dds vor Ort

Industrie 4.0 ganz konkret

Mit nur einem Mausklick löst Produktionsleiter Cengiz Kilicarslan bei Horatec die Produktion mehrerer hundert Auftragspositionen aus. Von seinen beiden Bildschirmen aus steuert er zwei Werke gleichzeitig. Intelligente Netzwerke erleichtern ihm die Arbeit.

Er schaut auf zwei Bildschirme, drüber der Panoramablick auf das ältere Werk I. Von hier aus leitet Cengiz Kilicarslan die Produktion der Horatec-Werke I und II in Hövelhof bei Paderborn. Jedes produziert pro Schicht rund 1000 Möbelteile. Am linken Bildschirm läuft zurzeit das selbstprogrammierte, über 20 Jahre gewachsene Produktionsplanungs- und Steuerungssystem (PPS oder ERP). Es bildet die Prozesse bei Horatec besser als jedes gängige PPS. Dahinter verbergen sich alle zu fertigenden Möbelteile mit allen Beschreibungen, Bearbeitungsinformationen und Terminen. Der rechte Bildschirm hängt am Fertigungsleitsystem von 3Tec und zeigt die aktuellen Anlagenzustände im Werk I oder im nur 100 m entfernten, gerade mal ein halbes Jahr alten Werk II. Beide Werke sind fast identisch, aber dennoch spezialisiert – Werk I kann beispielsweise Furnierkanten, Werk II Laserkanten. Wie jeden Tag nimmt er sich ein bis zwei Stunden Zeit und weist den Werken die Arbeit für ungefähr einen Tag zu. Pro Werk und Schicht sind das etwa 1000 Teile. Auf diese Größe sind die Fertigungskapazitäten sowie die Pufferlager ausgelegt. Die Auswahl schränkt er beginnend mit allen noch zu fertigenden Teilen ein, zunächst auf die für den nächsten Auslieferungstermin, dann auf »in Werk II zu fertigen« dann auf die Kantenleimfarbe Transparent. Mit dieser Leimfarbe hat die letzte Schicht gestern geendet. Um einen unnötigen Leimwechsel zu vermeiden, weist er dem Werk II die etwa 200 Teile zu, die das PPS jetzt noch anzeigt. Mit der Maus schiebt er den Block vom linken auf den rechten Bildschirm in das Fertigungsleitsystem (FLS) von 3-Tec. Mit weiteren Filtern, wie Dekor oder Stückzahl verteilt er nach und nach alle Teile auf beide Werke. In der Reihenfolge, in er der sie an 3-Tec übergibt, arbeiten die Werke sie ab.

Vollautomatischer Materialfluss
Das Fertigungsleitsystem organisiert den komplett vollautomatisierten Materialtransport, legt die Platten auf die Sägen, fährt die Zuschnitte in riesige Hochregalpuffer, versorgt daraus die Bekantungszelle und lagert fertig bekantete Teile wieder ein. Gleichzeitig versorgt das FLS die Bohrmaschine, an die sich für jede Kommission eine Packstation anschließt. Über Barcodeetiketten erhalten die Zellen die Programme. Das FLS stellt sicher, dass alles wirtschaftlich läuft, etwa nur vollständige Positionen zum Versand freigegeben werden, ein Leimwechsel nur dann stattfindet, wenn alle Teile mit einer Leimfarbe abgearbeitet sind oder dass eine Auftragskommission als geschlossener Pulk an die Bohrmaschine und den Versand kommt.
Damit das alles reibungslos funktioniert, sorgt eine über 20 Jahre gewachsene, vertikale Vernetzung für einen fehlerfreien Einlauf der Bestellungen in das ERP-System. Horatec beschäftigt 90 Mitarbeiter und beliefert Tischler und Schreiner, die das Konstruktions- und Bestellprogramm Roomdesigner gekauft haben und darin geschult sind. Sie können ganze Einrichtungen, aber auch Einzelstücke konstruieren, online den Preis und den Liefertermin abfragen und per Mausklick bestellen.
Horatec kooperiert mit dem Holzwerkstoffhersteller Egger und hält die komplette Zoom Kollektion auf Lager. Egger liefert die von Horatec gefertigte Ware mit aus. Eine Kundenanfrage richtet sich im Hintergrund zunächst an das ERP-System. Es berücksichtigt die benötigten und verplanten Fertigungskapazitäten sowie die Materialverfügbarkeit. Ein gespiegeltes, virtuelles FLS-System simuliert die Fertigung und ermittelt den möglichen Liefertermin sowie den Preis.
20 Jahre gewachsen
Der Horatec-Geschäftsführer Wolfgang Thorwesten beschreibt seinen Betrieb: »Unser Mengendurchsatz ist so gewachsen, dass wir unser Material manuell gar nicht mehr sortieren und handhaben können. Deswegen leben wir Industrie 4.0 schon viel länger als es den Begriff gibt. In kleinen Schritten ist über 20 Jahre hinweg immer wieder ein Baustein, eine Funktion oder eine Vernetzung hinzugekommen. Auf einen Schlag hätten wir das niemals geschafft. Jetzt sind wir den meisten mehrere Schritte voraus und profitieren von unserer mühseligen Entwicklungsarbeit.«

Kontakt

Anwender: Horatec GmbH, www.horatec.de
Fertigungsleitsystem: 3Tec Automation GmbH & Co. KG, www.3tec.de
Sortierpuffer: Systraplan GmbH & Co. KG, www.systraplan.de
Maschinen: Homag Group AG, www.homag-group.com

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dds-Redakteur Georg Molinski hat Horatec in Hövelhof besucht und schaute dem Produktionsleiter Cengiz Kilicarslan über die Schulter. Wolfgang Thorwesten gab ihm einen Einblick in die Netzwerkarchitektur.

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»Wir setzen heute schon das um, wovon viele sprechen, Industrie 4.0«
Wolfgang Thorwesten
Horatec