Spektakuläre Theken aus Mineralwerkstoff von Kerrock

Über dem Hafen ein Luftschiff aus Glas

Antwerpen hat die Zentrale seiner Hafenverwaltung von Zaha Hadid bauen lassen. Ähnlich wie die Hamburger Elbphilharmonie verbindet der Entwurf spektakulär Neubau und Bestand. Beim Interieur wird die Entwurfsidee durch den Einsatz von Mineralwerkstoffen umgesetzt.

Ein Feuerwehrhaus am Wasser, hundert Jahre alt, ist die Basis eines architektonischen Leuchtturmprojekts in Antwerpen. Sidney, Bilbao, Hamburg – Architekten wie Utzon mit seiner Oper, Gehry mit dem Guggenheim-Museum oder Herzog und de Meuron mit der Elbphilharmonie schaffen es, belanglose Areale zu Wallfahrtsorten der Baukunst zu machen. Voraussetzung dafür ist, dass der Bauherr genügend Geld in die Hand nehmen kann, um eine Sensation zu kaufen. Beim zweitgrößten Hafen Europas war das offenbar kein Problem. Der Plan, für das Hafenamt eine Zentrale zu bauen – vorher war es über die Stadt verteilt – sah vor, eine denkmalgeschützte Feuerwache von 1922 zu nutzen. Die stolze Tradition des Antwerpener Hafens sollte verknüpft werden mit dessen ehrgeizigen Ambitionen für die Zukunft. Nur die erste Liga zeitgenössischer Baumeister kam dafür in Frage, und so verwundert es nicht, dass Zaha Hadid den Zuschlag erhielt – die iranisch-britische Architektin verstarb 2016, wenige Monate vor der Vollendung von Het Havenhuis, so der Name des Gebäudes. Das bestehende Bauwerk sollte äußerlich unangetastet bleiben und durch eine frei zu entwickelnde Erweiterung ergänzt werden. Der strenge Altbau jedoch, an sich schon ein Solitär, zeigt allseitig dasselbe Gesicht: eine Ziegelfassade mit bodentiefen Fenstern, eine Mischung aus Burgfried und Barockschloss; jeder Anbau hätte sein Gleichgewicht zerstört. Doch beim historischen Entwurf war einst ein Wachturm geplant, der nie verwirklicht wurde, und so lag es nahe, die Erweiterung nach oben zu bauen. Heute erhebt sich aus dem Lichthof ein surrealer Glasbau gen Himmel und schwebt wie eine Dampfwolke über dem Bau. Das neue Gebäude sieht aus, als hätte das alte es ausgeatmet. Von jeder Seite wirkt es anders, in dynamischem Kontrast zur symmetrischen Basis. Die triangulierte Glashülle erinnert von der Seite an ein Schiff, direkt von vorne an eine Fackel – ein Leuchtfeuer – und von hinten an einen Diamanten, ein Hinweis auf Antwerpens Tradition als Brillantschleiferstadt. Getragen wird der luftige Koloss von zwei Betonstützen, eine im Hof, die andere außerhalb, welche oben und unterirdisch verbunden sind und damit ein vertikales Rechteck bilden: Wie ein Kettenglied greift die Konstruktion in das horizontale Rechteck des Altbaus. Die äußere Stütze enthält den Fahrstuhl zur Tiefgarage, auch die innere trägt Mitarbeiter nach oben, in einem gläsernen Lift. Statisch ist der Neubau vom Altbau getrennt, nur das Glasdach des Hofs ruht auf alten Mauern.

Außen Kontrast, innen Harmonie

Der Innenraum nimmt die Kristallformen des Glasvolumens auf und setzt sie in der Einrichtung fort. Wie Pilzwurzeln durchdringen hadidsche Linien das historische Gemäuer. Die Empfangstheke aus schwarzem Mineralwerkstoff begrüßt die Besucher der Hafenbehörde mit einer abstrahierten Bootsform und unterwandert die Strenge der Kasernenarchitektur mit dem Zickzack dekonstruktivistischen Übermuts. Durch die Sprossen der alten Feuerwehrtore grüßt die Zukunft in Form schräger Stützen, die sich in Richtung Himmel verabschieden, als ob sie es eilig hätten, vergangene Zeiten hinter sich zu lassen. Die schlichten Theken, Sitzbänke und Konferenztische in Bibliothek und Lesesaal beweisen dagegen Sinn für Ausgewogenheit durch Form und Farbwahl; stilsicher versöhnen sie das Kontrast- mit dem Harmonieprinzip und zeigen Respekt vor den Erinnerungen, die in alten Mauern wohnen. Das Moderatorenpult im Kinosaal-schwarzen Konferenzraum behauptet das Recht des Dreiecks gegenüber dem rechten Winkel und befolgt damit ein Credo des zahadistischen Katechismus: Rechten Winkel gibt es nur einen, Schrägen gibt es Tausende, und das ist gut so. Hier Mineralwerkstoff zu verwenden, ist folgerichtig. Das Material ist wie geschaffen für Entwerfer, die nicht aus dem Werkstoff eine Idee entwickeln, wie etwa Zumthor (gewissermaßen der Antipode Hadids), sondern umgekehrt das Material der Idee unterordnen: Geeignet ist, was die Idee verwirklicht. Den eigenwilligsten Architekten kommt das willenlose Material am besten entgegen. Das Interieur des Hafenhauses spiegelt die Arbeitsweise der Architektin. »Ob Sie einen Stuhl entwerfen oder ein Gebäude – das ist in der Art, es anzupacken, sehr ähnlich.« Sagt Zumthor. Nur die Stühle werden, je nachdem, dann sehr verschieden sein. -HN


Steckbrief

Architektur: Zaha Hadid Architects, London
www.zaha-hadid.com

Innenausbau: GF Solids, Zonhoven, Belgien
VINK BVBA, Heist-op-den-Berg, Belgien
www.gfsolids.eu, www.vink.be

Werkstoff: Kolpa d.d., Metlika, Slowenien
www.kerrock.de