Akustischer Innenausbau der Elbphilharmonie

Von der Loire an die Elbe

Aus 250 Kubikmeter Eichenholz aus dem Loiretal baut sich die Innenhaut des Kleinen Saals der Elbphilharmonie in Hamburg auf. Konstruiert, zu Akustikwellentälern gefräst und final montiert hat sie das Team der Adrian Eichhorn Holzwerkstätte aus dem hessischen Wächtersbach.

Ein spektakuläres Glasgebirge türmt sich als Außenhülle der Elbphilharmonie auf, im Inneren, ebenso atemberaubend, ein Ornament aus gefrästem Gipsfaserzement, angeordnet in Weinbergterrassen, welche die Höhe erklimmen – das prägt die Bilder des neuen Hamburger Wahrzeichens in nahezu allen Veröffentlichungen. Das Konzerthaus an der Elbe ist aber mehr als nur der große Konzertsaal und die stadtprägende Außenhülle. Insgesamt umfasst das Gebäude drei Konzerträume, die öffentliche Plaza in 37 m Höhe, mehrere Hotels und Gastronomiezentren sowie 45 feine Appartements. Zum musikalischen Rückgrat der neuen Elbphilharmonie gehört auch der »Kleine Saal«. Ausgelegt für 550 Besucher, bietet er sich ideal an für Kammermusik-, Lieder- und Soloabende sowie Jazz- und Weltmusikkonzerte.

Kleiner Saal ganz groß

Aufgebaut ist er nach dem Prinzip des »klassischen Schuhkartons« als Rechteckbox, deren Seitenwände die Schallwellen des Orchesters reflektieren. »Diese Säle scheinen lebendig zu werden«, heißt es in einer Studie über die akustische Unterschiedlichkeit von Schuhkarton und Weinbergterrassen. Während beim Schuhkartonvorbild, dem großen Wiener Saal, Putten und Atlanten an den Wänden den Schall reflektieren, sind es beim Kleinen Saal an der Elbe die tief in das Eichenholz eingefrästen Wellentäler. Definiert hat die Raumakustik, ebenso wie beim Großen Konzertsaal, Yasuhisa Toyota. Der japanische Konzertakustikguru hatte eine klare Klang- und Raumvision für die breite Nutzungsanforderung an den Raum – und das Team der Eichhorn Holzwerkstätte hat sie umgesetzt.

Aufgeteilt in rund 40 000 dreidimensional gefräste Paneele nach dem Vorbild wogender und gewölbter Meereswellen, fließen die Paneele fugenlos über die Wandflächen und die überbordende Galerie, genannt Catwalk, die den Raum nach oben hin reflektierend verengt. Jedes Stück wurde individuell ausgearbeitet, nicht ein Paneel gleicht dem anderen. Alle Elemente sind präzise – wie die Musiker in einem Orchester – aufeinander abgestimmt, jedes sitzt genau an dem Platz im Raum, den Akustik-Designer Toyota dafür vorgesehen hat.

Kommt man an so einen exponierten Auftrag über die Teilnahme an knallharten Ausschreibungen? Die Antwort von Markus Plum, langjähriger Prokurist, nun Geschäftsführer sowie Inhaber der hessischen Holzwerkstätte mit 70 Mitarbeitern, überrascht: Hier verlief es entgegengesetzt. Die Hochtief AG kam als Generalunternehmer der 789 Millionen schweren Elbphilharmonie auf Markus Plum und sein Team zu, das einen ausgezeichneten Ruf als Innenausbauer und Spezialist bei der Verknüpfung von Akustik- und Brandschutzanforderungen hat. In diesem Segment werden geeignete Wettbewerber rar. Zudem hatten Plum und sein Team bereits einige anspruchsvolle Konzert- und Vortragssäle in Zusammenarbeit mit Hochtief realisiert.

250 Kubikmeter Eichenholz von der Loire

Beim Hamburger Vorzeigeprojekt war definiert, wie der Saal aussehen sollte, dazu die Holzart Eiche und die akustische Wellenoberfläche der Innenhaut. Der konstruktive Aufbau, die Integration beispielsweise der Fluchttüren, die rundumlaufenden Luftauslässe für die wichtige Lüftungs- und Klimasteuerung oder die Montageabfolge in dem gesamten Raumgebilde lag in der Verantwortung des Auftragnehmers. In fünfjähriger Arbeit, aufgrund der Kostenexplosion des Projektes unterbrochen durch einen Baustopp von 18 Monaten, arbeiteten die Hessen das Projekt aus und realisierten es. Erfahrung, Können und die ganze Leidenschaft der Schreiner stecken darin.

Aus dem Loiretal haben sie 250 m3 französische Eiche gewählt – 80-mm-Ware aus einem Wuchsgebiet mit geeigneter Charakteristik ist nur an ausgewählten Orten zu finden. Über die Zeit des Baustopps wurde das Holz in eigens dafür geschaffenen Klimaräumen zwischengelagert.

Leidenschaft macht’s möglich

Millionen von Datensätzen haben die Techniker und Ingenieure von Eichhorn in aufwendiger Detailarbeit geschaffen, um an angepassten Bearbeitungszentren im Schichtbetrieb die 3D-Oberflächen wirtschaftlich zu fräsen. Die Portaltische der CNC mussten bei den 6  m langen und teilweise gewölbten Akustikmodulen, aufgebaut aus einer hochverdichteten Gipsfaserplatte und dem plastisch gefrästen Eichenvolumen, enorme Massen bewältigen. Mit Ausdauer und in Feinarbeit stimmten die Spezialisten die Elemente aufeinander ab. »Wir haben sie in akkurat definiertem Zustand eingebaut, um die spätere Luftfeuchtigkeit bei voller Raumnutzung möglichst exakt zu imitieren«, erklärt Markus Plum. Bei 550 atmenden Besuchern im Raum dehnt sich die Eiche je nach Luftzustand aus oder zieht sich zusammen – das hygroskopische Verhalten des Holzes war unbedingt zu berücksichtigen, zumal die Elemente fugenlos verarbeitet sind.

Mit dem Ergebnis ist Markus Plum selbst höchst zufrieden. Beim Eröffnungskonzert des »Eichenen Schuhkartons« mit dem Residenzorchester, dem Ensemble Resonanz, zeigten sich namhafte Kritiker vom Klangwunder überzeugt: »Die Wirkung der dreidimensionalen Wandelemente und die Akustik im Kleinen Saal sind unvergleichlich.«


dds-Redakteur Hubert Neumann stand während der Bauzeit bei seinen Aufenthalten in Hamburg öfters vor der Elbphilharmonie. Für einen Besuch des Konzertsaals hat es bisher noch nicht gereicht. Aber der kommt noch!


Hier geht es zum berühmteren Saal der Elbphilharmonie:  www.dds-online.de/gestaltung/innenausbau/biomorphe-schalen-aus-schreinerhand/

Steckbrief

Die Adrian Eichhorn Holzwerkstätte ist Spezialist für den modernen Innenausbau und bietet eine breite Leistungspalette an. Das Unternehmen aus dem hessischen Wächtersbach wurde vor mehr als 250 Jahren als Schreinerei gegründet und beschäftigt derzeit 70 Mitarbeiter. Markus Plum ist geschäftsführender Gesellschafter.

www.eichhorn-holzwerkstaette.com