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Küchenblock aus Massivholz

Küchenblock aus Massivholz
Im Boden verankert

Leicht sollte er aussehen, der Küchenblock, der im Zentrum dieser Massivholz-Küche steht. Peter Gahr musste sich einiges einfallen lassen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen und dennoch für sicheren Stand zu sorgen.

Eine Küche ganz in massiv baut man nicht jeden Tag und auch selten hat man für die Planung solch ein üppiges Raumangebot. Zum Wohnbereich hin offen, gegenüber ein Zugang zum Garten: viel musste hier nicht gestaltet werden.

Wir entschieden uns für ein schlichtes Konzept mit zwei gegenüberliegenden Schrank-/Hochschrankfronten, zwischen denen ein großzügig dimensionierter Küchenblock steht. Mit drei auf einen Meter ist der zentrale Küchenblock weder im Volumen noch in seiner Optik ein Leichtgewicht. Es galt also ein Konzept zu finden, das die architektonische Öffnung zum Garten hin aufnimmt und nicht durch einen massiven Block unterbricht. Von Beginn an wurde deshalb das Konzept verfolgt, Volumen so weit wie möglich zu reduzieren und den Möbeln über eine entsprechende Gestaltung eine gewisse Leichtigkeit zu geben.

Vom Einbauschrank zum Möbel

In Nischen eingebauten Hochschränken nimmt man ihre Massivität am einfachsten, indem man sie an die Wand hängt. Der fehlende Sockel reduziert das Volumen, entscheidend jedoch ist die gefühlte und optisch erzeugte Leichtigkeit. Aus einem Einbauschrank – gleichzusetzen mit einer Wand – wird ein Möbel. Interessant hierzu sind die zahlreichen Ausführungen des Wiener Architekten Oskar Strnad (1879–1935), der immer wieder auf die Bedeutung einer klaren gestalterischen Trennung zwischen Möbel und Einbaumöbel hinwies.

Auch für den Küchenblock suchten wir eine entsprechende Lösung und orientierten uns hier an dem Charakter einer Werkbank: kräftige Stützfüße mit aufgelegter Platte und zwischengehängten Elementen. Zu lösen sind die technischen Anschlüsse: der Anschluss von Spüle und Wasserarmatur, der nach unten geführte Wrasenabzug sowie die Kochfelder, die alle eine Anbindung an den Boden erfordern.

Es entstand die Idee, einer schmalen, auf Sockel gestellten Schrankzeile rücklings eine zweite Schrankreihe anzuhängen – ohne Sockel. Zwei außen sitzende, leicht schräg nach außen gestellte Stützfüße geben dem Ganzen den gewünschten Werkbankcharakter. Dass die Statik hierfür spannender wurde als gedacht, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. »Was kümmert mich seine elende Fidel, wenn der Geist spricht!« soll Ludwig van Beethoven einst gesagt haben. Dumm nur, wenn man auch die Fidel selbst spielen muss.

So hängt jeder Schrank

Mit Massivmauerwerk in der Nische und an der gegenüberliegenden Außenwand war die wichtigste Voraussetzung für das Aufhängen der Schränke erfüllt. Mit Backöfen und Geschirrspüler treten jedoch gewaltige Lasten auf.

In solchen Fällen entscheiden wir uns immer für das Aufstellen der Elemente auf einen untenliegenden stabilen Aluminiumwinkel. Dieser kann leicht exakt in der Höhe montiert werden, und einmal aufgestellt müssen die Schränke nur noch oben rückverankert werden. Ganz entspannt geschieht dies mit Montagefüßen: zwei rechtwinklig miteinander verschraubte Bretter mit Einschlagmutter sowie Stellfuß mit M10-Gewindestange. Der Schrank wird aufgesetzt, der Stellfuß darunter geschoben und mit einer Schnellspannzwinge fixiert. Anschließend kann über den Stellfuß alles in Ruhe senkrecht zur Wand justiert werden. Zum Schluss wird der Schrank oben an der Wand rückverankert. Damit auch seitlich alles dauerhaft im Lot steht, verspannen wir bei Nischeneinbauten zum Schluss die Hochschränke jeweils noch oben und unten, direkt hinter den Seitenblenden, gegen die Nischenwand. Auch hierzu benutzen wir Stellfüße, die in kleinen Holzblöcken sitzen.

Ein statischer Mehrkampf

Wie bereits angesprochen: Der Küchenblock war komplizierter als gedacht. Die Idee erinnert ein wenig an einen Rucksack: Einer bodenständigen, auf einem Sockel aufgesetzten Schrankreihe werden rücklings weitere Schränke huckepack angehängt. Der Sockel ermöglicht alle Anschlüsse unsichtbar in die Bodenkonstruktion zu führen: die Elektrokabel, die Wasseranschlüsse, das Abwasser sowie den Flachkanal des Wrasenabzugs – zudem ist er eine solide Basis für den Aufbau des gesamten Blocks.

Die hinten angehängten 60 cm tiefen Unterschränke erzeugen ein erhebliches Kippmoment, das abzufangen war. Wichtigstes Element hierfür sind die beiden seitlich an die Endkorpussen angeschraubten Stützfüße. Geplant war, über eine kraftschlüssige Verschraubung mit der aufliegenden Küchenarbeitsplatte sowie der Korpusse untereinander, ein in sich stabiles Paket zu bilden, das die nahezu 3 m überspannen kann.

Da uns dies allein jedoch zu riskant erschien, setzten wir den Unterschrank der Kochfelder auf einen halbtiefen Sockel, um so möglichst nahe der Mitte das Kippmoment stabil abzufangen. Dieser immer noch 30 cm zurückspringende Sockel wird im Stehen nicht wahrgenommen, gibt der Konstruktion jedoch die erforderliche Sicherheit.

Zugfeste Verankerung im Estrich

Eine weitere aufwändige Maßnahme war eine zugfeste Verankerung der schmalen Unterschränke in der Estrichdecke. Jeweils vorne, knapp am Sockel, liegt eingebettet in einer Nut ein Flachstahl. Unten auf 90° abgewinkelt ermöglicht dieser eine zugfeste Verankerung in der Estrichdecke. Die Verankerung erfolgt über eine in den Estrich mit 2-Komponenten-Harz eingeklebte Gewindestange M10. Ohne die anderen Maßnahmen hätten wir dieser Konstruktion allein jedoch nicht vertraut, denn bereits ein geringfügiges Absenken des Bodens könnte deren Funktion erheblich schwächen.

Ob Schrankwand oder Küchenblock, das Aneinandersetzen von mehreren Korpussen verläuft selten geradlinig. Kleinste Maßtoleranzen zwischen der vorderen und hinteren Korpusbreite addieren sich aufeinander und ergeben in der Summe nicht immer einen geradlinigen Verlauf der Vorderkante – zumindest, wenn 3 m aneinandergereiht werden. Aus dieser Erfahrung heraus setzen wir mittlerweile bei besonders hohen Ansprüchen an die Maßhaltigkeit vorne eine leicht zurückgesetzte Leiste zwischen die Korpusse. Hierdurch entsteht ein bündiger, dennoch gelenkiger Zusammenschluss der Korpusse, der ein exakt geradliniges Ausrichten in der Flucht ermöglicht.

Auch wenn diese Genauigkeit selten erforderlich ist, setzen wir diese Leiste gerne aus gestalterischen Überlegungen. Sie bewirkt eine saubere Schattenfuge zwischen den jeweiligen Unterschränken und solch eine Trennung macht durchaus Sinn, denn: Die Unterschränke werden als Einzelelemente – die sie ja letztendlich auch sind – wahrgenommen, dennoch verschmelzen sie optisch zu einem Ganzen.

Ein paar praktische Einzelheiten

Keine Küchenplanung ohne Sonderwünsche, so meine langjährige Erfahrung. Das hat auch durchaus seine guten Seiten. Ein sehr schöner Vorschlag war die Integration eines Messerblocks in die Arbeitsplatte: für die drei wichtigsten, ständig benutzen Messer. Das macht durchaus Sinn und ist in der Umsetzung nicht allzu aufwändig. Ein wenig Risiko ist die teure Keramikplatte, bei der ein Maßfehler zum finanziellen Fiasko geführt hätte. Bei uns eigentlich immer Standard ist ein Spülmittelspender, der hier jedoch keinesfalls gewünscht wurde. So sitzt jetzt unter der Spüle eine Schublade, so hoch wie Spülmittelflasche, die direkt unter dem Becken relativ niedrig ist – ideal für Schwämme und Müllbeutel. Links und rechts können Flaschen für Spül- und Reinigungsmittel eingestellt werden. Hier ist die Zuordnung klar, anders bei den restlichen Schubladen. Diese sind unsere Herausforderung an die künftigen Nutzer, denn: Bei 49 Schubläden braucht man ein gutes System, um stets einen Überblick über deren Inhalt zu haben.


Peter Gahr hat schon als Kind in der benachbarten Schreinerei Möbel gebaut. Heute arbeitet er als Architekt und Möbeldesigner und ist nach wie vor vom Handwerk fasziniert. In dds stellt er Arbeiten aus seiner Werkstatt vor.

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