Kritischer Rückblick auf die Passagen zur IMM in Köln 2018

Es war einmal

Aus den einstmals gut geplanten Passagen zur IMM in Köln ist ein unübersichtlicher Stadtmarathon mit unfokussierter Zielsetzung geworden. Dirk Schellberg hat sich die Highlights mühsam erlaufen. Abgesang auf ein Format, das an Identität verloren hat.

Der Orkan Friederike sammelt noch Kräfte über den Weiten des Atlantiks, ich bin auf dem Weg zur Kölner Möbelmesse. Auch die Passagen stehen auf meinem Plan, eine in Köln verteilte Vielzahl von Designausstellungen parallel zur IMM und seit 2001 Pflichtprogramm für mich. Ich beginne im Stadtteil Ehrenfeld, noch vor wenigen Jahren war das mein Geheimtipp in Sachen avantgardistischer Möbel und Accessoires mit herrlich schrägen Örtlichkeiten sowie attraktiv geplanten Ausstellungen. War ich schon in den letzten Jahren unzufrieden mit der Lauferei ins Blaue, sage ich diesmal nach den zu Fuß absolvierten zehn Kilometern durch die Stadt: Goodbye Passagen, nicht noch einmal, 2019 nur noch Messe! Zu verstreut sind die Ausstellungen, zu mager, zu trashig, teilweise auf Bastelgruppenniveau das, was gezeigt wird, mehr Accessoire-Freakshow als Avantgarde.

Auch im Passagenkatalog kann man selbst mit viel Erfahrung kaum die Spreu vom Weizen trennen. Über hundert Adressen mit 150 Veranstaltern anzulaufen, ist nicht möglich. Station 20: Vollmundig angekündigt wird African Avantgarde, zu sehen bekommt man zwei Stühlchen und Kunsthandwerk auf 6 m2 Fläche. Station 26: Die Talentshow der Newcomer Designer Generation Köln verlor sich in den weißen Weiten der Galerie Ruttowski68. Dass acht Häuser weiter in der gleichen Straße eine Schaufensterinstallation der beiden sicherlich sehenswerten Designer Thomas Schnur und Klemens Grund in Bezug zur Galerie Ruttowski68 steht, war zu recherchieren. Station 118: M hoch 3 Handwerk 4.0 – zu sehen war eine Etage, in der gerade etwas aufgebaut wurde – am Tag drei der Passagen! Einige Computer und das maßstäbliche Modell eines Transporters. Station 73: Dutch Design wartet mit Spülmittelflaschendesigns auf, welche sich als Keramikgefäße entpuppen. Das Regalsystem von Nord Interiordesign war unter Schminkprodukten des Gastgeberladens kaum zu erkennen. Braucht das die Welt? Gleichwertiges und auch Besseres lässt sich komprimiert und bequem auf der Messe finden!

Auf der Messe spielt die Musik

In den Gesprächen mit den Passagenausstellern wird schnell klar, dass sich vom Messepublikum hier kaum jemand blicken lässt – abgesehen vielleicht noch von den Fachschulklassen und Studenten, die von ihren Dozenten durch beide Veranstaltungen getrieben werden. Selten bekommen die Aussteller Besuch von denen, die entscheiden, Talente suchen oder ordern wollen. Diese Leute haben sehr wenig Zeit – ich habe auch wenig Zeit. Jeder Selbstständige muss Messen und Ausstellungen an dem Gewinn an Information in Relation zur verwendeten Zeit messen!

Wer so viel läuft, findet auf den Passagen natürlich auch Gutes. Gefallen hat mir Christoph Lungwitz mit den einfachen Kastenschränken, auf deren Flächen er reliefartig anmutende Formen appliziert. Fröhlich frech waren die Zitate einer Tischleuchte von Markus Wilkens. Hafenholz aus Hamburg zeigt, wie man Form und Logo elegant zu einem prägenden Detail verschmilzt. Nach wie vor zeigt Oliver Schübbe mit seinen Recycling-Holzmöbeln Flagge und mit dem Entwurf x01 für das Kölner Designlabel Utensil zeigt Jörg Mennickheim, wie einfach ein Stuhl sein kann. Wie viele andere Designer vermarktet auch Christian Lessing Möbel über seinen eigenen Onlineshop. Angeboten werden hauptsächlich kleine Möbel und Accessoires. Anders lassen sich diese Produkte auch nur schwer ohne eigenen Vertrieb absetzen.

Ebenfalls auf den Passagen zu finden war wieder die Ausstellung des Iconic Awards, ein Designpreis ausgelobt vom Rat für Formgebung, früher auf der Messe zuhause, jetzt ausgelagert auf die Passagen. Hier gab es nicht nur glatten Mainstream zu sehen. Globale Trends können zum Möbel führen, wie das Thema »Urban Gardening« beweist. Es geht um den Minigarten im öffentlichen Bereich, in der Wohnung, auf dem Balkon oder der Dachterrasse.

Das Regal »Stelz« von z-designstudio ist in seiner rohen Ästhetik kompromisslos und spannend in der Konstruktion: Ausgeklinkte Rohre übernehmen die Statik. Das Regal lässt sich werkzeuglos mit groben Flügelschrauben aufbauen, passend zum Charakter. Die Ausstellung zum Iconic Award halte ich insgesamt für ein gutes Designbarometer.

Während der Orkan Friederike weiter über Köln fegt, schaue ich mich nun in den Messehallen der IMM Cologne um. Der niederländische Designer Piet Hein Eek fiel mir vor etwa zehn Jahren mit raffinierten Möbeln aus recycelten Materialien auf. Damals dachte ich eher an einen möglichen Nischenmarkt für Sammler, der von konzeptionell arbeitenden Designern bedient wird. Aber weit gefehlt! Piet Hein Eek ist mittlerweile seine eigene Marke und sein Standort in Eindhoven ist als Gesamtkonzept zu betrachten. An sieben Tagen die Woche kann man die Produktion beobachten, essen, Veranstaltungen besuchen. 80 Mitarbeiter arbeiten hier, und das Unternehmen hat alles unter eigener Kontrolle. Leitgedanke ist die Nachhaltigkeit. Werden Produkte aus neuen Werkstoffen gefertigt, so versucht Piet Hein Eek, das Material auszunutzen. Exactly one plate heißt ein Schranksystem, das aus einer einzigen Multiplexplatte hergestellt wird. Die Idee ist nicht neu, aber geschickt recycelt. Die Platte ist ganzflächig mit Motiven alter niederländischen Meister aus dem Rijksmuseum bedruckt. Diese sind frei zugänglich und werden so ebenfalls zweitverwertet.

Nachhaltigkeit ist auch bei We do wood Thema und Bestandteil der Firmenphilosophie. Die Dänen setzen auf Bambus; ihre Möbel sind bedingt durch den Werkstoff dünnwandig und leicht. Angeblich ist der ökologische Fußabdruck von Bambus besser als der von heimischer Eiche … Der Messewettbewerb Pure Talents wird 15 Jahre! Für einige Teilnehmer war das der Start ihrer Karriere. Heute befinden sich etliche Gewinnerentwürfe in Produktion, so etwa bei Böwer, Ittala, Zeitraum, Ton oder Ligne Roset. Neben dem Wettbewerb bietet die Messe mit Pure Studios ein immer besseres und preiswertes Forum für junge Unternehmen, so dass die Passagen auch in dieser Hinsicht weniger interessant werden. Caussa nennt sich das Unternehmen von Jan Drücker und Andreas Kowalewski. Beide haben eine eigene Kollektion von beachtlicher Qualität und einheitlicher Handschrift auf die Beine gestellt. Als Kaufmann und Designer bilden sie eine ideale Kombination! Gefallen hat mir der CNC-gefräste Olifant – ein Teil des Erlöses geht an die Organisation Save African Elephants. Nice to have und sicherlich eine gute Markenstrategie.

Im Format Pure Architects war auch das Thema Smarthome verortet. Smarte Lautsprecher können eingebaut in Möbel Innenräume selektiv beschallen – ein echtes Erlebnis! Burgbad zeigte ein Lichtsystem, das sich berührungslos mit Gesten steuern lässt. Die Steuerung ist im Spiegel verbaut. Je nach Tageszeit passt sich die Lichtstimmung dem Biorhythmus an. Mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Möbel sind Gegenwart und wann uns Siri, Alexa & Co. aus dem Smarthome aussperren, nur eine Frage der Zeit …

Schnitzeljagd durch Köln: Viele Stationen konnten leider nicht einlösen, was die Beschreibungen im Booklet zu den Passagen versprachen

Dirk Schellberg, Dipl.-Designer und Tischlermeister, ist selbstständiger Produktdesigner und Dozent an der Fachakademie für Raum und
Objektdesign Garmisch-Partenkirchen. Für dds ist er seit vielen Jahren als Autor tätig.

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