Möbelbau aus Johannesburg, der fasziniert

Frischer Wind in alten Hallen

Wie gelingt skandinavisch inspirierter Möbelbau in einem Vorort von Johannesburg? Seit drei Jahren gehen Phillip Hollander und Stephen Wilson neue Wege in der Möbelfertigung – modern und traditionell. Fotojournalist Erol Gurian besuchte für dds die Möbelmacher in Südafrika.

Am westlichen Stadtrand von Johannesburg, gleich oberhalb von Soweto liegt das kleine Industriegebiet von Robertville. Auf dem Gelände reihen sich viele große Hallen aneinander: Kugellager, Beleuchtungskörper und Einkaufswagen werden hier hergestellt. Nüchterne Produkte für den Einsatz in Handel und Industrie. Der Besucher käme nicht auf die Idee, dass sich hinter einem der Hallentore ein spannendes Unternehmen für Möbelbau verbirgt.

»Houtlander« heißt so viel wie »Land des Holzes« und ist die Möbelfabrik von Phillip Hollander und Stephen Wilson. Stephen kam über den Innenausbau von Jachten zum Möbelbau. Phillip baute schon als Schüler Möbel für seine »Friends and Family«. Die beiden haben sich 2013 in Schweden kennengelernt. Dort hatten sie an einem Design-Austausch mit schwedischen Designern teilgenommen. Die beiden Südafrikaner waren sich auf Anhieb sympathisch und es entwickelte sich eine Zusammenarbeit im Ladenbau in Johannesburg. Und nun moderner und zugleich auch traditioneller Möbelbau.

Möbelbau mit Menschen ohne Ausbildung

»2017 beschlossen wir, mit einer eigenen Linie von Möbeln zu starten,« erzählt Stephen. »Unsere zentrale Idee und die Grundlage unseres Businessplanes war es, die 5-Achs-CNC-Technologie zu nutzen um hochwertige Möbel herzustellen. Das alles auf eine Art und Weise, die es uns erlaubt, mit Personal zu arbeiten, das keine große Schreiner-Erfahrung hat. In Südafrika gibt es kaum ausgebildete Handwerker. Also haben wir uns darauf konzentriert, Produkte zu entwickeln, die auf Grundlage einer Zapfenverbindung funktionieren.« Stephen öffnet die Morbidelli-CNC und entnimmt eine vierseitige Zapfenverbindung – Teil des Houtlander »Pedestal Table« –, die eben fertig geworden ist. »Das hier kann man einfach nicht falsch zusammensetzen!«

Jetzt brauchte es nur noch die entsprechend passenden Stäbe, die in die Löcher passten. Auf dieser Basis entwickelten Stephen und Phillip eine Reihe von Möbeln. Sehr bald wurde ihnen klar, dass die Qualität ihrer Möbel von Größe und Exaktheit der entsprechenden Spindeln abhängt. »Es ist sehr schwer, die Spindeln immer in genau der gleichen Größe zu drehen. Also sorgen wir dafür, dass jedes entsprechende Loch immer die richtige Größe hat.«

Möbelbau mit Zuordnung über Farbpunkte

Die findigen Schreiner erfanden ein bestechend einfaches und effektives System: Sie frästen eine Holzschablone mit mehreren Löchern, die im Durchmesser jeweils um 0,1 mm variieren. Dann wurde jeder Lochgröße eine entsprechende Farbe zugeordnet. Die Arbeiter überprüfen jetzt jede einzelne Spindel auf ihre Passgenauigkeit und versehen die Werkstücke mit dem korrespondierenden Farbpunkt.

Der CNC-Operator muss nun nur noch die entsprechenden Farben in einem Dropdown-Menü auswählen, sodass die Fräse die passenden Löcher bohrt. »Mit dieser Methode gibt es keine Diskrepanzen mehr in der Passgenauigkeit und auch keinen Ausschuss mehr bei den Möbelstücken,« berichtet Stephen stolz. »Das Beste daran ist, dass unsere Mitarbeiter nicht einmal rechnen können oder Maßeinheiten verstehen müssen, um beispielsweise eine Schieblehre zum Maßdefinieren benutzen zu können.« So sehr das geringe Bildungsniveau für die beiden Unternehmer eine Herausforderung darstellt, so sehr sehen sie die einzigartigen Chancen, die die südafrikanische Kultur für modernes Design bietet.

Anfang 2019 wurden Stephen und Phillip gemeinsam mit der Designerin Thabisa Mjo beauftragt, ein authentisches Stück für die Kunsthandwerk-Messe »Révélations« in Paris zu gestalten.

Inspiriert vom Zulu-Hügelland

Man entwickelte die Idee einer Sitzbank, die einerseits etwas von den typisch-sanften Hügellandschaften der Provinz KwaZulu-Natal erzählen sollte und andererseits inspiriert war vom afrikanischen dreibeinigen Kochtopf. Auf der Suche nach dem passenden Material für die Rückenlehne stieß das Trio auf die Weberin Beauty Ngxongo. Beauty ist keine Unbekannte: Ihre Korbgeflechte sind im Smithsonian und im Metropolitan Museum of Art in New York zu bestaunen.

Nachdem Design und Materialien gefunden waren, folgte die nächste Herausforderung: Es blieben nur sechs Wochen, bis das Stück im Grand Palais in Paris ankommen sollte. Um die knappe Deadline zu schaffen, arbeiteten sechs Zulu-Frauen insgesamt 1350 Arbeitsstunden an dem Geflecht für die Rückenlehne. Das Ergebnis ist nicht perfekt, denn man sieht der Arbeit einige Unvollkommenheiten an, die dem unterschiedlichen Können der Weberinnen geschuldet ist. Außerdem war es das erste Mal, dass sie an einem Möbelstück mitgearbeitet hatten.

Möbelbau, der durch Unvollkommenheit brilliert

Als die Bank abgeholt werden sollte, waren die Frauen sehr aufgeregt, denn sie wussten, dass ihre Arbeit nicht makellos war. »Aber genau das ist so reizvoll und einzigartig an diesem Stück,« erzählt Stephen. »Wir sehen unsere Hlabisa Bench als Neuanfang, denn dieses Stück ist eine echte Wegkreuzung: Was als Kooperation mit Thabisa und ihrem Mash T. Design Studio begann, wurde zu einer Symbiose aus Handwerkskunst und Design und einer Mischung aus Technologie und Tradition. In meinen Augen ist Kunsthandwerk der neue Luxus,« sagt Stephen. »Wir verbringen den ganzen Tag damit, auf unsere Monitore zu starren und wenn wir dann etwas Haptisches, Handgemachtes erleben, sind wir davon fasziniert.«

Jahrhundertealter Erfahrungsschatz

»Gleichzeitig hat sich vieles im Kunsthandwerk in Südafrika zu Kitsch entwickelt. Wir wollen gutes Design zurück ins Handwerk bringen; zurückgreifen auf diesen reichen Erfahrungsschatz, der hier über Jahrhunderte entstanden ist und nicht einfach so vervielfältigt werden kann. Es geht darum, den Stillstand des Handwerks zu vermeiden, diese fantastischen Traditionen zu erneuern. Nur so können wir die Nachhaltigkeit dieses Erbes gewährleisten.“

die dds-Reportage von Erol Gurian zu Hawaii: Ein Mann, ein Board


»Wir wollen gutes Design zurück ins Handwerk bringen!«

Stephen Wilson, Geschäftsführer Houtlander Möbelmanufaktur


»Wir fertigen moderne Designmöbel, die einfach, zugleich aber traditionell und zeitgemäß sind.«

Phillip Hollander, Geschäftsführer Houtlander Möbelmanufaktur


Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist und Dozent. Er unterrichtet an der renommierten Deutschen Journalistenschule – und fotografiert und schreibt für dds. Über Festool entstand der Kontakt zu Houtlander in Johannesburg.

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