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Interview mit Konstantin Grcic

Über Funktion und Herstellung
Interview mit Konstantin Grcic

Konstantin Grcic gehört zu den führenden Designern der Gegenwart. Er entwirft Möbel für internationale Galerien und renommierte Firmen. Andreas Küper ist Möbelschreiner in München. Ein Gespräch über das Spannungsfeld zwischen serieller und handwerklicher Fertigung.

Das Gespräch führte dds-AUTORIN Bettina Rühm in München

Herr Grcic und Herr Küper, wie haben Sie sich kennengelernt?
KONSTANTIN GRICIC: Der Kontakt kam über einen damaligen Mitarbeiter von Andreas. Das war in München, obwohl ich zu der Zeit in England lebte. Dann gab es nach meinem Studium in England erste kleine Projekte mit ihm.
ANDREAS KÜPER: Das war 1985 oder 1986. Anfang der 1990er-Jahre waren es eine ganze Reihe Einzelaufträge, bei denen Konstantin für den Kunden entworfen hat und wir das klassisch umgesetzt haben.
KONSTANTIN GRICIC: Zu Beginn meiner Karriere wollte ich natürlich für die Industrie arbeiten, aber das kann man sich nur in Schritten aufbauen. Andreas und ich haben uns über die Zusammenarbeit hinaus sehr bald angefreundet. So haben wir uns auch nie aus den Augen verloren, wenn es keine gemeinsamen Projekte gab.
Wie entwickelte sich das weiter?
ANDREAS KÜPER: 2004 gab es das Projekt für das Haus der Kunst in München.
KONSTANTIN GRICIC: Das Haus der Kunst hatte mich beauftragt, für die Ausstellung »Simply Droog« einen Raum zu gestalten. Wir haben einen über 30 m langen Tisch aus scheinbar chaotisch ineinander verzahnten Bierbankgarnituren gebaut. Ein präzise geplantes Chaos. Ein tolles Projekt! Die Umsetzung hat Spaß gemacht und hat im Gebrauch wirklich gut funktioniert.
Was war eigentlich der Zweck der verzahnten Bierbankgarnituren?
KONSTANTIN GRICIC: Nennen wir es die Museumsbank der Ausstellung. Bei »Museumsbank« hat man sofort ein Bild vor Augen, eine Art dickes Brett auf einer bestimmten Sitzhöhe. Wir haben das Thema Museumsbank als einen Ort zum Verweilen in einer Ausstellung aber völlig anders umgesetzt und daraus ist dieses »Ding« geworden. Das Haus der Kunst hat diese Tische immer noch, sie setzen sie auch heute noch ein. Damit gehen diese Tische weit über das hinaus, was damals die Anforderung war, und das bestätigt, dass es gutes Design ist. Es erfüllt eine Funktion, es schafft sogar eine Funktion, die man gar nicht kannte und es erfüllt somit auch den Aspekt von Nachhaltigkeit.
ANDREAS KÜPER: Die Ausstellung im Ostflügel, als die Tische über die gesamte Raumlänge gingen – das sah spektakulär aus!
Herr Grcic, Ihre Möbelentwürfe fertigt teils ein Schreiner, teils die Industrie. Wie entsteht ein Entwurf?
KONSTANTIN GRICIC: Es ist eine ständige Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema. Für die industrielle Produktion ist der Rahmen sehr eng gesteckt. Bei einer Galerie ist man dagegen freier, da definieren wir den Rahmen. Möbel, die wir für Galerien machen, dienen aber auch als Experimentierfeld für etwas, das dann in der Serie wieder Anwendung finden kann.
Welche Möbel eignen sich für die Anfertigung durch den Schreiner und welche für industrielle Serien?
ANDREAS KÜPER: Das ist, glaube ich, eine Frage der Stückzahl. Wir machen Einzelstücke oder Kleinserien zwischen fünf und zehn Exemplaren. Die Industrie fängt erst bei einer bestimmten Auflage an, sich mit einem Thema zu beschäftigen. Sie hat eine andere Zielsetzung. Bei Galerien geht es um kleine Auflagen.
KONSTANTIN GRICIC: Eine Qualität, die ich an der Zusammenarbeit mit Andreas schätze, ist die kleine Größe seiner Werkstatt. Die Einschränkung der Möglichkeiten erweist sich meistens als Anstoß für besondere Lösungen. Das Besondere, das Einzigartige bei unserer Zusammenarbeit ist der Dialog. Andreas hilft mir, meine eigenen Gedanken zu schärfen, zu formulieren. Bei allen Projekten ist der Aspekt der Machbarkeit enorm wichtig. Bei einer industriellen Produktion wird alles viel komplexer – im Dialog mit Andreas kommen wir sofort auf den Kern der Dinge.
ANDREAS KÜPER: Es gibt die Idee, die Zeichnung, und ich bringe den Aspekt mit ein, wie man das Ganze umsetzen kann. Die schreinerspezifischen Details entwickeln wir dann gemeinsam. Ich mache Einschränkungen und sage, das könnte man vielleicht auch so machen, stört dich das optisch, passt es oder passt es nicht?
Herr Grcic, Sie sind selbst gelernter Möbelschreiner. Wirkt sich das auf die Zusammenarbeit aus?
KONSTANTIN GRICIC: Auf unsere Zusammenarbeit nicht wirklich, aber natürlich bringe ich ein Grundwissen mit. Manchmal ist es hilfreich, manchmal ist es auch eher hinderlich. Es spielt insofern eine Rolle, als dass ich weiß, wie gewisse Dinge funktionieren. Das hilft mir, ganz grobe Fehler zu vermeiden, aber ansonsten will ich ja gerade die Qualität solch einer intensiven Zusammenarbeit nutzen.
ANDREAS KÜPER: Im Laufe der Jahre ist es eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit geworden. Durch diese bin ich mit den Zielen von Konstantin vertraut und deshalb können wir gut miteinander umgehen. Wir arbeiten auf Augenhöhe und das ist gut für das gewünschte Ergebnis.
Profitieren Sie in Ihrem Handwerk von der Zusammenarbeit?
ANDREAS KÜPER: Natürlich, sehr sogar. Es sind ja schöne, interessante Projekte, bei denen es immer um Entwicklung geht und um eine intensive Auseinandersetzung mit Details. Es geht nicht darum, dass es »schon irgendwie wird«, sondern es steht immer ein Gedanke und ein wohl überlegter Aspekt dahinter. Das ist für meine Arbeit unglaublich befruchtend.
Wirkt sich das auch auf Ihre Arbeit an anderen Möbeln aus?
ANDREAS KÜPER: Die handwerkliche Umsetzung von gewünschten Details interessiert mich enorm, und ich versuche, den hohen gestalterischen Anspruch von Konstantin auch bei meinen täglichen Projekten aufrechtzuerhalten. Die Qualität unserer Werkstatt wird durch die Zusammenarbeit mit Konstantin, aber auch durch die mit anderen Designern oder mit fordernden Architekten immer wieder von Neuem gestärkt.
KONSTANTIN GRICIC: Andreas hat ein starkes Selbstverständnis als Handwerker, und das gefällt mir so an ihm, das ist eine Qualität, die ich auch suche. Ich will der Werkstatt ja vertrauen können. Und bei ihm habe ich genau dieses Vertrauen, weil ich aus Erfahrung weiß, wie seine Haltung zum Handwerk ist, und ich weiß, das deckt sich mit dem, was ich selbst auch suche. Wir arbeiten dann beide in der Diskussionssituation auf das Ähnliche hin.
Kommt es vor, dass sich Entwürfe im Laufe der Fertigung verändern?
ANDREAS KÜPER: Nicht unbedingt der Entwurf, aber etwa die Holzart kommt zur Sprache. Welches Holz eignet sich, welches nicht? Die Entscheidung dazu, ob massiv oder nicht, fällen wir meist gemeinsam.
KONSTANTIN GRICIC: Die Entwicklung des Massivholzmöbels »Hieronymus« ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Wir mussten tricksen. Das ist nicht negativ gemeint, sondern im Gegenteil. Ich liebe es, wenn sich das Handwerk, das ja auch in einer bestimmten Tradition verhaftet ist, freimachen kann.
ANDREAS KÜPER: Beim »Hieronymus«, der durch und durch aus einem Holzstamm gebaut ist, haben wir ein bestimmtes Teil als »Fake« gebaut, das heißt furniert. Das Möbel sollte komplett aus Massivholz sein. Das wäre aber konstruktiv nicht richtig zu bauen gewesen. Dann diskutieren wir natürlich schon darüber, ist so eine Inkonsequenz jetzt in Ordnung oder nicht.
KONSTANTIN GRICIC: Für solch ein Problem bedarf es einer Lösung. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass ich mich darauf verlassen kann, dass wir gemeinsam eine gute und konstruktive Lösung finden.
ANDREAS KÜPER: Es ist sehr hilfreich zu wissen, worum es Konstantin bei den Projekten geht, mit denen er zu mir kommt.
Wie funktioniert dabei der Vertrieb?
ANDREAS KÜPER: Bei uns geht es meist um eine Galerie oder einen Endkunden, etwa ein Museum – anders als bei der Industrie.
KONSTANTIN GRICIC: Der Standort ist unerheblich. Viele Dinge, die in München entstehen, gehen irgendwohin. Es ist nicht so, dass Andreas der lokale Schreiner ist für Münchener Projekte, sondern Objekte aus seiner Werkstatt gehen in alle Welt.
Welche Rolle spielt die Küper-Werkstatt als Produktionsraum?
KONSTANTIN GRICIC: Der Wert der kleinen Zelle ist, dass er mein erster Ansprechpartner ist. Seine Mitarbeiter repräsentieren seine Haltung perfekt und identifizieren sich mit dem, was in der Werkstatt entsteht. Das ist ein sehr spezielles Arbeiten. Es ist genau dieser Dialog, der elementar ist. Projekte sind immer ein Prozess. Man beginnt ohne zu wissen, was am Schluss letztlich sein wird. Das gelingt nur im sehr direkten Dialog und mit dieser Form von Vertrauen. Das Sichkennen und Sichvertrauen heißt nicht, einer Meinung zu sein und zu wissen, wie etwas geht, sondern sich auf einen Prozess einzulassen und dann gemeinsam eine Lösung zu finden.

Steckbrief

Konstantin Grcic ist einer der international bekanntesten Industriedesigner. Seine Objekte stehen in den wichtigsten Galerien und Museen, darunter das Museum of Modern Art in New York und das Centre Georges Pompidou in Paris. www.konstantin-grcic.com
Andreas Küper ist Möbelschreiner mit Werkstatt in München. Seit 30 Jahren realisiert er Entwürfe für Grcic. www.schreinerei-kueper.de
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