Möbel

Mit Gegenwind

Am Salone in Milano gibt es immer etwas mehr Show und Event, als anderswo
Trotz der Krise: Die Möbelmesse in Mailand mit ihren zahlreichen Veranstaltungen ist jedes Jahr eine Quelle der Inspiration. Schließlich haben die Italiener viel Erfahrung, mit widrigen Situationen kreativ umzugehen.

Spontan, quirlig, sorglos und fantasievoll – wir Deutschen lieben dieses Klischee über die Italiener. Vielleicht, weil diese Beschreibung so wenig auf uns selbst passt. Und mit uns liebt die ganze Welt Italien – das Meer, die Küche und das italienische Design. Einmal im Jahr pilgern Italienliebhaber aus der ganzen Welt in die lombardische Metropole und treiben die Hotelpreise in astronomische Höhen. Dann weiß jeder: Es ist wieder Salone-Zeit.

Rund 300000 dieser Pilger besuchen den Salone Internazionale del Mobile. Wie viele Designaffine die zahllosen anderen Veranstaltungen des Fuori- salone in der ganzen Stadt besuchen, weiß keiner. Im Jahr 2012 zählte allein die Präsentation des Temporary Museum for New Design in der legendären Zona Tortona über 100000 Besucher. Wenn Mailand die große Designwoche zelebriert, dann scheint die ganze Stadt mit dabei zu sein. Die Messebesucher kommen mehrheitlich aus dem Ausland, drei Viertel der Aussteller dagegen aus Italien.
»Das Publikum ist sehr gemischt. Auf der einen Seite sind es Einkäufer, die wissen, wen sie besuchen möchten und wonach sie suchen. In diesem Punkt sind die Besucher des Salone mit denen der IMM in Köln zu vergleichen«, weiß Sabine Schweigert, die schon lange in Mailand lebt und viele internationale Kunden als PR-Expertin betreut. »In Mailand zählen zum Messepublikum ferner viele Talentscouts, Ideensucher und Neugierige, deren Einfluss – auch wirtschaftlich – auf lange Sicht nicht zu unterschätzen ist.«
Dem Abgrund immer näher
Die weltweit bedeutendste und größte Messe für hochwertiges Interieur und Designmöbel ist seit 50 Jahren ein Magnet, ein Impulsgeber und ein Laufsteg für die Möbelmode der nächsten Saison. Doch zuletzt ist die unangefochtene Leitveranstaltung ins Wanken geraten, zu existenziell ist die Krise in Italien. Medienberichten zufolge hat allein der italienische Staat 91 Mrd. Euro Schulden bei den Unternehmen im Land. Die Zahlungsfristen von mehreren Jahren treiben viele Firmen in die Insolvenz. Die derzeit noch amtierende Regierung von Mario Monti hat nun Abhilfe versprochen und will offene Rechnungen in Höhe von 40 Mrd. Euro innerhalb der nächsten zwölf Monate an den Privatsektor bezahlen. Das könnte manchen Möbelhersteller vor dem drohenden Ruin retten, denn von den üblichen Kurzzeitkrediten nehmen die Banken seit der Krise Abstand. Diese schwierige Situation war in den letzten Jahren in den Messehallen deutlich spürbar – der Lack war etwas ab, oder anders gesagt: Das Ideenfeuerwerk mit der gewohnt opulenten Präsentation blieb den verwöhnten Messebesuchern verwehrt.
»Sicherlich hat sich das Panorama in Mailand im Laufe der letzten drei Jahre geändert. Ausschlaggebend hierfür ist die weltweite Wirtschaftskrise. Dennoch bleibt der Salone das Schaufenster der Branche. Kaum ein designorientiertes Unternehmen, das weltweit erfolgreich ist oder sein möchte, kann auf eine Teilnahme am Salone oder am Fuorisalone verzichten«, so Sabine Schweigert. »Dies gilt für deutsche Möbelhersteller wie für Firmen aus Asien und Südamerika, gleichermaßen für Industrieverbände und Kulturinitiativen, die verstärkt auf der Messe oder in der Stadt Ausstellungen veranstalten.«
In guter Gesellschaft
Die Möbelbranche hat es insgesamt schwer derzeit. Auch die Zahlen der deutschen Möbelbauer spiegeln Krisen in vielen Ländern wider. Konkurrenten aus Billiglohnländern haben aufgeholt, sie liefern hochwertigere Möbel und haben sich von reinen Zulieferern zu Mitbewerbern entwickelt. Unterschiede zwischen deutschen und italienischen Möbelherstellern kann Schweigert in diesem Punkt nicht ausmachen, auch wenn bei den Italienern das Wasser wohl deutlich höher stehen dürfte. Allen voran sind es asiatische Möbelanbieter, die den Markt aufmischen. Deutsche Möbelimporte aus China stiegen 2012 laut dem Verband der deutschen Möbelindustrie (VDM) um elf Prozent an – die Chinesen haben im Möbelsektor ein atemberaubendes Wachstum hingelegt. Erreichte der jahrelange Weltmeister im Möbelexport Italien (wie Deutschland) nur selten die Zwölf-Mrd.-Euro-Marke, wechselte China vor einigen Jahren auf die Überholspur: Das Schwellenland exportiert nun jährlich Möbel im Wert von über 45 Mrd. Euro.
Der Italiener – ein Designer
Nirgendwo ist Design so allgegenwärtig wie in Mailand während der verrückten Salone-Woche. Wie können die Italiener nur so unermüdlich schöpferisch sein? »Generell sind Italiener extrem kreativ. Dabei spielen Kultur und Mentalität eine große Rolle. Und: hier traut man sich auch eher einmal etwas, ohne sich des Ergebnisses sicher zu sein, während wir doch eher zur Perfektion neigen und uns dann schon mal jemand zuvorkommt, während wir noch tüfteln«, erklärt sich Sabine Schweigert das Phänomen.
Der Stellenwert guter Gestaltung begegnet uns in zahllosen italienischen Produkten, auch im Fernsehen. Während bei uns das RTL-Publikum Zeuge von Wohnungsrenovierungen zweifelhafter Qualität wird, macht Designer und TV-Mann Andrea Castrignano mit »Cambio Casa, Cambio Vita« (verändere dein Haus, verändere dein Leben) aus durchschnittlichen Wohnungen tatsächlich gut gestaltete Räume. Nun stellt er eine neue Sendung mit dem Titel »Hi Home« vor. Es geht um hochwertiges Design und einzigartiges Wohnen. Premiere ist, wie könnte es anders sein, natürlich zum Salone! Christian Härtel

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