Kundenspezifische Holzwerkstoffe von Europlac - Ein Gespräch mit Geschäftsführer Reinhold Röhr

Der Werkstoffmacher

Während die Furnierbranche in vielen Bereichen schwächelt, beschleunigt Europlac fulminant beim Entwickeln neuer Produkte und Werkstoffe aus Edelholz – unter diesem Begriff vermarkten die Tettnanger ihr Furnier. Ein Gespräch mit Europlac-Chef Reinhold Röhr.

Das Gespräch führte dds-Redakteur Hubert Neumann

Vor Zehn Jahren habe ich als Schreinermeister und Planer in der Outlet-City Metzingen mit meinen Brüdern eine Vinothek in eine der sieben Metzinger Keltern eingebaut. Zum Einsatz kamen für eine 60-m²-Multiplex-Box messerfurnierte Konstruktionen aus Birkoplexträgern in 4,50 m Länge und edelfurnierte Bauplatten im Format 2,53 x 1,30 m. Damals schon maßgefertigt von Zulieferer Europlac. Nun also ein Ortstermin als dds-Redakteur bei Europlac-Chef Reinhold Röhr, selbst ein gelernter Schreiner, in dessen neuer Tettnanger Zentrale, dem sogenannten Europlac-House.

Herr Röhr, was ist das Besondere an Europlac?

Reinhold Röhr: Sie bekommen bei uns nahezu jeden erdenklichen Holzwerkstoff, ob als Unikat oder auch 12 000 m² für ein Objekt. Hier im Europlac-House mit seinen drei Showrooms, wir nennen es Erlebnistrilogie – wird vieles erkennbar. Inspiration, Innovation, Vision oder einfach praktische Hilfe unter einem Dach vereint. In unserer sogenannten »Boutique« sehen Sie an den Wänden die Bausteine, aus denen unsere Holzwerkstoffe aufgebaut werden: Standardmäßig über 130 Holzarten als Deckfurniere; 54 Varianten an Strukturen und Oberflächen, ob 3D-geformt, gehackt, geölt oder lackiert; 40 Mittellagen, ob Brandschutzkern, Akustik- oder Leichtbauplatte oder auch als designorientierte Kompaktplatte – nahezu unendlich kombinierbar, erhalten Sie daraus bei Bestellung bis Mittwoch in der darauffolgenden Woche Ihre georderten Holzwerkstoffplatten. Und mittelfristig wollen wir die Produktions- und Lieferzeit auf 72 Stunden reduzieren!

Sie zeigen zuerst die Kollektion …

… Was wir tun ist hochkomplex. Aber der Kunde oder Architekt, der zu uns kommt muss sich zu allererst wohlfühlen!

Sucht er etwas Dunkles oder Helles, etwas Astiges oder Streifiges, etwas Lebendiges oder Unifarbenes? Welche Funktion verlangt sein Objekt? Darüber entscheidet die Mittellage, und darauf kommt die gewünschte Oberfläche. Hinter all diesen Dingen steckt eine spezifische Maschinenanlage. Wir können spachteln, verschiedenste Haptiken erzeugen, sägerau, Hobelmesser-, faserraue Oberflächen …

In jeder Holzart, auf jedem Material?

Nahezu. Ein Beispiel: Vor zehn Jahren, als das Sägeraue anfing, bekam das Furniermesser Scharten, genaugenommen ein Mangel. Sie mussten dann ganze Stämme so bearbeiten lassen. Wenn der Kunde sagte, ich will jetzt nicht die Eiche sägerau, sondern die Fichte oder die Zirbe, was dann? Wir haben ein Kalanderpressensystem entwickelt, bei dem wir nun jedes einzelne Furnierblatt einseitig kundenspezifisch bearbeiten – in endloser Länge.

Also nicht klassisch formatbezogen?

Die Idee dahinter erklärt den Lösungsansatz bei allem, was wir tun. Wir müssen formatflexibel sein! Jeden Tag lernen wir durch den Markt. Ein Objekt von Architekt Frank O. Gehry in Berlin verlangte 12 000 m² Brandschutzplatten in Oregon-Pine mit Jahresringabstand von 1 bis 3 mm – sein Markenzeichen. Erst in Amerika haben wir das Furnier gefunden. Der Brandschutz verlangte A2-Verbund, Säulenverkleidungen fugenlos, 1,50 m breit. Die breiteste Brandschutzplatte am Markt war 1,25 m. Also nicht machbar? Wir fanden dann doch einen Hersteller, der für uns Übermaße produzierte – mit ihm arbeiten wir noch heute zusammen. Dies zeigt, wie wichtig es ist, den Markt ernstzunehmen. Den Markt kann ich nicht verändern! Lösungen muss ich anbieten! Wenn der Architekt sagt, 2 mm Jahresringabstand in Plattenbreite X, und ich kann das anbieten, bin ich im Geschäft.

Und das rechnet sich trotz enormer Aufwendungen für ein Objekt?

In diesem Bereich sind wir heute noch weltweit Marktführer und setzen auch wirklich viel um – weil wir die Lösungen anbieten. Das ist vom Handling her nicht einfach, aber das hat uns gerade in der Maschinentechnologie weitergebracht. Solche Platten sind nicht sehr stabil, wir bewegen sie über Unterdrucksauger. Wir haben gelernt, dass wir die Maschinen dem Markt anpassen müssen und nicht andersherum.

Seit Jahren sackt der Furnierabsatz ab. Warum nicht bei Ihnen?

Unser aktuell umfangreichster Auftrag ist für einen der größten Ledereinzelhändler der Welt, die Firma Coach – seit 200 Jahren am Markt: hochwertiges Leder, Taschen, Gürtel. Da stagnierte manches. Sie erfanden sich neu – heute gibt es keinen Kunststoff mehr, auf den eine 500-Dollar-Tasche gestellt wird, sondern echtes Material. Von Vitra wurde das Ladenlayout entwickelt – mit Holz! Heute sind alle Coach-Läden weltweit aus unseren Werkstoffen. Genial.

Ein Einzelbeispiel?

Nein, das sind Megatrends – McDonalds wird von uns furnierte Holzwerkstoffe beziehen, nach Jahrzehnten Ladenbau mit Schichtstoffplatten. Unser Glück ist, dass wir Menschen echtes Material brauchen, damit wir geerdet bleiben. Echt kann Keramik, kann Metall sein, oder Holz – aber kein Mischmasch. Den haben wir schon mit dem Smartphone, diesem komischen Ding. Wenn heute ein Tiger um die Ecke kommt, wissen Sie was Sie machen sollten! Aber nicht beim Smartphone, obwohl es gefährlich ist: Es entkoppelt Verankerungen, die für uns Menschen lebenswichtig sind. Das führt zu Burn-out, zu Scheidungen – Kinder sind turbogestresst, weil sie nur noch online sind. Ich bin überzeugt, uns Menschen helfen in dieser Zeit echte Werkstoffe. Aus Holz! Wir stellen Holzwerkstoffe her. Wir sind richtig im Markt, treffen den Nerv der Zeit! Das gelingt seit Jahren ganz gut und in Zukunft noch viel besser.


Ausblick

In der Aprilausgabe von dds folgt Teil 2 des Interviews, dann mit dem Schwerpunkt Furnier: Jedes Furnierblatt bei Europlac ist gescannt und digital als Foto intern abrufbar. Über das Portal »myEuroplac« wird es künftig mit einem Fügetool virtuell von Kunden zu verarbeiten und in Zeichnungen und Renderings einzubauen sein.

www.europlac.com
Holz-Handwerk: Halle 11.1, Stand 115