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Ideen für das Co-Working der Zukunft aus der Burg Giebichenstein

Ideen für das Co-Working der Zukunft aus der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
Arbeit in Bewegung

Was kommt nach dem Homeoffice? Innenarchitekturstudierende der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle haben Ideen für das Co-Working der Zukunft entwickelt.

Fabian Rätzel M.A. ist Lehrbeauftragter für Ausbaukonstruktion an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und hat das Projekt »No Homeoffice Island« als Künstlerischer Mitarbeiter von Prof. Axel Müller-Schöll begleitet

Unsere Vorstellung von Schreibtischarbeit und den dafür geeigneten Orten ist in Bewegung und das klassische Büro seit Langem Experimentierfeld unterschiedlicher Auffassungen von einer Umgebung für produktives Arbeiten – es passt sich wechselnden Bedürfnissen an und verändert sich immer wieder grundlegend. Zuletzt hat während der Pandemie das Homeoffice Karriere gemacht, doch die Verlagerung des Arbeitsplatzes in den privaten Wohnkontext auch neue Problemfelder freigelegt: Mit steigenden Mieten in den Ballungsräumen entfiel in Wohngrundrissen mehr und mehr der von Le Corbusier so benannte »Raum zu viel« und mit ihm auch das Arbeitszimmer. Gearbeitet wurde im häuslichen Umfeld eigentlich nur im Ausnahmefall. Anders in der Pandemie: Dass etwa mehrere Menschen in einem Haushalt zugleich an einer Online-Konferenz teilnehmen, war wie das Home-Schooling ein normales Szenario – Konflikte inklusive! Diese veränderte Arbeitswelt, mit der eine breite Bevölkerungsschicht differenzierte Erfahrungen gesammelt hat, wird sich nach der Pandemie nicht gänzlich zurückentwickeln: Wenn das Büro als Ort für soziale Begegnung, Erleben eigener Produktivität und Informationsaustausch dauerhaft wegfällt, wird man dafür neue adäquate Ort erfinden müssen.

Vor diesem Hintergrund suchten sechs Studierende der Innenarchitektur an der Burg Giebichenstein im Projekt »No-Homeoffice Island« nach Co-Working-Konzepten für eine hypothetische künftige Nutzung einer Referenzfläche von etwa 600 m² innerhalb des Mitteldeutschen Mode Centrums (MMC) Schkeuditz. Hierzu entstanden individualisierbare Arbeitsplätze, die in der Addition eine attraktive Arbeitsumgebung ergeben und jeweils mit einem Service- oder Dienstleistungsbereich kombiniert sind, um für bestimmte Zielgruppen ein attraktives Angebot zu schaffen.

Es war den Studierenden freigestellt, den Fokus der Ausarbeitung entweder auf die Unit, den Raum oder das Bauen im Bestand zu legen und im Folgenden den gewählten Schwerpunkt zu vertiefen. So wurden die Units je nach Gewichtung als Maßstabsmodelle, als Mock-ups im Maßstab 1:1, als Prototypen oder auch in anderer Form präsentiert. Die Organisation der Fläche (Grundrisse) sowie die Interaktion der verschiedenen Sektoren (Axonometrie) waren von allen im selben Duktus anzulegen.

Möbel im Kontext

Zwei Möbelentwürfe wurden vertieft geplant und als Prototypen umgesetzt: Bei Nadja Schulze und Lucas Bögelsack (S. 21 und 22) dreht sich alles um das Rad: ankommen und frischmachen am Arbeitsplatz, nach oder während der Arbeit Fahrradwäsche, Werkstatt und der Austausch mit der Community – alles unter einem Dach bequem erreichbar. Der Schreibtisch mit Werkbank-Charakter ist aus 40 mm Eiche-Multiplex gefertigt. Zusammen mit dem Multifunktionsgestell aus geschweißtem Stahlrohr und der Rolltischablage bildet er die Arbeitsunit »Work plus«.

Der »Coworking Kiez« von Mona Münstermann und Michael Goß (S. 24) stellt Arbeitsplätze bereit, die durch einen eingestellten rechteckigen Baukörper gerahmt sind, der im Winkel der Units gedreht dem Grundriss ein Innen oder Außen verleiht. So ist die Fläche in atmosphärisch privatere und öffentlichere Sektoren gegliedert. Der Prototyp der Unit »Plug your Place« ist in CNC-gefräster Fichte-Dreischichtplatte als Dreibein mit Wendeplatte ausgeführt und durch den Grundriss des Polygons im Ensemble vielseitig konfigurierbar.

Analog zum Bauen gliederte sich das Semester in unterschiedliche Phasen von Grundlagenermittlung bis zur Dokumentation. In der Vorbereitung auf das Projekt untersuchten die Studierenden anhand von Rechercheaufgaben Randbedingungen und stellten ihre Ergebnisse allen als Inputvorträge vor. Zu Beginn des Semesters wurden im Rahmen einer Studienreise an den Bodensee Arbeitssituationen erkundet und Konzepte zum Co-Working-Space analysiert, um sich im gemeinschaftlichen Diskurs auf die Problematik einzupendeln. Diese Exkursion und die aufwendige Durcharbeitung wurden auch dadurch möglich, dass die gastgebende Globana Unternehmensgruppe sich auch als Projektmäzen verstand! Zurück in Halle, ging es dann zum Start des Projekts in die Entwurfsphase.

Zum Auftakt wurden in einem Workshop mit dem Industriedesigner Henrik Bettels, M.A. Furniture and Interior Design, sogenannte Units entwickelt und als Mock-up im Maßstab 1:1 gebaut: Arbeitsplätze mit Stauraum, Schreibfläche, Trennelementen und einer Beleuchtungsidee. Ausgangspunkt für den Entwurf war jeweils ein klares Bild der Arbeitssituation und Nutzung, aus dem sich dann die Anforderungen an einen individuellen Arbeitsplatz im Entwurfsprozess ableiten und alle Entscheidungen messen lassen. Die Umsetzung fand in einem zu dieser Zeit ungenutzten Showroom des Mitteldeutschen Modezentrums statt, der neben viel Platz zum Tüfteln und Ausprobieren auch einen ersten Eindruck des Gebäudebestands vermitteln konnte, in dem die räumlichen Konzepte später verortet sein sollten.

Eine Frage des Blickwinkels

In einem Workshop mit der Innenarchitektin und Service Designerin Sheila Emmenegger standen die Raumfunktionen und das Serviceangebot aus dem Blickwinkel künftiger Nutzer, ihrer Bedürfnisse und Eigenheiten im Fokus: So wurde ein Arbeitstag dieser sogenannten Persona schematisch dargestellt, um aus Abläufen und Nutzungen ein funktionierendes Raumprogramm zu erstellen. Grundlage der Units und der Raumkonzepte sind jeweils die individuellen Bedürfnisse künftiger Nutzer.

Die sehr kurze Umsetzungsphase der Mock-ups ließ keine aufwendige Fertigung zu, sie entstanden daher pragmatisch aus Dachlatten und Wellpappe – zwei einfache Materialien, die ausreichen, um anfänglich in der Konstruktion zu denken sowie Flächen und Volumen zu bilden. Um besondere Funktionsweisen und Highlights zu kennzeichnen, konnte nach Bedarf mit Möbelrollen, farbigem Klebeband oder vor Ort gefundenen Restmaterialien ergänzt werden.

Konzepte kommunizieren

Regelmäßige Zwischenpräsentationen innerhalb der Gruppe bildeten wichtige Stationen und Gelegenheit für Austausch und Festlegungen, bevor zum Ende des Semesters die sechs unterschiedlichen Entwürfe final ausgearbeitet wurden. Sie zeigen Perspektiven zur Zukunft des Arbeitens auf, indem sie an einem Ort personalisierbare Arbeitsplätze und für spezifische Zielgruppen Serviceleistungen gegenüberstellen.


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