Wo man gerne is(s)t …

Eine Küche als Aufenthaltsraum ist mehr als die Aneinanderreihung von Einbaugeräten. Der Architekt Gerd Streng zeigt in der letzten Folge unserer Serie, wie sich ein komplexes Anforderungsprofil in ein homogenes Erscheinungsbild umsetzen lässt.

Die Küche einer großzügigen Gründerzeitwohnung in Hamburg Rotherbaum musste nach etlichen Jahrzehnten der Nutzung erneuert werden. Besonders wichtig war den kunstaffinen Bauherren eine individuelle Umsetzung ihrer Ansprüche an eine Wohnküche mit hoher Aufenthaltsqualität.

Vor einigen Jahren wurde die Wohnung bereits zu einer Maisonette-Wohnung umgewandelt und die hierbei erforderliche Treppe recht ungelenk in den Küchenraum eingebaut, der nun ein Durchgangsraum ist. Da es sich um eine Mietwohnung handelt, sollte die Bestandstreppe unangetastet bleiben – lediglich die plumpe Absturzsicherung des Podestes wurde entfernt. Das neue Küchenobjekt schlängelt sich nun kontinuierlich um Treppe und Verkehrsflächen herum und bietet rund um das Kochen einen flexiblen Essbereich für sechs Personen, der loungeartige Qualitäten entfaltet und nach Osten mit Ausblick in den Garten ausgerichtet ist.
Homogenes Gesamtkunstwerk
Sämtliche Versprünge – sowohl im Grundriss als auch in den Ansichten – werden durch schräge Ebenen vollzogen und vermitteln zwischen Sitzflächen, »Treppenunterfahrt«, Arbeits- und Ablageflächen. Das Ergebnis ist ein homogenes Nutzungskontinuum, das alle Funktionen zu einem zusammenhängenden Gesamtkunstwerk vereint. Die ersten Konzepte waren noch ohne Oberschränke vorgesehen, was jedoch für die Arbeitsbeleuchtung und die Integration eines Wrasenabzuges Probleme aufwarf. In der Ausführung kam deshalb ein teilweise geschlossenes Regal zum Einsatz, das durch seine dynamische Form mit dem Essplatz verschmilzt und teilweise frei vor der Wand zu schweben scheint. Das gesamte Volumen des Objektes ist als Stauraum nutzbar gemacht, wobei verschiedene Dreh-, Klapp-, Falt- und Schiebetechniken zusammen mit der ausführenden Tischlerei entwickelt wurden.
Wertiges Material
Alle Holzoberflächen sind in Nussbaumholz als 3 mm Starkfurnier ausgeführt. Im Vergleich zum ursprünglich vorgesehenen Leimholz, bietet das geölte Starkfurnier eine verbesserte Optik aus scheinbar breiten Hölzern; es ist formstabil und gut zu verarbeiten. Die dunkel gebeizte Holzstruktur bildet einen Kontrast zum Pitchpineboden und zur Buchenholztreppe – ohne in Konkurrenz mit dem helleren Holz zu treten.
Die fünf gepolsterten Lehnen sind flexibel einsteckbar und als Rückenstützen zum Sitzen oder Liegen in unterschiedlichen Positionen einsetzbar.
Das Regal über der 80 cm tiefen Anrichte ist mit einem Kupferlack mit 95 Prozent Metallanteil beschichtet. Im Unterschied zu einer echten Kupferplatte bleibt der polierte Lack dauerhaft spiegelnd ohne zu oxidieren und die stirnseitigen Kanten können ansatzlos durchlackiert werden. Die Fronten sind weiß lackiert und grifflos, d.h. mit horizontal durchlaufenden Griffmulden ausgestattet. Einbaugeräte sind unsichtbar integriert. Lediglich das Ensemble aus Ofen, Mikrowelle und Wärmeschublade ist ohne Verkleidung und sichtbar unter der Bestandstreppe platziert.
LED-Licht als Gestaltungselement
Die integrierte Beleuchtung ist wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzeptes und mit dimmbaren LED-Leuchtmitteln in warmer Lichtfarbe ausgeführt. Justierbare Einbau-Downlights beleuchten blendfrei Arbeitsflächen und Arbeitsplatten. Als Hintergrundbeleuchtung dienen eingelassene LED-Strips, die als »Wallwasher« sowohl die glattverputzten Wände als auch die Schrankfronten um Kühlschrank, Ofen sowie Wärmeschublade mit Licht versorgen. Einzelne Beleuchtungsgruppen sind neben der Eingangstür über Schalter bedienbar. Es wurde bewusst auf ein teures BUS gesteuertes Bedientableau oder auf Tablet-Steuerung verzichtet, da sowohl Planer als auch Bauherren der Meinung sind, dass sich der technische Aufwand nicht an den technischen Möglichkeiten, sondern an den Notwendigkeiten zu orientieren hat. Nachhaltigkeit beinhaltet neben der Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel auch die Minimierung potenziell anfälliger technischer Ausstattung, die schnell zum Selbstzweck wird. Ausgeführt wurden die Arbeiten von der Tischlerei Damen und Herren Gmbh aus Hamburg – www.damenherren.de

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Gerd Streng, Architekt, kommt aus Hamburg. Sein Arbeitsschwerpunkt bildet heute das Nachverdichten von Wohnraum in kleinstem Maßstab. Für dds präsentiert er in einer sechsteiligen Serie beispielhafte Projekte.