Holzhaus auf Trauminsel

Weniger ist Meer

Auf einer nahezu unbewohnten patagonischen Insel hat der chilenische Stararchitekt Mathias Klotz einen naturnahen Rückzugsort geschaffen. Das minimalistische Holzhaus mit moderatem Komfort orientiert sich an den Bauformen der örtlichen Landwirtschaft.

Jörg Zinsser, Tischler und Freier Journalist

Hütten, Cabins, Chalets – einfache Bauten in der Natur üben auf Stadtmenschen einen romantischen Reiz aus. Und nicht nur die Bauherren lassen sich davon begeistern, auch Architekten beschäftigen sich gerne mit dem, was als Keimzelle des Bauens gelten kann: vier Wände und ein Dach. Schon Le Corbusier hat 1952 eine Blockhütte gebaut, »Le Cabanon«, nur 3,66 m x 3,66 m x 2,26 m groß. Die moderne Architektur hat das Thema in zwei Richtungen weiterverfolgt: ein eher urbaner Entwicklungsstrang befasst sich mit dem Platzsparen; das »Tiny House« wird auch unter ökonomischen Gesichtspunkten immer relevanter. Die eher ländliche Richtung verehrt als Hausheiligen den kanadischen Schriftsteller Henry David Thoreau, der Mitte des 19. Jahrhunderts für zwei Jahre in einer Blockhütte lebte – ein soziales Experiment am eigenen Leib: »Walden. Oder das Leben in den Wäldern« ist der Titel seines Berichtes darüber, noch heute ein Vedemecum der Ökobewegung.

Bewohnte Wildnis

Was das Platzsparen betrifft, so war dies sicherlich nicht das Hauptproblem des chilenischen Architekten Mathias Klotz, als er daranging, ein Ferienhaus für seine Familie und Gäste zu planen. Eine regelrechte Scheune hat er gebaut, direkt am Meer, auf der Insel Coldita, von der aus Segeltouren in die patagonische Fjordlandschaft möglich sind. Sechs Personen beherbergt die »Casa Francisca« üblicherweise für drei Monate im Jahr. Und die Scheune ist tatsächlich das Vorbild der Konstruktion: Traditionelle Landwirtschaftsgebäude werden in der dortigen Gegend so gebaut – ein Rahmenwerk aus schmalen, aber tiefen Balken, verkleidet mit Brettern, nicht unähnlich den Spanten und Planken eines Bootes. Die Planken stehen hier zwar senkrecht, doch ähnlich wie beim Schiffsbau spart die Konstruktion Material. Massivere Bauten, wie etwa Blockhäuser aus Baumstämmen, sind in der lokalen Tradition nicht üblich. Und die Bretter zwischen den Tragebalken ersparen teilweise weiteren Innenausbau, indem sie als Regale fungieren zur Aufbewahrung dessen, was die Bewohner benötigen: Auch dies kann man als Referenz an den ursprünglichen Zweck der Bauform verstehen.

Auf das simple Grundprinzip wurde nun moderne Bauphysik angewandt, ohne jedoch urbanen Komfort anzustreben. Es gibt Solarstrom und sogar 3G-Netz, doch das Wasser kommt aus einem Fluss, geheizt wird mit Holz, und das Abwasser wird geklärt in den Boden geleitet. Die Fassade ist doppelschalig mit Dämmung ausgeführt: Das Klima dort ist zwar mild, aber oft regnerisch und windig. Die Form des Gebäudes ist geprägt von seiner Schutzfunktion: Die Fenster sind klein, der Bau ist aufgeständert mit Betonkegeln, die Abstand zum feuchten Untergrund schaffen. Ein gewächshausartig verglaster Zwischenabschnitt in der dunklen Gebäudehülle fängt Wärme ein.

Auch die Holzauswahl folgte der regionalen Tradition: »Canelo«, das in der Gegend übliche Bauholz, ist nicht hart, aber sehr feuchteresistent, es kommt von einem schnellwachsenden, in Patagonien häufigen Nadelbaum, dem heiligen Baum der örtlichen Ureinwohner, der Mapuche.

Und auch der Logistik hatte die Konstruktion Tribut zu zollen: Auf der 3000 Hektar großen Insel leben nur 50 Menschen, bautechnisch nutzbare Infrastruktur gibt es nicht. Sechs Schreiner, vom nächsten Hafen eine Stunde per Boot unterwegs, haben das Haus im Laufe eines südlichen Sommers – Fertigstellung war im Januar 2018 – mit Handmaschinen errichtet.


Steckbrief

Mathias Klotz ist einer der renommiertesten Architekten Chiles. Er wurde mit zahlreichen Preisen geehrt und ist Dekan der Fakultät für Architektur an der Universität Diego Portales, Santiago de Chile.

www.mathiasklotz.com

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