Geld schießt keine Tore

Von einem Handballer kann man lernen, dass Macht abgeben Spaß macht und Erfolg bringt: Alwin Berg, Geschäftsführer der Deezbüller Holzwerkstatt, kennt aus seiner Zeit im Profisport den Mannschaftsrat – und hat ihn zu einem Führungsinstrument im Betrieb gemacht.

Das letzte Dorf vor Sylt, dort, wo der Auto-Shuttle abfährt, heißt Niebüll. Seit 1956 gibt es hier die Deezbüller Holzwerkstatt. Der Inhaber Peter Raddatz hat vor einigen Jahren Alwin Berg, seinen erfahrenen Betriebsleiter, als gleichberechtigten Partner in die Firma aufgenommen. Seither wird die Tischlerei, die »handwerkliche Lösungen für Kunden mit gutem bis sehr gutem Einkommen« liefert, also von einer Doppelspitze geführt. Ein neues Werkstattgebäude wurde errichtet, der Laden läuft ganz offensichtlich. Doch das ist den beiden Inhabern nicht genug. Sie wollen, dass ihre Leute nicht nur gut arbeiten, sondern dass sie gerne arbeiten – dass sie gut arbeiten, weil sie gerne arbeiten. Von jeher hat sich das Unternehmen dies als eine Art Betriebsethos auf die Fahne geschrieben.

Der Weg zum Mannschaftsrat
Wie es heutzutage Usus ist, wurden irgendwann Mitarbeitergespräche eingeführt. Die Erfahrungen damit waren aber eher schlecht: zwar wurden betriebliche Verbesserungen angeregt, aber nur wenig davon konnte umgesetzt werden – immer ging das Tagesgeschäft vor. Schließlich wurden die Gespräche von den Mitarbeitern schon belächelt. Etwas Neues musste her, denn es war den beiden Chefs ernst mit der Idee, gemeinsam besser zu werden. Die Lösung war eine Art Mannschaftsrat, wie ihn Alwin Berg während seiner aktiven Zeit in der zweiten Handball-Bundesliga erlebt hatte: Drei Spieler und der Trainer bildeten ein Gremium, das alle Entscheidungen traf. Das Wichtigste daran: Der Rat war keine Alibi-Einrichtung, bei der zuletzt der Boss allein entschieden hat. Der halbprofessionelle Verein musste seine Geldknappheit mit Teamgeist kompensieren, und so bestimmte der gewählte Rat auch Aufstellung und Taktik. Die Mitbestimmung umfasste sogar Personalfragen. Die Mannschaft stand hinter jeder Entscheidung – und gewann. Oft genug jedenfalls, um die Klasse zu halten.
Wie im sportlichen Wettkampf
Die Tischlermeister fragten sich: Geht es nicht dem Handwerksbetrieb ähnlich? Muss er nicht genauso gegen die Konkurrenz der Größeren ankämpfen und mit Cleverness und Siegeswillen punkten? Das war die Geburtsstunde des »Team3« – so heißt der Deezbüller Mannschaftsrat. Zunächst wurden drei Mitarbeiter ausgewählt: bewusst unterschiedliche Typen, aber jeweils mit »Standing« im Betrieb. Im Herbst 2015 wird der Rat zum ersten Mal von der Belegschaft gewählt. Jede Sitzung ist Arbeitszeit und dauert 90 Minuten, nicht länger. Dafür sorgt eine strikte Agenda und ein »Zeitwächter«, der die Redezeit kontrolliert. Weitere Regeln:
  • an den Meetings nimmt nur einer der Betriebsinhaber teil, stellvertretend für beide
  • bei Abstimmungen sind alle vier Teilnehmer gleichberechtigt (Inhaber und drei Mitarbeiter)
  • alle Teammitglieder unterzeichnen einen Verhaltenskodex, der den Umgang miteinander während eines Meetings regelt
  • der teilnehmende Geschäftsführer trägt die Beschlüsse des Kreises nach außen. Sie gelten wie Entscheidungen der Geschäftsführung. So wird verhindert, dass Mitglieder der Gruppe in den Fokus eventueller Kritik geraten
  • der teilnehmende Geschäftsführer kann im Team Aufgaben vergeben. Er legt dafür Budget und Handlungsrahmen fest. So lassen sich betriebliche Verbesserungen pragmatisch und schnell umsetzen
  • bei jedem Meeting gibt es einen festen Ablauf mit einer rotierenden Aufgabenverteilung (Einladung mit Agenda, Zeitwächter, Protokoll)
Der beteiligte Chef kommuniziert die Beschlüsse des Gremiums an die Belegschaft. Hat dann einer etwas zu meckern, können die Teammitglieder den Beschluss durch Argumente untermauern. Anders als Dekrete von oben, die jeder gern bekrittelt, weil keiner gefragt wurde, haben die Team3-Beschlüsse Gewicht. Wenn früher etwas schlecht lief, hieß es: »Siehste, ging schief, hab ich mir vorher gedacht.« Mit dem Mannschaftsrat fühlen sich dagegen alle im Boot, bei Sturm und bei Flaute.
Selbstführung ersetzt die Fremdbestimmung in einem Maß, das zwar nicht unbegrenzt ist, aber im Rahmen des gesunden Menschenverstandes auch weit über Unverbindlichkeiten hinausgeht – bis hin zu wirtschaftlich relevanten Entscheidungen. Die beiden Betriebsinhaber fürchten sich jedenfalls nicht davor, dass im Rahmen der Team3-Meetings blühender Unsinn beschlossen werden könnte. Und die Mitarbeiter? Sie spüren die Ernsthaftigkeit des Anti-Hierarchie-Experiments und identifizieren sich mit dem Betrieb. Alwin Berg: »Wir haben hier extrem wenig Nörgler.« Alle sind bereit, die Ärmel hochzukrempeln, wenn mal etwas danebengeht, sie fühlen sich mitverantwortlich. Ein Effekt, den kein Leistungsbonus erzeugen kann: Geld schießt keine Tore – und begeistert auch keine Kunden.

Steckbrief

Die Tischlerei Deezbüller ist Mitglied der Meisterteam-Verbundgruppe und wurde beim Innovationspreis 2014 zum Thema: »Handwerk 2020. Wie machen Sie Ihren Betrieb fit?« mit dem ersten Preis ausgezeichnet.