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Ankunft in der »real reality«

Rückblick zur Kölner Möbelmesse 2020 von Dirk Schellberg
Ankunft in der »real reality«

Gab sich der konsumorientierte Möbelmarkt die letzten Jahre hedonistisch oder huldigte dem digitalen Wandel per Industry 4.0, Smarthome und Augmented Reality, steht jetzt die große Nachhaltigkeit auf dem Programm. Rückblick auf die IMM Cologne von Dirk Schellberg.

Nachhaltigkeit wird von Sprechern der Kölner Möbelmesse als der Trend schlechthin vorgestellt. Bedurfte es dazu des weltweiten Schulschwänzens unserer Kinder, die uns nun ihre wahrlich nicht allzu rosige Zukunft um die Ohren hauen? Der Begriff der Nachhaltigkeit poppt zwar spätestens seit den 1970er- Jahren regelmäßig in der Branche auf, doch leider blieb das Thema nie besonders lange im Fokus. Nur wenige Pioniere wie Team 7, Nils Holger Moormannn oder Grüne Erde, die seit Jahrzehnten nachhaltige Möbel vertreiben, halten kontinuierlich und erfolgreich daran fest. Im Möbelmarkt ist das Thema aber kaum präsent – bisher. Wer verbraucht nur all das schwarz geschlagene Holz aus den Urwäldern Rumäniens und dem Rest der Welt, das auf wundersame Weise zertifiziert in unseren Wohnungen landet?

Das Vortragsprogramm The Stage der Kölnmesse hatte einige Schwerpunkte auf nachhaltige Trends gelegt. Nur fiel dabei die Glaubwürdigkeit mancher Referenten hinten runter, die begeistert über ihre Upcyclingprojekte mit der Dritten Welt berichteten; ihr ökologischer CO2-Footprint ist allein schon durch die zahlreichen Flugreisen riesengroß. Das Thema ist sehr komplex und zu wichtig, um nur als Marketinginstrument benutzt zu werden. Jeder kann beitragen, die Konzepte gibt es schon. Weitere Trendanalysen der Messe Köln sollen im großen Angebot Hilfe zur Orientierung geben – zusammengefasst: Neben aller Nachhaltigkeit darf es auch noch Luxus geben!

Pflegen und erweitern

Immer erwarten wir Neues von einer Messe – diese IMM war sparsam mit Innovationen. Ich denke, es ist ein Atemholen: Viele Hersteller haben ihren Markt gefunden und sind damit beschäftigt, Kollektionen zu ergänzen oder bestehende Produkte zu verbessern. Interlübke präsentiert ein sehr reduziert gestaltetes, transparentes Regalsystem des Kölner Designstudios KaschKasch. Transparenz scheint sich generell als Trend fortzusetzen. Dreieck Design, Team 7 oder auch Interlübke zeigen Glaskorpusse in Verbindung mit Holz. Nach der großen Bauhausparty 2019 sind viele Möbelkombinationen mit Stahlrohr zu sehen. Ado Avdagic, der wieder einmal Geburtshelfer eines neuen Labels ist, stellt mit seiner Kollektion für Pando bewusst Parallelen zur Bauhausidee her.

In unseren Breiten werden die Sommer spürbar länger und wärmer, wir verbringen daher auch mehr Zeit draußen. Konsequenterweise sind zunehmend Hersteller im Bereich Outdoor Living auf der Messe präsent. Bespielt wird der 3-m²-Balkon genauso wie die opulente Terrasse. Der Hersteller Higold ließ sich sogar eine Terrassenkollektion von der legendären Autodesignschmiede Pininfarina entwerfen. Gerade in diesem Bereich ist noch viel Platz für individuelle Schreinerlösungen!

Urbaner Wohnraum ist schon teuer und wird noch teurer werden. Wir brauchen kleine, multifunktionale Möbel, weil immer mehr Menschen auf geringerem Raum leben. Dieser Raum darf durchaus begrünt sein, entsprechende Möbel werden nachgefragt. Der Möbeltischler und Architekt Michael Hilgers weist in seinem Vortrag darauf hin, dass die größte Gruppe der Konsumenten in Europa allein lebende Menschen sein werden. Er entwirft unter anderem für die Müller Möbelwerkstätten. Möbel für begrenzten Wohnraum bezeichnet Müller mit dem Kunstwort small living.

Auch Tojo agiert schon lange in diesem Bereich. Eines der neuen Produkte des Labels stammt von Mario Demmler. Die Garderobe Angeber entwickelte er an der Fachakademie für Raum- und Objektdesign Garmisch-Partenkirchen speziell für Tojo. Gestalterischer und funktionaler Clou sind Querschlitze in der Front, in die Haken oder Accessoires eingeschoben werden können.

Seit über 20 Jahren stellen sich Ausbildungsstätten rund um Möbeldesign und -vertrieb auf der Messe vor. Trotz einiger Anstrengung seitens der Messe ist bisher kein gültiges Format entstanden. Für Hersteller, Ideen- und Talentsucher sind die Stände der Schulen immer ein Anziehungspunkt! Aufstrebende Talente wie etwa das oben schon erwähnte Duo KaschKasch lernten ihre Basics zum Beispiel an der Akademie für Gestaltung Münster. Schon etliche Jahre präsentiert der Designer Jan Eisermann die Ausbildungsstätte und ihre Studierenden erfolgreich in Köln.

Noch ein Trend: Nachwuchs

Angesiedelt im Bereich Pure Campus traten diesmal deutlich weniger Ausbildungsstätten als sonst an. Ein Grund waren die hohen Kosten: 3500 Euro für den Stand plus Ausstellung, Reisen und Übernachtungen müssen die Schulen stemmen, um hier dabei zu sein. Ohne sehr engagierte Dozenten und Studenten geht da gar nichts. Nachhaltige Nachwuchsförderung sieht anders aus! Ich frage mich allerdings, ob das alleine Sache der Messe ist: Schließlich sind es letztlich auch die Möbelhersteller und -handelsverbände, die von den Schulen profitieren und Nachwuchs suchen.


Dirk Schellberg, Dipl.-Designer und Tischlermeister, ist selbstständiger Produktdesigner und Dozent an der Fachakademie für Raum und Objektdesign Garmisch-Partenkirchen. Für dds ist er seit vielen Jahren als Autor tätig.


Steckbrief

Mit 128 000 Besuchern konnte die IMM Cologne gegenüber dem Vergleichsjahr 2018 ein Plus von 3000 Besuchern verzeichnen. Auch die Anzahl der Fachbesucher stieg leicht auf rund 82 000, davon kam die Hälfte aus dem Ausland, hier vor allem aus den Niederlanden, Belgien, Italien, der Schweiz und Frankreich. Mit rund 3000 Besuchern aus China konsolidierte sich der Stand, mutmaßlich bedingt durch den Handelsstreit mit den USA, auf einem hohen Niveau.

www.imm-cologne.de

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