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Leicht und robust

Tisch aus Blech von Jonas Mörler
Leicht und robust

Jonas Mörler ist Schreiner und studiert Innenarchitektur an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Im Rahmen eines Möbelprojekts im vierten Semester hat er einen zerlegbaren Tisch aus Blech entwickelt.

Herr Mörler, Ihr zerlegbarer Tisch aus Blech und MDF lässt kaum an ein experimentelles Studienprojekt denken. Auf welchem Weg haben Sie zu dieser Form gefunden?

Ich habe viele Versuche mit Papier und Pappe durchgeführt, da diese Materialien sich ähnlich wie Blech verhalten, aber wesentlich leichter formbar und natürlich auch billiger sind. An die Gestalt des Tisches habe ich mich schrittweise mit einem Modell aus Pappe im Maßstab 1:1 angenähert. Daran lassen sich sehr gut Schwachstellen erkennen und immer weiter verbessern.

Wie entsteht aus der Fläche ein dreidimensionales Objekt?

Das Schnittmuster habe ich erst auf Papier gezeichnet und dann den Tisch am Rechner in Materialstärke nachgebaut.

Durch Abkantung streckt sich aber das Blech, das muss man beim Zuschnitt aus der Fläche berücksichtigen. Ich habe so lange gebastelt, bis ich das richtige Ergebnis hatte. Danach wurden die in Vectorworks 3D-gezeichneten Teile mit dem Tool »Mantelflächen abwickeln« in 2D-Flächen zurück-verwandelt, die als dxf-Datei vom Laser verarbeitet und aus dem Blech ausgeschnitten werden können.

Und wie lässt sich das Blech dann derart präzise biegen?

Das erleichtert eine CNC-gesteuerte Abkantmaschine: Für jedes Teil wird ein Programm geschrieben, welches die  Beschaffenheit des Materials berücksichtigt. Metall hat bei Verformung ein Rückstellvermögen, das sogar von Lieferung zu Lieferung variieren kann. Kennt man diesen Faktor, kann die Maschine das Material quasi definiert überbiegen, damit es sich dann in den gewünschten Winkel zurückstellt.

Waren Sie für die Fertigung auf externe Firmen angewiesen?

Ursprünglich wollte ich den Tisch in den zentralen Werkstätten der Hochschule bauen, Laser und Abkantpresse sind dort vorhanden. Um die komplexe Geometrie des Schnittmusters in Blech umzusetzen, ist allerdings eine Biegemaschine mit Matrize erforderlich, dafür habe ich mir dann doch einen Fachbetrieb vor Ort suchen müssen.

Die Ausbildung der Ecken wirkt konstruktiv und optisch besonders spannend. Wie sind Sie auf diese Konstruktion gekommen?

Die Fügung der Teile sollte dem Tisch bei den Verbindungen von Zargen und Beinen durch fertigungsbedingte Schlitze einen klaren, feinen Charakter geben. Weil der Tisch über die Eckverbindung viele Kräfte auffangen muss, boten sich die Rundungen an. Gleichzeitig schaffen sie Platz für die lösbaren Verbindungen unter der Platte, ohne plump zu wirken. Die gesamte Konstruktion ist skalierbar, ermöglicht also individuelle Größen des Möbels. Unterschiedliche Farben des Gestells oder der Tischplatte lassen sich ebenfalls einfach realisieren.

Denken Sie darüber nach, Ihren Entwurf einem Hersteller anzubieten oder Fertigung und Vertrieb selbst zu organisieren?

Die Produktion des Tisches würde ich sehr gerne selber in die Hand nehmen, auch um junge Firmen zu fördern. Den Vertrieb und ein dazugehöriges Netzwerk aufzubauen, wäre mir neben dem Studium allerdings zu ambitioniert. Ich habe den Entwurf bereits einigen Unternehmen vorgestellt und würde mich freuen, wenn etwas daraus wird!

Konnten Sie in der Bearbeitung von Metall auf Erfahrungen aus Ihrer Ausbildung aufbauen?

Den Umgang mit Metall und seine Verarbeitung habe ich mir im Rahmen dieses Projektes erschlossen, doch kamen mir dabei meine Ausbildung und die Berufserfahrung als Schreiner auf jeden Fall zugute. Im Handwerk ändern sich zwar gewerkespezifisch Materialien und Methoden, aber überall besteht die Notwendigkeit, präzise zu planen und zu arbeiten. Alles andere kann man sich im Grunde aneignen. Oder wie mein Dozent Klaus Michel zu sagen pflegt: Einfach mal

machen, denn was soll schon passieren, außer einem Zuwachs an Erfahrung?!

Das Interview führte dds-Redakteur
Johannes Niestrath


Projekt Blechmöbel

An der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle entwickeln Studierende im vierten Semester Innenarchitektur ein Möbelstück. Wer schon eine Tischlerausbildung in der Tasche hatte, durfte im Sommersemester 2019 mit Blech arbeiten. Weitere Objekte haben wir in der Oktoberausgabe 2019 und auf dds-online veröffentlicht.

www.burg-halle.de


»Das Schnittmuster des Tisches habe ich erst in Papier und Pappe ausgearbeitet und mich vor der Umsetzung in Blech im 1:1-Modell an die Gestalt angenähert.«

Jonas Mörler

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