Elektrisierend

Dem Elektroauto gehört die Zukunft. Bis 2020 sollen eine Million auf Deutschlands Straßen rollen. Derzeit sind es gerade mal 24 000. Dabei sind die Stromer auch fürs Handwerk interessant. dds-Autor Andreas Fritzsche fuhr einen davon Probe – den Nissan e-NV200.

Der Nutzfahrzeug-Stromer von Nissan ist ein ganz normaler Transporter. Der e-NV200 verfügt über 4,2 m3 Ladevolumen und bietet Platz für zwei Europaletten. Die Schiebetüren an beiden Fahrzeugseiten und die weit öffnenden Hecktüren stellen ein leichtes Be- und Entladen sicher. In nichts steht er einem Benziner oder Diesel nach. Einziges Manko: die Reichweite.

So ist das Fahren mit dem Nissan Entspannung und Stress zugleich. Entspannung, da sich das Fahrzeug mit dem stufenlosen Elektromotor zügig und einfach bewegen lässt: Ein Druck auf das Gaspedal und das Fahrzeug prescht vehement vorwärts. Stress, da man selbst bei kleinen Überlandtouren ständig in Sorge sein muss, ob die Reichweite ausreicht, um einen tatsächlich ans Ziel zu bringen. Eine Fahrt von Frankfurt am Main nach Wiesbaden – mit einem Schlenker über Bad Homburg gerade mal 77 km – entwickelt sich da fast zum Abenteuer. Bei der Abfahrt signalisiert der Tacho: noch Strom für 163 km. Bei Ankunft sind es nur noch 38 km. Die Stromtankstelle im Parkhaus ist defekt. Die Elektrotankstelle eines Stromversorgers lässt sich nur mit Kundenkarte bedienen. Bei der dritten Ladesäule klappt es, doch der Fußweg zurück in die Stadt dauert 45 Minuten und später wieder zum Auto genauso lange, aber es ist vollgetankt. Mit dann stromsparender Fahrweise (auf Eco eingestellt, Klimaanlage und Radio aus) geht es zurück – ohne Probleme. In der Garage wartet die Schuko-steckdose und der Nachbar schaut neidisch.
Der auffälligste optische Unterschied zwischen dem e-NV200, den es als Kastenwagen und Kombi gibt, und seinem konventionell angetriebenen Modellbruder betrifft die Frontpartie. Die mittige Klappe des Ladeanschlusses und bläuliche LED-Scheinwerfer verleihen einen modernen Look. Auch die pfeilartigen Positionsleuchten in den sichelförmigen Scheinwerfereinheiten sind blau akzentuiert. LEDs kommen bei allen Modellen an den Rückleuchten zum Einsatz, in den Pkw-Modellen zusätzlich auch an den Frontscheinwerfern.
Innen mutet der Nissan nicht besonders futuristisch an. Einzig die Lenkradheizung, die man gut gebrauchen kann, wenn aus Stromspargründen die Heizung ausgestellt wird, strahlt ein wenig den revolutionären Geist der Stromer aus. Im Innenraum verfügt der e-NV200 über eine Instrumententafel für Geschwindigkeit, Ladezustand, aktuelle Reichweite sowie Motorleistung und Rekuperation. Das neue Bremssystem mit leistungsfähigerer Energierückgewinnung (Rekuperation) ist ein Fortschritt. Damit reagiert Nissan auf die zu erwartenden hohen Einsatzzeiten des e-NV200 im Stadtverkehr mit häufigen Starts und Stopps.
Die Lithium-Ionen-Batterie besteht aus 48 Modulen und weist eine Kapazität von 24 kWh auf. Die Batterieeinheit ist unter dem Fahrzeugboden unterhalb des Laderaums in einem zusätzlich verstärkten Bereich untergebracht. Dadurch stieg die Verwindungs- und Quersteifigkeit der Karosserie gegenüber dem NV200 um 20 bis 35 Prozent. Dank des tiefen Fahrzeugschwerpunkts bietet der e-NV200 außergewöhnliche Komfort- und Handling-Eigenschaften.Das Rangieren ist sehr einfach, da der e-NV200 inklusive der Rückfahrkamera sehr übersichtlich ist. Allerdings sollte die Federung Gullideckel und Schlaglöcher deutlich entspannter abfedern und das Fahrzeug könnte sich etwas weniger aufschaukeln.
Der Verbrauch mit 2,02 Euro an Stromkosten pro 100 km überzeugt. Das Motorkonzept ist sicherlich die Zukunft, wenn die Reichweite irgendwann einmal in den Bereich von 400 bis 500 km geht. So ist das Fahrzeug derzeit primär im Stadtbetrieb zu empfehlen.