Interview mit Ferdinand Mayer-Widenhorn, Schulen für Holz und Gestaltung GAP

»Gestaltung ist kein Beiwerk«

Ferdinand Mayer-Widenhorn hat als Fachlehrer für Gestaltung und Konstruktion an den Schulen für Holz und Gestaltung Garmisch-Partenkirchen ungezählte Gesellenstücke begleitet. Ein Gespräch über die Essenz seiner Arbeit zum 150-jährigen Schuljubiläum.

Das Gespräch führte dds-Redakteur Johannes Niestrath

Was verbindet Möbelkonstruktion und Möbelgestaltung?

Die Schüler lernen im ersten Lehrjahr Massivholz als gerichteten Stoff kennen, dessen Eigenschaften in der verarbeiteten Form immer gegenwärtig sind. An den Grundkonstruktionen und Kleinmöbeln lässt sich vermitteln, dass jedes Material seine Gesetze hat, welche die Form mitbestimmen. Der Umgang mit Holz verpflichtet dazu, ihm abzugewinnen, was in ihm vorhanden ist, und das in der Form des Werkstücks auszudrücken.

Entstehen dabei nach Vorgabe immer wieder identische Stücke?

Nein, auch Übungsstücke werden von Anfang an individuell gestaltet, etwa ein Schemel mit drei Beinen. Ästhetik und Funktionalität müssen dabei Hand in Hand gehen, das Möbel soll ja benutzbar sein! Die Ergebnisse werden dann in der Gruppe diskutiert. Das war für mich immer spannend. Ich habe das geliebt.

Gibt es an den Schulen für Holz und Gestaltung eine gestalterische Handschrift, die tradiert wird?

Die entwickelt sich aus der Sache heraus. Nicht nur in der sichtbaren Gestalt des Möbels liegt der Reiz, sondern auch in der weiteren Verarbeitung im Detail. Dort, wo Fugen entstehen, wo Flächen ineinander übergehen oder miteinander verbunden werden. Ich habe beharrlich nachgefragt: Wenn ihr Übergänge macht, wenn ihr fügt und verbindet, was wollt ihr zeigen? Immer geht es um Ästhetik und Funktionalität. Die Qualität eines Möbels hängt unmittelbar zusammen mit seiner Benutzung und bildet mit der Gestalt eine Symbiose.

Hat der Schulleiter Franz Karg seinerzeit einen gewissen Stil der Meisterstücke veranlagt?

Er hat Wert darauf gelegt, dass Meisterstücke aus Massivholz gebaut werden. An dieser Schule war Massivholz aus der Tradition heraus immer das zentrale Thema, doch spielen Plattenwerkstoffe inzwischen natürlich auch eine Rolle. In Möbelhäusern ist Massivholz heute eine Modeerscheinung. Es ist wichtig zu verstehen, dass sich furnierte Flächen auch optisch wesentlich von Massivholz unterscheiden – das wird deutlich, wenn man sich klarmacht, dass Furniere in der Regel wie Tapete im Rapport verarbeitet werden. Es geht mir nicht um Bewertung, sondern um unterschiedliche Qualitäten.

Wie beeinflussen heute modische Trends die Auszubildenden?

Wenn die Schüler für drei Jahre zu uns in die Ausbildung kommen, sind sie noch recht unbedarft, man hat die Möglichkeit, sie zu leiten. Eine modische Prägung durch den Stil der Zeit erkennt man aber immer, und das war früher nicht anders. Ich rate dazu, Möbel so zu gestalten, dass man sie auch zehn Jahre später noch anschauen kann. Die Mode mit dem Altholz ist da zum Beispiel ein ganz schwieriges Thema.

Kommt es vor, dass einmal etwas völlig aus dem Ruder läuft?

Es gab schon Sachen, die wir verboten haben. Aber das ist selten. Ich habe immer versucht, Schüler bis zu einem gewissen Punkt zu überzeugen und zu sensibilisieren, aber dann ziehe ich mich zurück und lasse sie machen.

Wie entstehen aus Vorbildern eigenständige Lösungen?

Freihandzeichnen schult gleichzeitig das Sehen, Wiedergeben und Verstehen. Daraus kann sich auf die Dauer Eigenes entwickeln. Und wenn wir in kleinen Gruppen immer wieder aufmerksam Möbel anschauen und diskutieren, bildet sich daran ein Sinn für die Ästhetik und die Sicherheit, selbst etwas zu gestalten.

Welchen Einfluss hat die CNC auf die Möbelgestaltung?

Durch die CNC-Technik hat sich vieles verändert. Sie kann dienend eingesetzt werden, etwa bei der Herstellung einer Gratverbindung, kann aber auch selber gestaltend wirken. Dabei geht dann viel Handwerkliches verloren, ähnlich wie bei den Massivholzmöbeln in industrieller Optik aus den 1980er-Jahren. Das Zinken von Hand zum Beispiel behält seinen hohen Stellenwert, wenn ein Möbelstück mit Persönlichkeit entstehen soll. Das stellt aber keinesfalls den Einsatz von Maschinen infrage. Wo Flächen mit sichtbaren Schwalbenschwänzen gezinkt oder unsichtbar verbunden sind, wo Ebenen sich berühren, entfaltet sich Handwerkskunst. Wer mit Holz arbeitet, weiß, wie vielfältig diese Varianten sind. Dieses Wissen zu erhalten, zu pflegen, weiterzuentwickeln und weiterzugeben, ist auch eine kulturelle Aufgabe.

Wie steht es im digitalen Zeitalter um die Handwerkskultur?

Der Wettbewerb Handwerk + Form im Bregenzerwald zeigt, dass handwerkliche Formgebung hochaktuell ist. Diesen Wettbewerb hätte ich auch bei uns gern gehabt. Heute, wo die Lebensumstände vielfach selbst Gegenstand von Gestaltung werden, haben Möbel und Einrichtungen eine hohe gesellschaftliche Bedeutung.

Gibt es Schüler oder Arbeiten, die Sie nicht vergessen werden?

Ich behalte ja grundsätzlich nur die positiven Dinge! Es gab ganze Lehrjahre, die sich gegenseitig hochgezogen haben. Einzelne Schüler haben ihre persönliche Auseinandersetzung mit Gestaltung dann so intensiviert, dass sie nach ihrer Schreinerausbildung noch erfolgreich Architektur oder Design studiert haben.

Was wünschen Sie den Schulen für Holz und Gestaltung?

Dass sie nie modisch werden. Wer die Tradition kennt, kann aus diesem Wissen immer etwas Neues machen.


Schreinerwerkstatt der Schnitzschule
Foto: Archivaufnahme SHG

Von der regionalen Schnitzschule zur führenden Bildungsstätte im Holzhandwerk

1869 wird in Partenkirchen die Distrikts-Zeichen- und Schnitzschule Werdenfels mit Filial-Zeichnungsanstalten in Oberammergau und Mittenwald zur Förderung der damals wirtschaftlich sehr schwachen Region Werdenfels in zwei Räumen des Magistratsgebäudes der Gemeinde eingerichtet. Hohe Kunstfertigkeit präsentiert die Schule auf Weltausstellungen Ende des 19. Jahrhunderts. Trotz erheblicher Schwierigkeiten überdauert sie beide Weltkriege. 1954 übernimmt der Bezirk Oberbayern die Trägerschaft der Schule und fördert ihre dynamische Entwicklung. Heute vereinen die Schulen für Holz und Gestaltung fünf Bildungsangebote unter einem Dach: Erstausbildungen in Vollzeit zum Schreiner und zum Holzbildhauer, die Aufstiegsfortbildung zum Schreinermeister und an der Fachakademie die Vertiefung zum staatl. geprüften Raum- und Objektdesigner. Zur Pflege der Tradition wurde auch eine Krippenbauschule eingerichtet.

www.shg-gap.de

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