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Atlas bench: handgefertigte Sitzbank aus 108 Buchenholz-Würfeln

Atlas bench: die Sitzbank aus Holzwürfeln
Konvexe Polyeder

Philipp Diehl liebt technische und handwerkliche Herausforderungen. Mit seiner »Atlas Bench« hat er ein ästhetisch ansprechendes Sitzmöbel gefertigt, das sich aus über 100 einzelnen Würfeln zusammensetzt.

In der griechischen Mythologie ist der Titan Atlas der Träger unseres Himmelsgewölbes. Auf seinen Schultern ruht die Last unserer Welt.

Meine Bank erfüllt einen etwas weniger funktionalen, dafür aber ästhetischeren Zweck. Denn natürlich eignen sich spitz herausragende Würfel eher weniger als Sitzfäche eines Möbels. Meine »Atlas Bench«, die eine Hommage an den »Atlas Table« von Fundamental Berlin darstellt, war in erster Linie eine technische Spurensuche. Sie geht der Frage nach, wie sich scheinbar freischwebende Würfel zu einem Möbelstück umfunktionieren lassen.

Eine technische Spurensuche

Meine Spurensuche begann mit dem Begriff der »dreidimensionalen Tessellation«. Dreidimensionale Tessellation ist laut Definition die »lückenlose und überlappungsfreie Anordnung von Polyedern (= Vielecken) im Raum«. Doch so ganz trifft diese Beschreibung auf die Sitzfläche der Atlas Bench nicht zu. Der Würfel ist zwar einer der genau fünf verschiedenen, konvexen Polyeder, die diese Raumfüllung ermöglichen, jedoch in einer anderen Anordnung. Würde die Raumfüllung mit der bei der Atlas Bench verwendeten Anordnung in der Vertikalen fortgesetzt, so ergäben sich zwangsläufig Lücken. Es handelt sich hier demnach, nach meiner Auffassung, eher um eine Art zweieinhalbdimensionale Tessellation: die lückenlose Anordnung von Polyedern in der Ebene.

Wie bereits oben angemerkt, ging es mir zunächst nicht um den praktischen Einsatz so einer Fläche. Vielmehr fasziniert mich an dem Thema die technische Umsetzbarkeit. Wie kann ich dieses Muster realisieren? Geht das überhaupt mit Holz? Und wie sind die Würfel des Tisches verbunden? Eine Herausforderung, der ich mich nur zu gerne stellen wollte. Erst später ist aus dieser Idee ein »Sitzmöbel« geworden.

Als Ausgangsmaterial habe ich Buche gewählt. Die Kontaktflächen Würfel habe ich so markiert, dass hinsichtlich der Maserung ein einheitliches Bild ensteht. Denn neben der technischen Raffinesse sollte dann doch ein optisch ansprechendes Objekt dabei herauskommen (wenn man schon nicht drauf sitzen kann).

Relativ früh habe ich die Entscheidung getroffen, aus statischen Gründen die Würfel mit Dübeln zu verbinden. Nur geleimt schien mir die Sitzfläche dann doch zu unstabil. Die Hoffnung, dann doch noch auf der Bank sitzen zu können, wollte ich noch nicht aufgeben. Aus dieser Entscheidung heraus ergaben sich weitere Fragen: Welche Kontaktflächen kann ich tatsächlich dübeln? Wie montiere ich die Würfel und wie kann ich zum Trocknen des Leims alles zusammenpressen?

108 Würfel und 206 Dübel

Mit dem Montageprozess im Hinterkopf wurde bald klar, dass ich nicht alle Kontaktflächen mit Dübeln versehen konnte. Die Dübel wären in diesem Fall in alle drei Raumrichtungen ausgerichtet, sodass spätestens beim Montieren des letzten Würfels eines exemplarischen Dreier-Paares der dritte Dübel nicht mehr »einzufädeln« wäre.

Zugegeben, man kann bei drei Würfeln alle Dübel gleichzeitig einfädeln und die Würfel langsam zusammenschieben, was theoretisch auch auf 108 Würfel angewendet werden könnte, doch das ist so schwierig wie langsam und somit unpraktikabel. Die Dübel würden sich in der Menge unweigerlich verkeilen. Folglich musste ich mich dazu entscheiden, bestimmte Dübel der Würfelfläche wegzulassen. Das Ergebnis sieht nun vor, dass die Querreihen vormontiert werden und anschließend auf die bestehende Bankplatte aufgeleimt werden. Durch das reihenweise Hinzufügen der Würfel gibt es pro Verleimvorgang bzw. Reihe insgesamt 19 individuelle Kontaktflächen zwischen den Würfeln, die mit Schraubzwingen zusammengepresst werden müssen. Das ergibt: 13 Kontaktflächen mit Dübeln und sechs ohne.

Am Prototypen – bzw. den ersten Reihen der Bank – habe ich herausgefunden, dass es mit konventionellen Zwingen alleine nicht gehen würde: Der Platz um die Würfel herum war zu klein, als dass ich alle Flächen mit Zwingen versehen konnte. Zudem würde es immer schwieriger werden, mit anwachsendem Gewicht der Würfelplatte, die einzelnen Reihen anzubringen, ohne die einzelnen Würfel zu beschädigen.

Um die Würfel von allen Seiten zusammenpressen zu können, stehen mir für solche Gestaltungsexperimente zwar keine mythischen Zauberkräfte zur Verfügung, aber immerhin kann ich mich mit etwas Einfallsreichtum auch auf irdische Hilfsmittel verlassen. Eine Vorrichtung war also notwendig.

Und welch ein Glück, denn Vorrichtungen sind ja bekanntlich der halbe Spaß an der ganzen Sache! Sie sollte also die Anpresskraft der Zwingen übernehmen aber gleichzeitig den Kraftschluss großräumiger um die Kontaktflächen herumführen. Denn ich wollte nur die Zwingen ersetzen, die keine Platz mehr fanden. In Summe sind das sieben Zwingen, die ich als Stempel in einen Rahmen eingebaut habe. Nachdem alles vorbereitet war, ließen sich die Würfelreihen nach und nach zügig und präzise zusammenleimen. Ab einer gewissen Länge der Würfelfläche musste ich dann noch eine Rampe anbringen, da der anwachsende Hebelarm irgendwann zu groß wurde, als dass die Vorrichtung die Würfel noch halten konnte.

In die fertige Würfelfläche musste ich anschließend die Taschen für die Beine fräsen. Wie schon beim Bohren der Dübellöcher, habe ich dafür die handgeführte CNC-Fräse Origin von Shaper verwendet. Eine Herausforderung war es, die Bank fest auf dem Tisch zu fixieren, da gewöhnliche Zwingen in der Regel immer eine senkrechte Fläche benötigen. Adapterstücke mit drei angefasten Seiten erzeugten die benötigte Schnittstelle zu meinem Origin-Hubtisch.

Mit dem verwendeten Fräser schaffte die Origin gerade so viel Frästiefe, dass die später eingelegten Beinplatten genug Auflagefläche haben. Im finalen Schritt habe ich die aus Flachstahl geschweißten und lackierten Beinrahmen mit Maschinenschrauben an die Würfelplatte geschraubt, die ich zuvor mit Gewindeeinsätzen versehen hatte.

Mit 108 Würfeln und 206 Dübeln sowie den Stahlbeinen bringt die Bank gute 12 Kilo auf die Waage. Aber wie bequem ist denn die Bank nun, mögen sich sicher viele fragen. Nun ja, dafür, dass die Bank nicht dem Ziel dienen sollte, bequem zu sein, ist das Sitzgefühl tatsächlich gar nicht so schlimm, wie sie aussieht. Man kann sich zumindest in Ruhe die Schuhe zubinden. Oder man setzt sich einfach gegenüber in einen bequemen Sessel, schaut sie an und freut sich daran.


Philipp Diehl ist leidenschaftlicher Tüftler und Entwickler. In dds stellt er in loser Folge Projekte aus seiner Werkstatt vor. Einige seiner Arbeiten sind auch auf Instagram zu finden: @philipp_._diehl.

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