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Wie Schreiner wohnen

Gestaltung
Wie Schreiner wohnen

Bernward Dickerhoff gewährt uns Einblick in sein Elternhaus, das sein Vater Udo Dickerhoff bis kurz vor seinem Tod im Herbst 2007 bewohnt hat. Außerdem dürfen wir die Wohnungen zweier langjähriger Mitarbeiter sehen. Zeugnisse einer Zeitreise in Bochum, März 2008.

Die Bochumer Tischlerwerkstatt Dickerhoff besteht seit 1880. In einer Firmenchronik beschreibt der 2007 verstorbene Udo Dickerhoff die Entwicklung des Betriebs in besonderer Weise, nämlich auch im Hinblick auf die Formgebung (www.dickerhoff.de).

Der Vater Josef stellt 1908 nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf die Fertigung auf »zeitgemäße sachliche Entwürfe« um. Davor hatte man üblicherweise im Stil vergangener Epochen gearbeitet. In den 1930er-Jahren entwickelt Josef Dickerhoff ein Formprinzip, dessen Maßstab die »Beschränkung auf sinn-volle klare Formen in einer materialgerechten Verarbeitung« ist.
Nach dem Besuch der Werkkunstschule Hildesheim tritt 1955 Udo Dickerhoff ins Unternehmen ein. Aus der Zusammenarbeit mit dem Vater entwickelt auch er eine eigene Handschrift, die auf dem Dreiklang aus Funktion, Material und Konstruktion aufbaut. In seinem Engagement für die Formgebung zählt Udo Dickerhoff zu den herausragenden Persönlichkeiten im deutschen Tischlerhandwerk.
Als Bernward Dickerhoff ab 1989 den Vater unterstützt, ist der viel zitierte Strukturwandel im Tischlerhandwerk nicht mehr zu übersehen. Hatte man früher den Mittelstand eingerichtet, ist der Tischler durch die Konkurrenz der Möbelindustrie nun Problemlöser oder richtet Objekte ein. Eine ökologische Ausrichtung und Modernisierung der Fertigung sind Forderungen der Zeit, die Bernward Dickerhoff in Angriff nimmt. Er fühlt sich den Idealen des Bauhauses verpflichtet und orientiert sich in seiner Formensprache an der formale Schlichtheit und handwerklichen Vollkommenheit des Shakerstils.
Ursprünglich hatten wir geplant, das Haus von Udo Dickerhoff in unsere Serie »Wie Schreiner wohnen« vorzustellen. Die Idee einer Zusammenschau mit der privaten Einrichtung von langjährigen Mitarbeitern der Werkstatt ist Bernward Dickerhoff zu verdanken. Der Blick in die drei Häuser erlaubt uns, einen Stil und seine behutsame Modifikation über mehrere Jahrzehnte zu verfolgen.
Peter Houschkawa richtete Anfang der 1990er-Jahre sein Haus ein, Theo Send Ende der 1960er-Jahre. Neben den eigenen Ideen steht bei beiden deutlich der Dickerhoff-Stil im Hintergrund, so auch beim Haus von Dieter Stojan, das wir in dds 12/2007 vorgestellt haben. Verblüffend ist, dass die Möbel von Udo Dickerhoff am schwierigsten zu datieren sind – Zeitlosigkeit ist hier ein schöner Hinweis auf das formale Urbild.
In der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Firma Dickerhoff schreibt Dr. August Hoff, damals Direktor des Lehmbruck Museums Duisburg: »Man wechselt die Wohnform nicht wie einen Anzug … Ein gutes Stück Arbeit bleibt immer gut, auch wenn sich die Formanschauungen wandeln. So werden die Dinge in unserem Heim zu wahrhaften Freunden, die uns durch das Leben begleiten.« Sind diese Worte aus dem Jahr 1930 inzwischen widerlegt? Auch der Mittelstand umgibt sich flächendeckend mit Möbeln, die weder qualitativ noch formal dafür gemacht sind, Jahrzehnte zu überdauern. Schuld ist nicht die Möbelindustrie. Sie trägt nur zur Verbreitung des Phänomens bei, das seine Wurzeln weniger im Geldbeutel als in den Köpfen der Menschen hat. So wird heute ein Paradigmenwechsel in der Wohnkultur sichtbar, den man auch als Kulturverlust empfinden kann. JN
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