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Bild: Artqu, Adobestock
Aus dem wahren Leben. Die Kolumne von Schreinermeister Laurenz E.

Hollywood auf der Baustelle

Auch im (Handwerker-)Leben gibt es Situationen, die denen einer Hollywood-Schnulze in nichts nachstehen. Folgende Ausgangssituation: Das jung vermählte Paar – nennen wir es Familie Knauer – steckt seine ganze Energie in die Errichtung ihres Einfamilienhauses. Als sich auch noch Nachwuchs ankündigt, ist das Glück perfekt. Allerdings ist jetzt die Fertigstellung des Nestes von noch größerer Bedeutung, soll doch der neue Erdenbürger seine ersten Lebenswochen in den heimischen Gemächern verbringen. Also ist Eile angesagt. Unter Bündelung der privaten Arbeitskräfte sowie der am Bau beteiligten Firmen, zu der auch unser Betrieb zählte, wurde das Werk tatsächlich im gesteckten Zeitrahmen vollbracht. Familie Knauer konnte zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin ihr Häuschen beziehen. Zwei Tage später reklamierte Frau Knauer die von uns eingebaute Schiebetür zur Speisekammer. Diese klemme beim Einschieben ein wenig, man könne das doch sicher nachjustieren. Nichts Gutes ahnend, da es sich um ein in die Wand laufendes Exemplar handelte, beorderte ich unseren erfahrensten Mitarbeiter zum Knauerschen Anwesen. Vor Ort nahm ihn eine gutgelaunte und mittlerweile kugelrunde Frau Knauer in Empfang und Kollege Reinhold machte sich sofort an die Bestandsaufnahme. Per Handy informierte er mich über die Situation: Die hinteren beiden Schrauben, mit denen die Schiene am Sturz befestigt war, hatten sich gelockert und verursachten das Abkippen des Türblattes beim Einschieben. »Chef, da hilft nur eins«, höre ich Reinhold wie heute in seiner unnachahmlich pragmatischen Art ins Telefon diagnostizieren, »da müssen wir die Wand im oberen Bereich öffnen – anders sehe ich da keine Chance«. Ich gab letztlich mein Okay und Reinhold versicherte mir, dass die mit Sicherheit auftretenden Staubemissionen die Speisekammer nicht verlassen werden. Anschließend machte ich mich auf den Weg zum Tatort. Auf dem Weg zur Haustür passierte ich das geöffnete (!) Speisekammerfenster. Im Inneren war aufgrund der massiven Staubentwicklung absolut nichts auszumachen, einzig das penetrante Geräusch der von Reinhold geführten Flex war zu hören. Ich drückte die nur angelehnte Haustür auf und was ich sah, raubte mir buchstäblich den Atem: Das komplette Erdgeschoss war mit einer roten Ziegelstaubschicht überzogen! Durch das geöffnete Fenster war vermutlich ein Sog entstanden, der das Klebeband gelöst hatte, womit die Katastrophe ihren Lauf nahm. Wir machten uns sofort auf die Suche nach Frau Knauer. Wir fanden sie im OG schluchzend und in einer Art Schockstarre auf dem Bett kauernd. Der sofort herbeigerufene Notarzt verbrachte sie umgehend in die Klinik. Der wenige Minuten später eintreffende Herr Knauer konnte dann schon seinen Sohn in den Armen halten. Epilog: Schiebtür läuft! Haus wurde von unserer Belegschaft samt Ehefrauen und Reinigungsfirma gesäubert. Verhältnis zu Familie Knauer ist nach wie vor ein sehr gutes: der 16-jährige Knauer jun. absolviert bei uns eine Schreinerlehre!