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Freistehendes Badmöbel vom Schreiner

Das besondere Projekt: Badausbau
Freistehendes Badmöbel vom Schreiner

Die meisten Bäder sind eine raumoptimierte Schachtelung von Sanitärgegenständen. Für eine andere Lösung muss man manchmal hart kämpfen, wie dds-Autor Peter Gahr bei dem folgenden Projekt feststellen musste.

Die Ausgangssituation: Ein Einfamilienhaus mit knapp 300 m2 Wohn- und Nutzfläche. Für das zentrale Bad hatte der Architekt jedoch nur knappe 14 m2 vorgesehen. Die von den Bauherren erwünschte »lichdurchflutete Wohlfühloase« war hier kaum zu realisieren. Auf mein Anraten hin schrumpfte der nebenan vorgesehene, 5,5 m2 große »Haustechnikraum« nach einigen Diskussionen zu einer Vorwandinstallation mit vorgesetzter Trockenbauwand und einem kleinen Abstellraum. Für das Bad hatten wir jetzt knapp 20 m2 zur Verfügung: damit kann man einiges anstellen!

Grundidee der weiteren Planung war das Abrücken der Sanitärobjekte von der Wand. Für Badewannen gibt es seitens der Hersteller viele Vorschläge, für Waschtische jedoch nahezu keine. Doch auch die beiden Waschtische sollten frei im Raum stehen: gegenüberliegend und durch Spiegel optisch voneinander getrennt. Dieses freistehende »Möbel« zu entwickeln wurde – nicht ganz unerwartet – zu einer echten handwerklichen Herausforderung.

Modell aus Styropor und Pappe

Die grundlegenden Entscheidungen waren schnell gefällt: WC und Dusche wurden seitlich angesetzt, die Duschnische mit Übertiefe, sodass sich Vorhang oder Glastür erübrigten. Für das weitere Vorgehen fertigte ich ein Pappmodell des Badezimmers im Maßstab 1:10 sowie eine Badewanne und kleinen Waschtisch in Styropor. Bereits im Modell zog ich die Fenster bis zum Boden hinunter, um dem nun großen Raum mehr Verbindung nach außen zu geben. Gleichzeitig wurden die Fensterlaibungen angeschrägt, um die Raummitte zu betonen.

Mit einer Skizze des Waschtisches, dem Raummodell sowie Pappschablonen von der Projektionsfläche des Waschtisches und der Badewanne im Maßstab 1:1 ging es dann auf die Baustelle zur Bauherrenbesprechung. Es wurde hin und her geschoben, diskutiert und zum Schluss gab es eine einvernehmliche, schlüssige Lösung. Alles leicht dynamisch gedreht, die Badewanne mit Blick auf den Apfelbaum. Wer welchen Waschtisch bekommt – auch das war bereits entschieden. Zum Schluss wurde alles maßlich aufgenommen, die Sanitäranschlüsse gleich auf dem Boden markiert. Die weitere Detailplanung wurde mir ohne weitere Rücksprache anvertraut.

Ohne Umwege in die Werkstatt

Manche Dinge sind in der Werkstatt besser entworfen als mit CAD. So auch hier. Entsprechend der Skizze fertigte ich zu Beginn das Tischgestell in massiv Eiche, mit leicht schräg nach außen gekippten Beinen. Diese sind mittig über eine kräftige verzapfte Traverse verbunden. Vorerst alles nur lose zusammengesteckt, ohne Leim. Alle Sanitäranschlüsse sollten unsichtbar zwischen den beiden Spiegeln hochgezogen und anschließend unterhalb der Tischplatte so platzsparend verbaut werden, dass noch genügend Platz für Schubladen vorhanden war.

Probelauf mit allen Anschlüssen

Armaturen und Waschtische wurden auf provisorischen Tischplatten montiert und anschließend alles wieder in die Einzelteile zerlegt, denn: Zwischen den beiden Spiegeln war es so eng, dass für die erforderliche enge Zusammenfassung der beiden Abflussrohre tiefe Taschen in die Traverse gefräst werden musste. Dann wieder alles zusammenbauen, zwei Spanplatten als »Spiegel« einstellen und alles komplett probeweise anschließen. Mit der probeweisen Installation konnten auch die Durchführungsbohrungen in den Spiegeln exakt festgelegt werden. Auch ein paar Problemstellen zeigten sich: Die Zarge musste an einer Stelle innen ausgenommen werden, um Platz für die Gegendruckscheibe der Armatur zu schaffen, auch bei den großen Überwurfmuttern der seitlich liegenden Steckdosen mussten die Zargen innen ausgefräst werden. Jetzt passte alles und dem Verleimen stand nichts mehr im Wege. Zur Überprüfung aller Bohrungen und Ausschnitte in der Keramikplatte sowie den weiteren Ausbau des Waschtisches frästen wir auf der CNC eine provisorische Abdeckplatte.

Zum Ausgleich der Schrägen wurden innen an den Zargen angeschäftete Leisten angeleimt, an welche die beiden u-förmigen Schubkorpusse angeschraubt sind. Nachdem alles komplett montiert und angeschlossen war, konnten die Schubladen exakt ausgemessen und angefertigt werden.

Schubkästen fertigen und anpassen

Wir entschieden uns, die Schubladen zuerst standardmäßig zu fertigen und erst in einem zweiten Schritt die erforderlichen Anpassungen vorzunehmen. Zur Unterstützung der dünnen Keramikplatte ist der innenliegenden U-Zarge eine Dreischichtplatte in Eiche aufgesetzt. Unten an diese angeschraubt ist eine mittlere Hilfszarge für die kleinere Innenschublade. Mit diesem aufwändigen, schrittweisen »Drumherumbauen« konnte der zur Verfügung stehende Raum optimal ausgereizt werden, ohne zu riskieren, einen kompletten Satz nicht passende Schubladen zu entsorgen.

Für die Verkleidung der zwischen den Spiegeln nach unten geführten Installation ließen wir ein Edelstahlblech abkanten. Das nach der Installation mögliche Einsetzen der Verkleidung überprüften wir vorab mit einer Pappschablone. Letztendlich waren jetzt alle offenen Punkte abgeklärt und für die Anfertigung der Keramikplatte wurden die CNC-Daten an den Hersteller übermittelt.

Warum all dieser Aufwand wird sich mancher fragen. Doch das Motto »no risk no fun« verliert spätestens bei einer Entfernung von knapp 500 km zur Baustelle seinen Reiz.

Insofern waren wir nicht unbedingt erfreut, als nach einiger Zeit eine Nachbestellung für zusätzliche Ablagen erfolgte. Wir konnten diese nicht mehr in der Werkstatt einpassen und hatten nur noch zwei Baustellentermine. Das Aufmaß erfolgte am ersten Termin, für den zweiten und letzten musste alles passen.

Wir setzten zwischen die Spiegel propellerförmige Ablagebretter, die über zwei Edelstahlrohre der Mittelkonsole aufgesetzt sind. Um der Konstruktion optisch mehr Leichtigkeit zu geben sind die Ablagebretter aus hellem Birkensperrholz gefertigt, vorne angesetzte, teilweise angeschrägte Massivkanten bilden den Materialbezug zur Eiche des Tischgestells.

Die Edelstahlrohre sind mehrteilig aufgebaut und innen über eine Gewindestange M10 mit den zwischenliegenden Ablagebrettern verspannt. Hierzu setzten wir nachträglich zwei Rampamuffen in die Traverse. Zur Zentrierung der Rohre sitzen innen jeweils an den Enden auf den Innendurchmesser abgedrehte Holzscheiben. Das alles schaut am Ende ganz schlicht und einfach aus, so einfach, dass die Vermittlung der Herstellungskosten durchaus zum Problem werden kann.

Ein kleiner Wermutstropfen

Planung und Anfertigung solch eines Bades sind nicht in einen Achstundentag integrierbar, sondern ein weit ins Privatleben übergreifender Prozess. Sie erfordern viel »Herzblut« und ein hohes Maß an Durchhaltevermögen. Insofern ist es schade, dass dieses Projekt auf halber Strecke liegengeblieben ist. Letztendlich wurde der Bauherr in der Endphase von der Baustelle überrannt und war nicht mehr willens und auch nicht mehr in der Lage, ständig neue Entscheidungen zu treffen.

Die Bauherren sind stehend k.o.

Der Bodenbelag sollte ursprünglich aus unterschiedlich großen, zirka 1 m2 großen Fünfecken des wasserfesten Werkstoffs »Resysta« zusammengesetzt werden. Der Holzcharakter hätte dem Bad ein sehr wohnliches Ambiente verliehen. Resysta ist im Yachtbau sehr verbreitet, für Bodenleger und auch Architekten jedoch ein meist unbekanntes Material. Der Architekt fand für die Verlegung keinen Handwerker. Der Bauherr entschied sich der Sicherheit zuliebe und mürbe der ständigen Entscheidungen für den Standardbelag Fliese.

Schade, wenn man dann auf der Baustelle den Bodenleger trifft und dieser von der Idee ganz begeistert ist, aber diese Leistung bei ihm nie angefragt wurde. Auf der Strecke blieb auch ein über die gesamte Außenwand in zwei Ebenen geführter Vorhang, eine »textile Wand«, die das Bad zu dem gemacht hätte, was eigentlich geplant war: ein Badezimmer zum Wohlfühlen. Mit der gelben Wand und dem Fliesenboden wirkt alles ein wenig steril.


Peter Gahr hat schon als Kind in der benachbarten Schreinerei Möbel gebaut. Heute arbeitet er als Architekt und Möbeldesigner. In dds stellt er Arbeiten aus seiner Werkstatt vor.

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