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Verhaltener Neustart

Spersalone: Salone del Mobile 2021
Verhaltener Neustart

Mehrmals aufgeschoben und sehnsüchtig erwartet, überraschte die Mailänder Möbelmesse im September 2021 mit viel Retrospektive. Jonathan Radetz war für dds vor Ort.

Jonathan Radetz, Produktgestalter, Frankfurt

Der Supersalone als Sonderformat der Salone del Mobile sowie das stringente Messekonzept des Architekten Stefano Boeri dominierten in diesem Jahr die Mailänder Möbelmesse: Man sprach viel von der Veranstaltung insgesamt als Impulsgeber und Motor der Industrie, jedoch weniger von einzelnen Produkten oder Trends, die sich deutlich abzeichnen. Einzelne Marken konnten hervortreten und ihre Neuheiten geschickt in Szene setzen. Viele waren allerdings mit einheitlich vorgegebenen Messeständen schlichtweg überfordert. Und so manche Firma schien sich mehr auf das Durchforsten der Archive zu konzentrieren, anstatt begonnene Neuentwicklungen zu forcieren. Wie nach jeder Krise beschäftigen sich die Firmen erst einmal mit Kollektionspflege und Re-Editionen.

Doch mancher Entwurf war vielleicht sogar seiner Zeit voraus: So konnte Campeggi thematisch mit den Neuauflagen von Vico Magistretti überzeugen, denn der moderne Stadtnomade sucht auch heute nach flexiblen Lösungen. Dennoch bleibt der Wunsch, die Konzepte aus dem Jahre 1996 in aktuellem Design zu erleben. Auch so mancher Sammler wird sich ärgern, sein geliebtes Original in Re-Edition in den großen Verkaufshallen zu sehen – etwa den bei Molteni&C enorm aufwendig inszenierten Sessel von Gio Ponti aus dem Jahre 1954. Überzeugt hat die von Ron Gilad entworfene Produktpräsentation: Ein Messestand im Ambiente eines Flugzeuginnenraums, mit Stewardess und nervigem, sehr authentischem Anschnall-Signal, wechselnde Aussicht inklusive! Mehr Abwechslung gab es da bei den Designstudios und Machern, den sogenannten Makers. Die Exponate der kuratierten Ausstellung The Makers Show waren zwischen den mehr oder weniger etablierten Marken zu entdecken. Ein spannendes Firmenduo war hier das japanische DIY-Möbellabel Ishinomaki Laboratory mit seinem Berliner Produktionspartner HLZFR. Ursprünglich war die Marke eine Gemeinschaftswerkstatt für die Bewohner des vom Tsunami in Ostjapan zerstörten Küstengebiets von Ishinomaki.

Insgesamt erscheint der Markt so konservativ, wie seit der Finanzkrise im Jahre 2008 nicht mehr. Händler und Handelsvertreter geben sich weiterhin zufrieden mit bestehenden Kollektionen. Der Mangel an echten Produktneuheiten überraschte indes weniger, wenn man weiß, dass vor allem italienische Marken mit Nachdruck gebeten wurden, an der Veranstaltung teilzunehmen. Wenn gegen 16 Uhr die Hallen fast wie leer gefegt waren, hasteten Viele ins Zentrum, um Kunden und Kollegen bei einem Aperitif zu treffen oder eine der angesagten Installationen zu besuchen.

Es bleibt abzuwarten, wann der Markt wieder mutiger wird. Auch wenn es nachhaltiger wäre, sich von der gewohnten Frequenz an Neuheiten zu verabschieden, bleibt doch die Sehnsucht nach einem Neustart nach der langen Coronaflaute! Ob das Jahr 2022 mit einem Feuerwerk überraschen wird oder ob wir uns nach dem charmanten Gastspiel in Mailand auf eine neue Retrowelle einstellen dürfen, wird sich spätestens im Januar zur IMM Cologne erweisen.


Steckbrief

Das Sonderformat Supersalone der Salone del Mobile konnte September 2021 mit 425 Markenausstellern (16 Prozent aus dem Ausland), 170 Designstudenten aus 22 Ländern (The Lost Graduation Show) und 39 unabhängigen Designern (The Makers Show) den Messeneustart einleiten. An den sechs Messetagen wurden über 60 000 Besucher gezählt. Der 60. Salone del Mobile soll vom 5. bis 10. April 2022 stattfinden.

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