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Raus aus dem Standard

Küchenentwürfe Burg Giebichenstein
Raus aus dem Standard

Zwölf Studierende der Innenarchitektur an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle haben Küchen für sechs fiktive Zielgruppen ersonnen und als Prototyp umgesetzt.Spannende und gesponnene Alternativen zur Normzeile.

Frische Ideen brauchen freie Köpfe. Damit wäre das erste Ziel einer Entwurfsaufgabe formuliert, die Neues im Sinn hat: raus aus dem Standard, der ewig Gleiches reproduziert. Aus Übertreibung, Zufall und wenigen Eckdaten werden in einem Entwurfsprojekt im Studiengang Innenarchitektur an der »Burg« die Voraussetzungen dazu geschaffen: Zwölf Studierende bilden Zweierteams und bekommen im Losverfahren eine illustre Zielgruppe zugewiesen, für die auf einer vorgegebenen Fläche von neun Quadratmetern eine Küche zu entwickeln ist, die den verständlichen – oft aber eher exzentrischen – Bedürfnissen ihrer Kunden gerecht werden soll: dem schwulen Pärchen, das sich in Chaot und Schöngeist polarisiert, dem Leiter einer Waldorfschule mit politisch unkorrektem Hobby und einer zickenden Künstlerin zur Gattin, vier Kindern aus fünf Ehen, die sich einmal im Jahr mit den Eltern zum gemeinschaftsbildenden Patchworkkochen auf Rügen treffen. Die Senioren-WG ist hier mit Abstand das biederste Szenario. Mit Ernst und Humor haben die sechs Teams ihre Aufgabe in Angriff genommen, sich in ihre Zielgruppe hineingedacht und Lösungen entwickelt, die konzeptionell und in der Umsetzung überraschen, oft auch schmunzeln lassen.

Warum Übertreiben hilft
Das bewusste Überzeichnen – welcher selbstverliebte Hobbykoch ordert ungeniert seine Angeberküche, die genau genommen nur aus Spiegeln besteht – bringt hier bis auf die Erde, was auf dem langen Weg zum Entwurf sonst höchstens zwischen den Zeilen steht und auch dort stehen bleibt, wenn nicht ein Anwalt in Gestalt der zickenden Künstlerin oder des nölenden Schöngeistes auftritt, der mit Nachdruck getrennte Arbeitsflächen oder kräuterbegrünte Lampen fordert. Um sich in die Bedürfnisse älterer Menschen hinein zu versetzen, gingen die Studierenden einen Schritt weiter und simulierten das Älterwerden am eigenen Leib mit dem Age Explorer (Anzug zur Simulation der im Alter eingeschränkten Bewegungsfähigkeit) beim gemeinsamen Kochevent in der Hochschule. Die hier gewonnenen Erfahrungen sind in die Küchenstudie für eine Senioren-WG eingeflossen, die das schwer zugängliche Dunkel des klassischen Kühlschranks in transparente wandhängende Fächer auf Augenhöhe übersetzt: alle verfügbaren Speisen werden hier gut erreichbar dargeboten, was auch für Menschen mit Demenz eine Hilfe sein kann. Wer wenig Kraft hat, weiß zu schätzen, wenn schwere Töpfe kurze Wege haben: der Wasserhahn am Herd macht es möglich. Eine einfache Idee, die aufblitzen kann, wenn der Kopf von den Händen gelernt hat, also aus Erfahrung klüger geworden ist. Die Küchenprototypen aus der Burg lehren: Neues kommt ins Bewusstsein, wenn es gelingt, einen neuen Blickwinkel einzunehmen.

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dds-Redakteur Johannes Niestrath schätzt die fantasievolle Variantenbildung aus der Burg zu einem grob skizzierten Möbelthema. Als zweiten Teil des Projekts stellen wir im August gerenderte Esszimmer vor.

Steckbrief

Die Prototypen der Küchen entstanden bei Prof. Klaus Michel im Studiengang Innenarchitektur an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. In einem zweiten Beitrag zeigen wir als Rendering ausgeführte Esszimmer in der Augustausgabe.
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