Rückblick auf die IMM Cologne 2019

Zurück in die Zukunft

Dirk Schellberg beginnt seinen Rückblick auf die IMM Cologne 2019 mit einer Zeitreise in die Gegenwart des virtuellen Möbelkaufs, wirft einen Blick in die Zukunft und erklärt, warum wir dennoch der Vergangenheit verhaftet sind.

Heute kaufe ich mir ein neues Sofa, an Ort und Stelle in meinem Wohnzimmer: Dazu fotografiere ich den Raum, lade mir die App von Möbelhäusern oder Möbelherstellern herunter und kann damit die Möbel virtuell in meinen Fotos platzieren. Material, Größe oder Farbe nach Wunsch verändern, bestellen, fertig! Nicht besonders anregend, aber praktisch. Um mein Einkaufserlebnis zu steigern, bietet der Onlinehandel bereits mehr: Ich setze mir meine Datenbrille auf, begebe mich in die Augmented Reality und werde so Teil des Geschehens. Nun wandele ich durch virtuelle Musterräume, begutachte Möbel, verändere sie sogar mit einer Grafikoberfläche, bis sie mir gefallen! Leider kann ich die Möbel nicht anfassen, keine Sitzprobe machen, kann sie weder riechen noch hören – noch ist die wirkliche Welt mein Wohnzimmer. Hier sehe ich keine anderen Käufer und kann auch niemanden zufällig kennenlernen. Aber ich bleibe auch nicht im Fahrstuhl oder im Stau stecken! Das Sofa kommt mit dem Lieferdienst. Soweit der Stand von heute. In der Zukunft bin ich als Avatar unterwegs und interagiere in einer parallelen Welt: Ich probiere beim Möbelkauf alles Mögliche aus, natürlich auch die Kaufberatung: Ein Avatar oder eine Avatrice lässt aus dem Nichts mein Möbel entstehen. Ich kann es anfassen, riechen, die Polsterung spüren … die Manipulationen meines neuronalen Netzes machen das möglich. Wenn ich mit dem Einkauf fertig bin, treffe ich mich mit meinen Freunden an Orten, die ich mir heute noch gar nicht vorstellen kann und so schnell erreiche, dass Beamen dagegen altmodisch wirkt. Und wozu brauche ich in diesem »second life« noch ein reales Sofa?

Wroooom – Rücksturz in die Realität und Aufschlag in Köln, Internationale Möbelmesse 2019, es riecht nach Kaffee, überall Besucher, Stimmen, Musik – halleluja, es gibt sie noch, die guten alten Dinge! Warum diese Einleitung? Auf dieser Messe ist mir klar geworden, wie weit die Digitalisierung im Möbel und Innenausbaumarkt vorangeschritten ist und dass sie auf den Schreiner von nebenan Auswirkungen haben wird. Mit dem Vortragsforum »the stage« hat die Kölnmesse ein Format, das dem Besucher Informationen rund um Design, Verkauf und Technik bietet. So berichtet Barbara Busse von der Agentur »Future and You« in ihrem Vortrag »Das Ende des Massenmarkts«, dass die Meinungsmacher der nahen Zukunft 22 Jahre alt sind und nicht aus dem überalterten Kern-Europa stammen. Menschen also, die wir als Digital Natives bezeichnen. Darunter sind viele, die einen guten Teil ihrer Freizeit bereits in Augmented Reality verbringen und mit einer globalisierten, digitalen Welt wirklich gar kein Problem mehr haben. Insgesamt werde das zu einem diversifizierten Markt führen – die Nische wird das neue Normale sein. Für Schreiner mit ihrer individuellen Umsetzungsstärke ist das ja eigentlich eine gute Nachricht! Was nicht untersucht wurde, war die Kaufkraft unserer Kunden von morgen.

Der Handelsverband Möbel und Küchen BVDM spricht von einem Marktanteil von zehn Prozent, den bereits der Möbel-Onlinehandel einnimmt, Tendenz steigend. Auf der Messe finden sich zunehmend auch Softwarehersteller, die Plattformen zur Generierung von Onlineshops und virtueller Realität anbieten. Das ist auch für Schreiner interessant: Einsteigen kann man zum Beispiel bei »Palette CAD« mit dem Paket »small business«. Der Otto-Versand, größter Möbelonlinehändler Deutschlands, war ebenfalls mit eigenem Stand in Köln vertreten. Ist man bei Otto als Produzent gelistet, kann man seine Produkte durch den Otto Service CGI digitalisieren und für die Virtual oder Augmented Reality aufbereiten lassen. Im dritten Jahr stellt mittlerweile der Unternehmensverbund Smarthome auf der Messe aus. Google ist nun mit an Bord und wird sicherlich erheblich beschleunigen, dass interagierende Produkte in den Markt gedrückt werden. Auf den ersten Blick ist im Smarthome nichts Neues zu sehen, erst durch die Führungen erschließt sich dem Besucher das durchdigitalisierte Haus. Man sieht den Dingen ihr interaktives Potenzial nicht an. Das beschränkt sich nicht mehr auf das Einschalten einer Spülmaschine per App – Auping stellt ein Bett vor, das Schlafende in eine aufrechtere Lage bringt, sobald sie zu schnarchen beginnen.

Umsätze im Möbelhandel verteilen sich laut BVDM zu 26 Prozent auf Küchenmöbel, zu 22 Prozent auf Polstermöbel, zu 13 Prozent auf Schlafmöbel und zu 11 Prozent auf Wohnzimmermöbel. Verbleiben noch 28 Prozent für einen nicht näher definierten Rest. Garderoben, Badmöbel, Kleinmöbel? Betrachten wir die Verteilung der Aussteller auf die Messehallen, tummeln sich überproportional viele im Bereich der Wohnzimmer- und Polstermöbel. Sollte man sich nicht besser da positionieren, wo noch Luft im Markt ist? Das scheint sich auch der westfälische Hersteller Hülsta gefragt zu haben. Er stellte Badmöbel in den Fokus und hebt zusätzlich das Label Hülsta Solid aus der Taufe, eine durch das Büro Ballendat komplett neu entwickelte Massivholz-Kollektion, die Wohnen, Schlafen und Essen umfasst und auf einem eigenen Messestand präsentiert wurde. Nach erfolgreichem Start mehrerer Massivholzmöbelhersteller in Bosnien Herzegowina steht in diesem Jahr die Bündelung dreier Firmen im Fokus: Ein Aluminiumdruckgusshersteller, ein Werkzeugmacher und ein Massivholzbearbeiter produzieren gemeinsam die Kollektion Hejmo, die es auf Anhieb in den Bereich »Pure« der Messe geschafft hat. Ado Avdagić leitet das Projekt als Creative Director. Er verbindet den technisch kühlen Werkstoff Aluminium mit traditionellem Möbelbau. Besonders gelungen ist das bei der Anrichte Castena mit einer Oberfläche aus geflochtenem Furnier.

Allgemein beobachte ich mehr Verschlankung und Transparenz durch den Einsatz von Glas und Metall. Prostoria stellt sein Aluminium-Regalsystem »Shtef« vor. Gestalterisch ist es so reduziert, dass es auch in einem schicken Officebereich stehen könnte. Firmen wie Polyform zelebrieren die transparente Ankleide wie ein Schaufenster. Marie Kondo ist gefragt, hinter den verglasten Türen Ordnung zu schaffen – so haben Möbel auch einen erzieherischen Auftrag.

Bei aller Virtualität bleibt die Sehnsucht nach dem Echten: Massivholzmöbel spielen weiter eine große Rolle. Hersteller werben verstärkt mit Nachhaltigkeit, insbesondere Regionalität. Es stimmt ja – im wahren Leben shoppt es sich am schönsten.


Dirk Schellberg, Dipl.-Designer und Tischlermeister, ist selbstständiger Produktdesigner und Dozent an der Fachakademie für Raum und Objektdesign Garmisch-Partenkirchen. Für dds ist er seit vielen Jahren als Autor tätig.


Steckbrief

Die IMM Cologne zählte im Januar 2019 rund 150 000 Gäste. Von den Fachbesuchern kamen 52 Prozent aus dem Ausland. Die nächste IMM Cologne findet vom 13. bis 19. Januar 2020 statt.

www.imm-cologne.de