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Trends von der Möbelmesse in Köln 2017:

Sitzgelegenheiten & Co
Trends von der Kölner Möbelmesse 2017

Neue Tische, Stühle, Schränke und Betten werden auf der Möbelmesse nach wie vor als Protagonisten gefeiert. Die Zukunft findet eher am Rande statt – zum Beispiel das Smart Home. Dirk Schellberg mit seinen Eindrücken von IMM Cologne und Passagen 2017.

Dipl.-Designer Dirk Schellberg, Finning

Als Vertreter des skandinavischen Möbelbaus der 1960er-Jahre staunte Hans Wegner sicher nicht schlecht, ginge er heute über die Möbelmesse in Köln: Die Anzahl organisch geformter Massivholzmöbel steigt, insbesondere die Stühle haben Konjunktur. In den letzten Jahren ist zwischen Design und technischer Machbarkeit eine spannende Dynamik entstanden. Viele Impulse kommen hier nach wie vor aus dem ressourcenreichen Bosnien-Herzegowina. So zeigten zum Beispiel MS & Wood zur Möbelmesse in Köln ein neues Tisch- und Stuhlensemble. Der Entwurf von Nataša Perkovićerhielt aus dem Stand einen Iconic-Winner-Award. Renommierte Hersteller gehen das Thema bisher noch zögerlich an, die Produktion ist recht kostspielig, da die gefrästen Rohlinge aufwendig von Hand gefinisht werden müssen. Bei den Lohnkosten haben unsere östlichen Nachbarn eindeutig einen Vorteil, sie produzieren mit den gleichen Maschinen. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Firma Voglauer, die sich dank des Designers Martin Ballendat hier auf hohem Niveau bewegt. Möbelproduzenten kommen am Einsatz 5-Achs-gesteuerter CNC-Maschinen nicht mehr vorbei. In wie weit sie sich dagegen für das Handwerk lohnen, ist meiner Anscht nach sorgfältig auszuloten. Grundsätzlich hält der Trend zu kleinen Möbeln an – der Onlinehandel nimmt zu und viele Designer vertreiben ihre Kollektionen im Internet. Anscheinend gibt es eine Größen- und Preisgrenze bis zu der Käufer noch online shoppen. Less’ n’ more, eigentlich ein Leuchtenhersteller, setzt ebenfalls auf klein, fusioniert Leuchten mit Möbelversatzstücken zu Lesemöbeln und schafft so neuartige Möbeltypen, die als Accessoire ins Wohnzimmer Einzug halten. Auch Hey besetzt seit Jahren erfolgreich eine Nische mit Filzmöbeln und Accessoires von überschaubaren Maßen. Dieses Jahr stand ein runder Paravent aus der Welle-Serie im Mittelpunkt. Als Tischmodul wurde er bereits beim Deutschen Designpreis 2017 nominiert.
Kein Trend ohne Gegentrend: Waren bei Betten in den letzten Jahren noch viele Lattenrostkonzepte mit entsprechenden Matratzen zu sehen, scheint es jetzt nur noch ein Thema zu geben: Boxspring! Wer hat den Raum für diese brachialen Monolithe? An einer differenzierten Gestaltung scheitern viele Hersteller. Der Massivholzmöbler Zeitraum arbeitet mit jungen Gestaltern zusammen. Moritz von Schmeling hat in seinem Abschlussprojekt an der Fachakademie für Raum und Objektdesign Garmisch-Partenkirchen in Zusammenarbeit mit Zeitraum ein Boxspringbett entwickelt, das leicht und elegant erscheint.
Smarte Möbel
Industrie 4.0 ist heute in aller Munde. Ein durchaus vergleichbarer Prozess ist der noch wenig beachtete Übergang von Vision Smart Home zum Möbel 4.0 – denn während in den sogenannten Designerhallen auch noch der hundertste gestylte Stuhl beklatscht wurde, ging in Halle 7 die Möbelzukunft an den Start: Let’s be smart hieß eine Ausstellung, die ein mit aller Automation ausgestattetes Musterhaus (nur nicht zu verwechseln mit der überhöhten Inszenierung »Das Haus« in Halle 3) zeigte, die heute im Wohnbereich untergebracht werden kann. Der Kühlschrank, der per App das Verfallsdatum der Milch meldet, bleibt nicht länger Vision. Die Küche gibt Menüvorschläge samt Einkaufsliste heraus, das Sofa nimmt meine Lieblingsposition ein, der Schreibtisch passt seine Höhe der Körpergröße an. Bis zu 200 Sensoren und Aktuatoren (Stellmotoren) steuern in einer Wohnung alles vom Garagentor bis zum Dampfgarer per App. Die Smarthome Partner GmbH bietet eine Software an, die Geräte-Protokolle unterschiedlicher Hersteller einbindet. Dahinter steht eine nicht unerhebliche Markt- und Markenmacht – wer komfortabel smart wohnen möchte, muss auf Produkte zurückgreifen, die im Verbund gelistet sind: Zum Beispiel die Küche von Nolte, die Armatur von Grohe, die Heizung von Viessmann, das Sofa von Rom. Höchste Zeit daher für Innenausbauer und Ladeneinrichter, sich mit dem äußerst komplexen Thema zu beschäftigen. Wer soll in Zukunft die Vernetzungen vornehmen? Einzelne Gewerke werden auf die zur Plattform gehörenden Geräte und deren Einbau geschult. Elektroniker und Tischler arbeiten dabei Hand in Hand. Neue Fragen entstehen, wenn das Smartphone die Kontrolle über die Haustechnik übernimmt und sich manches von Hand gar nicht mehr steuern lässt: Wer erhält wann wie viel Zugriff auf das Haus? Ist das Smart Home wirklich die Lösung für ein selbst bestimmtes Leben im Alter? Unabhängig davon wird es schon bald in vielen Möbelkategorien nicht nur darum gehen, wie Möbel aussehen, sondern wie klug sie sind.
Passagen, mon amour
Hätte es da nicht einige Glanzlichter gegeben, wäre ich als Passagenfan dieses Jahr schier verzweifelt: Die Qualität lässt nach. Anscheinend geht es zunehmend weniger um Möbeldesign und Innenarchitektur als um Krimskrams. Im »Designviertel« Ehrenfeld stand ich mehrfach vor verschlossenen Türen. Die Passagen werden zu weitläufig: Mit den Vierteln Zollstock, Sülz und Klettenberg erweiterte sich das Programm schon letztes Jahr – nicht zum Besten wie ich nun feststellen durfte. Das Feld der Aussteller dort ist empfindlich weit auseinander gezogen und selten relevant, es sei denn, man steht auf bedruckte Kissen, handgenähte Einkaufstaschen und endlose Fußmärsche. Selbst für Kenner lässt sich schwer filtern, wo sich Interessantes tut und wo nicht. Gleichwohl gab es auch Positives zu entdecken – demnächst mehr dazu!

Steckbrief

Das Messedoppel IMM Cologne und LivingKitchen konnte im Januar 2017 erstmals mehr als 150 000 Besucher verzeichnen. Jeder zweite Besucher kam aus dem Ausland. Die nächste IMM Cologne findet mit der Teilmesse LivingInteriors vom 15. bis 21. Januar 2018 statt.
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