Innenausbau

Vorübergehendgültig

In den hundert Lebensjahren eines Hauses stellen fünf bis sechs Bewohnergenerationen verschiedene Ansprüche an den Zuschnitt der Fläche. Beispielhaft zeigt das Projekt Micro Lofts, wie sich Wohnräume veränderbar gestalten lassen, ohne provisorisch zu wirken.

Peter Daler

»Stellen Sie sich vor, Sie benötigen für Ihr in die Jahre gekommenes Auto eine zusätzliche Bremsleuchte. Die Autowerkstatt schlägt vor, mit dem Trennschleifer von der Batterie unter der Fronthaube einen Schlitz über die ganze Autoseite zu schneiden und nach dem Einbringen des Kabels alles wieder zu verspachteln und neu zu lackieren. Sie würden sich zumindest wundern! Aber genau dies passiert beim Bauen nach wie vor, landauf, landab.« Mit diesem Bild umreißt Innenarchitekt Axel Müller-Schöll die Problemstellung, die zum Kernpunkt seines Gestaltungskonzeptes führte.
Mit der Modernen Architektur Anfang am des 20. Jahrhunderts veränderte sich nicht nur die Vorstellung von Räumen, Öffnungen und Farben, sondern auch das Verhältnis zur Haustechnik: Man versuchte, Strom und Versorgungsleitungen unsichtbar in die Wände zu legen. Ein Konflikt entstand daraus erst später. Ein Architekt baut ein Haus so, dass es konstruktiv 100 Jahre lang die intendierte Nutzung erfüllt. Die elektrische Anlage muss aber bei jeder grundständigen Renovierung auf den neuesten Stand gebracht werden, im Schnitt alle 25 Jahre! Rohrleitungen für Gas, Wasser und Heizung im gegebenen Fall alle 50 Jahre. Dem nachfolgend erläuterten Umbau ging voraus, dass der Versicherer nach einem Hausbesitzerwechsel abgelehnt hatte, für das 51 Jahre alte Leitungsnetz eine Police auszustellen.
Fallstudie: Micro Lofts
Für die Innenarchitekten gab dies den Ausschlag, die anstehenden Renovierungen noch einmal ganz neu zu denken: Wenn schon in ein neues Leitungsnetz investieren, dann sollte ein darauffolgender Austausch oder eine Ergänzung ohne Demolieren der Wände möglich sein! Ein Versorgungsnetz, das überdacht und neu organisiert wird, eröffnet noch weitere Optionen – so wurden der Zuschnitt und die Dynamik der Grundfläche ebenfalls hinterfragt. Aus gutem Grund: Laut statistischem Jahrbuch hat 2013 in 40 Prozent deutscher Haushalte nur eine Person gelebt, in den Großstädten gar in drei von fünf Haushalten. Jeder dieser Personen standen durchscnittlich 47 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Viele Menschen benötigen heute durch ihre berufliche Tätigkeit bedingt mehr als nur eine Unterkunft. Ältere Menschen möchten häufiger in ihrer gewohnten Umgebung den Lebensabend verbringen. Vieles spricht daher für neu gedachte Formate in gut durchmischten Wohngebieten, die nicht zwingend barrierefrei ausgelegt sein müssen – barrierearm ist meist genug, auch wenn hierfür der Gesetzgeber noch keine strenge Definition hat. Aus diesen Überlegungen heraus hatte das Studio Paretaia bereits im Rahmen mehrerer Projekte Lösungen erdacht, die aus verschiedenen Gründen nicht (oder noch nicht) zum Tragen kamen.
Das Mehrfamilienhaus in Stuttgart aus dem Jahr 1963 ist die erste komplett umgesetzte Fallstudie. Unter einem Dach sind Ein-Zimmer-Wohnungen von jeweils etwa 50 Quadratmetern Wohnfläche entstanden. Manche lassen sich untereinander koppeln und ggf. als eine große Wohnung nutzen. Der Grundgedanke: In den hundert Lebensjahren eines Hauses stellen fünf bis sechs Generationen unterschiedliche Anforderungen an die Größe und den Zuschnitt der Wohnfläche. Innenarchitektur hat die Aufgabe, Veränderbares so zu gestalten, dass es nicht als Provisorium daherkommt.
Das Haus wurde energetisch den gesetzlichen Bestimmungen angepasst, das Dach isoliert und mit großzügigen Gauben erweitert. Das Entwurfskonzept für die umgesetzte Innenarchitektur fußt auf den folgenden vier Positionen, die sich wie ein roter Faden durch alle vier Geschosse ziehen:
1. Beton aus Holz
Beton ist ein wunderbares Material, im Innenraum hat es aber als Monolith, der kaum Veränderungen zulässt, nur bedingt etwas verloren. Die Anmutung lässt sich aber stellvertretend herstellen, nämlich mit den Schaltafeln, in denen er normalerweise vergossen wird! Sie haben den Vorteil, werkseitig über eine perfekte Oberfläche zu verfügen und sich gut auf der Baustelle verarbeiten zu lassen – dazu sind sie vermutlich die günstigste Variante der Dreischichtplatte im Innenausbau. Auf den beiden tragenden Wänden des Gebäudes wurden nun sämtliche Rohr- und Drahtleitungen verzogen, die Konterlattung wirkt als eine Art Koordinatensystem: Der überwiegende Teil der Installationsauslässe für Schalter, Steckdosen etc. wurde in dem fest mit der Unterkonstruktion verbunden Mittelfries platziert. Hier klinken die großformatigen Schalplatten ein, gegen Abkippen mit wenigen Schlüsselschrauben zusätzlich befestigt. Ein Bodenfries schließt das Wandsystem ab, somit bleibt die ganze Installation revisionsfreudig. Das kräftige Gelb des Herstellers Doka weist dem Bauteil einen Status zu, der auch kleine Verblendungen deutlich ausweist.
2. Micro Loft, makro feeling
Ateliers, ehemalige Fabriketagen und Junior Suites ambitionierter Hotels standen für die Umsetzung des Loft-Gedankens Pate: alle Wand-, Decken- und Bodenflächen bilden ein durchgängiges System, eine Zonierung findet nie bis in Deckenhöhe statt. Weil die Grundfläche gegenüber ihren Vorbildern deutlich kleiner ist, kam es zu der Bezeichnung »Micro Loft«. Um ein Maximum an Großzügigkeit in der Wahrnehmung des Raums zu erzeugen – ein »makro feeling« sozusagen – sind Spiegel derart eingesetzt, dass sie die Raumkanten verlängern, Fensterbänder erweitern oder Bezüge herstellen.
3. Erinnerung versus Erneuerung
Jede Bauzeit hat einen typischen Kanon für die ihr zugrunde liegenden Ausbaukonstruktionen. Dieser besteht aus einem bestimmten Farbklang, der sich wieder aus ganz bestimmten Einzelfarben zusammensetzt, speziellen Materialien und vor allem dem Prinzip der Fügungen. 1963 waren noch keine dauerelastischen Dichtungsmaterialien auf dem Markt und doch gab es am Bau so gut wie keine Rissbildung. Das Ziel der Entwerfer war es daher, Spuren und Zusammenhänge der ehemaligen Farb- und Materialgestaltung zu erhalten und sie mit einem neuen Kanon, der ein »Reset 2014« zum Ausdruck bringt, zu kombinieren. Zum Beispiel in den Duschen: Dort wurden großformatige Fliesen von Mosa eingebaut und mit dem vorhandenen Fliesenkleid kombiniert. Das Eichenmosaikparkett wurde in gleicher Stablänge ersetzt, nun allerdings im Fischgrätverband verlegt. Die Doppelfenster wurden erhalten und ertüchtigt, Innenscheiben sind teilweise durch Spiegel ersetzt worden.
4. Scheunenfunde
Für das zeittypische Mobiliar gelten die Gedanken entsprechend. Im Haus befanden sich noch vom Schreiner gefertigte Schlafzimmerschränke sowie weitere alte Schränke, die allerdings nicht mehr an ihrem ursprünglichen Ort Dienst taten, sondern im Keller, in der Garage und in Abstellräumen. Alle aus feinen Materialien in wunderbarer handwerklicher Verarbeitung – nur formal eben ein wenig aus der Mode. Sie fanden als Inlet fahrbarer Container eine neue Verwendung. Auch dafür wurde ein Material gefunden, das sich auf der Baustelle verarbeiten lässt: grau durchgefärbte MDF, mit einem Hartöl oberflächenbehandelt – unter Zugabe von weißen Pigmenten, um den hellen Ton des Zementgraus zu erhalten. Auch die ehemaligen Einbauschränke wurden nach dem gleichen Prinzip transformiert. In allen Micro Lofts ist damit die Veränderung der Raumaufteilung ohne großen Aufwand möglich, sogar kurzfristig in der Alltagsnutzung. Auf diese Weise entstanden sieben Einraumwohnungen mit Prädikat: vorübergehendgültig.

Steckbrief

Entwurf: Studio Paretaia Prof. Axel Müller-Schöll und Susanne Müller-Schöll, Architekten, Innenarchitekten und Designer, Stuttgart
Planung und Bauleitung: Büro Dimension 5 Dipl.-Ing. Jürgen Wünsch und Dipl.-Ing. Josef Ruf, Stuttgart
Innenausbau: Sven Arlt, Christoph Born, Teo Möller, Simon Ulfstedt, Kerstin Kunzmann
Parkettarbeiten: Florian Steitz, Schifferstadt

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