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Wiegen und Biegen

Möbel
Wiegen und Biegen

Thomas Beck, gelernter Tischler und Student der Innenarchitektur, hat ein Konstruktionsprinzip für Leichtbaumöbel entwickelt, das dünnen Plattenwerkstoffen maximal Stabilität abringt. Für dds skizziert er den Weg zum serienreifen Möbel.

Eine wiederkehrende Aufgabe im Grundlagenstudium an der Burg Giebichenstein besteht darin, ein Stauraummöbel mit dem Volumen einer Kommode zu entwickeln. Kein Problem für einen Möbelschreiner, wäre da nicht die Auflage gewesen, das Eigengewicht auf zwei Kilogramm zu beschränken! Ich beschäftigte mich mit Tragwerken der Natur (Bionik) und Materialien wie Glasfaserverbundstoff und Kohlefaser – und wurde von Professor Klaus Michel auf Hartfaserplatte oder Pappelsperrholz »verdonnert«. Meine Materialstudien mit 4-mm-Pappelsperrholz brachten diverse Formverleimungen, Verbindungsproben und Bruchstellen hervor – sowie mein geschärftes Bewusstsein dafür, dass der Übergang vom Biegen zum Brechen für jedes Material eine individuelle Größe ist! Zunächst habe ich nur mit liegenden Querschnitten als Träger experimentiert. Daraus entstanden bereits erstaunlich stabile Konstruktionen. Die Ästhetik der gleichförmigen Bögen erinnerte mich an sakrale Gewölbekonstruktionen, wobei diese stehende Querschnitte aufweisen. Ich stellte meine dünnen Querschnitte also zu Zargen auf, die jedoch anders als Gewölbe keine Krümmung in vertikaler Richtung aufweisen – sondern allenfalls in horizontaler. Diese Biegespannung will erzeugt bzw. gehalten werden, was mich nach einer geeigneten Verbindung von Zarge und Fachboden suchen ließ. Die Lösung ist einfach und effektiv: Schlitze in den Fachböden bieten eine im Winkel definierte Aufnahme für die Zargen, die Tiefe der Schlitze begrenzt deren Krümmung. So kam ich auf die Idee, Zargen und Stollen zu Rahmen zu verbinden – sie sollten die Konstruktion aussteifen. Soweit die Theorie. In der Praxis offenbarten sich die Stärken und Schwächen des Konzepts: Die Rahmen pressten sich unter Belastung langsam aus der Führung. So kam das Zugseil ins Spiel. Als weitere Verbesserung bot sich an, Sockel und Abschluss so zu formen, dass stapelbare Module entstehen. Das Leichtbaukonzept »LB« war geboren!

Der Prototyp »LB 1« in Pappel hat die Maße von 830 x 700 x 460 mm und ein Gewicht von 2,38 kg. Die Böden sind mit jeweils 25 kg getestet, womit sie mehr als das zehnfache Eigengewicht pro Fachboden tragen. Der zweite Prototyp gestaltete sich in 3 mm MDF mit einer HPL-Deckschicht. Er wiegt bei gleichen Maßen 5,8 kg und ist entsprechend der Gewichtszunahme stabiler – wo nötig, wurden die Dimensionen angepasst und Sollbruchstellen eleminiert. Durch die konische Ausformung der Zargen entsteht eine Vorspannung, welche die Steifigkeit und Belastbarkeit erhöht. Bei Belastung verdreht sich die Unterkante der Zarge nach außen. Das Zugseil wirkt dieser Torsion entgegen und verteilt die wirkende Kraft gleichmäßig auf alle Zargen. Der Nachfolger »LB 2« ist aus HDF in 5 mm Dicke gefertigt und für Ordner konzipiert: 780 x 1250 x 400 mm bei 8,4 kg Gewicht. Der Einzelboden kann gut mit 75 kg belastet werden.
Ein Prinzip für viele Möbel
Durch Übertragung des Prinzips ist ein Couchtisch aus 5 mm MDF entstanden. Konstruktiv verändern sich beim Tisch zwei Details: Die gespannten Fußteile werden nicht mehr in offenen Schlitzen fixiert – sie durchstoßen mit Zapfen die Tischplatte und verspannen sich so fest, dass der Tisch ohne Weiteres an der Platte getragen werden kann. Um zu verhindern, dass sich die Fußelemente nach außen aufspreizen, werden sie an den Enden jeweils durch aufsteckbare Schuhe zusammengehalten. Die Torsion der Beine verleiht dem Möbelstück eine enorme Steifigkeit. Auch hier verteilt das Zugseil wieder die Kräfte. »LB 3« ist aus 9 mm Multiplex mit Melaminfilm gefertigt und wiegt bei Dimensionen von 730 x 750 x 1460 mm 11,4 kg. Auf die Tischplatte können 100 kg aufgebracht werden, ohne dass sich nennenswerte Verformungen zeigen.
Der bisher jüngste Möbeltyp aus der LB-Serie ist der Hocker »LB 4«. In seiner Ausführung entspricht er dem Tisch. Er ist aus 5 mm HDF gefertigt und hat die Maße 330 x 330 x 420 mm. Mit seinem Gewicht von nur 1,17 kg trägt er ohne Probleme einen 110-kg-Mann! Alle LB-Möbel entstehen verschnittarm mit der CNC-Technik. So lassen sich etwa aus einer handelsüblichen HDF-Platte ein LB-2-Regal und zwei Hocker fertigen.
In leichter Konstruktion zu denken, fiel mir anfangs schwer, zu nahe liegt als Möbeltischler die Konstruktion eines Vollholzmöbels. Doch die Möglichkeiten moderner Plattenwerkstoffe sind eine Entdeckungsreise wert: Sie können weit mehr, als ihnen in der Regel abverlangt wird Nicht zuletzt deshalb wird die LB-Familie ganz sicher noch weiter wachsen. Thomas Beck

Hersteller gesucht
Das Konstruktionsprinzip der LB-Serie ist patentrechtlich geschützt. Partner für Herstellung und Vertrieb werden gesucht! Kontakt:
Thomas Beck Tel.: (0177) 2478105 E-Mail: st3355@burg-halle.de
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