Podest in Richtung Deckenkante und umgekehrt zu schwingen! Zunächst ganz sachte und umsichtig, dann jedoch immer mutiger und rasanter. Fast hätte man den Eindruck gewinnen können, Anton genoss dieses Gefühl der zeitlich begrenzten Schwerelosigkeit.

Es kam, wie es kommen musste: Weil der Fliesenleger einige seiner Utensilien in den Keller tragen musste, entfernte ich unsere Leiter mal eben kurz von ihrem angestammten Platz. Zu dumm nur, dass ich sie im Anschluss nicht mehr auf die dritte, sondern auf die fünfte Treppenstufe stellte. Ich sehe Anton noch vor mir, wie er sich mit Schmackes vom Podest Richtung gegenüberliegende Geschossdecke schwingt – und mit weit aufgerissenen Augen knapp unter der Deckenkante vorbeisegelt. Die Situation war für mich in diesem Moment derart skurril (Stan Laurel und Oliver Hardy lassen grüßen), dass ich, begleitet von den Flüchen des Kollegen, lauthals lachen musste. Dem eingangs erwähnten Schutzengel sei Dank: Bis auf ein paar Schrammen ist Anton unbeschadet davongekommen. Unsere Freundschaft, die mittlerweile seit 35 Jahren anhält, hat darunter nicht gelitten.