Startseite » Gestaltung » Innenausbau »

Und dazwischen nichts

Innenausbau
Und dazwischen nichts

Japanische Wohnkultur mit filigranen Raumteilern und traditionellen Shoji entspricht zunehmend auch dem Lebensgefühl und der Ästhetik vieler Europäer. Christian Härtel widmet sich in einer dreiteiligen Betrachtung zuerst dem Hauch von Nichts zwischen Rahmen und Sprossen – dem Papier.

Gestaltung von Raumteilern und Shoji sowie zu japanischem Möbeldesign

Seit mehr als 700 Jahren bespannt man in Japan filigrane Rahmen mit Papier und gestaltet so einen fließenden Übergang von Räumen. Bis heute hat sich an der Konstruktion der traditionellen Wände und Schiebetüren nichts Grundlegendes geändert. Auch bei uns ist diese Art der Raumgestaltung beliebt, zumindest bei Kunden mit einer Afinität zu fernöstlichem Lebensgefühl – ihr Sinn für Ästhetik verlangt nach Zonierung eines Raumes ohne Wände, mit einem Hauch von Nichts.
Geduldig bis zum Riss
Papier ist nicht gleich Papier. Unter dem Begriff »Japanpapier« sind eine Vielzahl besonders weicher und zäher Papiere subsummiert. Hinter der landläufigen, ungenauen Bezeichnung »Reispapier« verbirgt sich kein bestimmter Papiertyp. Im Gegenteil gibt es gar kein Papier, das aus Reis hergestellt wird. Der Übergang von grafischen Papieren zu solchen für den Innenausbau ist fließend, jedoch sind die japanischen Papierproduzenten spezialisiert: Japanisches Papier kann handgeschöpft oder maschinell hergestellt sein. Traditionell wird es aus den Bastfasern des Maulbeerbaumes erzeugt. Daneben gibt es auch reißfestere Varianten, produziert aus den längeren Fasern des Hanfes.
Beim Anfassen erkennt man Japanpapiere schnell: Sie fühlen sich weich und angenehm an und lassen sich mit relativ wenig Kraftaufwand zerreißen. Zwar sind die Papiere deutlich zäher als solche aus dem Bürobereich – doch bleibt Papier im Vergleich mit anderen Werkstoffen aus dem Innenausbau ein schwaches und für den täglichen Gebrauch hierzulande oftmals zu schwaches Material. Die Papiere werden den heutigen Ansprüchen an Reißfestigkeit, einfacher Pflege und Reinigung kaum gerecht. Auch hinsichtlich des Brandschutzes können sie die Anforderungen nicht erfüllen. In Europa, aber auch in Japan, werden deshalb zunehmend mit Kunststoff laminierte Papiere eingesetzt.
Laminiertes Papier
Laminierte Papiere sind dreischichtig aufgebaut. Entweder wird das Papier auf beiden Flächen mit einem hauchdünnen transparenten Kunststoff beschichtet, oder Kunststoff bildet die Mittellage und ist beidseitig mit Papier belegt. Letztere Variante hat eine papierähnliche Haptik und ist dabei reißfest. »Den Schreinern raten wir in der Regel zu laminierten Papieren, weil ihre Kunden keine Reparaturen tolerieren«, erklärt Bernd Kuhn vom Papierimporteur Takumi in Berlin. Ein kunststoffbeschichtetes Papier lässt sich zudem leichter reinigen und kann auch Anforderungen hinsichtlich des Brandschutzes erfüllen – bislang aber nur mit einem japanischen Prüfzeugnis. Eine Prüfung nach europäischer Norm ist aus unternehmerischer Sicht wegen der damit verbundenen Kosten für Kuhn noch nicht lohnend.
Auch der niederländische Shades-Hersteller Wood & Washi verwendet für Fensterdekorationselemente laminiertes Papier. Die Shades haben fixe Breiten und sind mit querverlaufenden Streben aus Holz oder Aluminium gegliedert. Die japanischen Papiere werden als Licht- und Sichtschutz eingesetzt, weil sie auch bei direkter Sonnenbestrahlung erstaunlich farbecht bleiben: Bei Takumi in Berlin zum Beispiel hängen vor den Fenstern des Pausenraumes seit einigen Jahren senkrechte Papierlamellen aus eigener Fertigung – und vergilbt sind sie in der Tat nicht.
Papiere für Shoji
Shoji-Papiere für Rahmen mit Sprossen erzeugen ihre typisch diffuse Stimmung, weil sie das Licht filtern und teilweise durchlassen. So ist Shoji-Papier auch die typische Bespannung für Wand- und Schiebeelemente. Diese Papiere sind in vielen Mustern, Farben und Strukturen erhältlich.
Takumi in Berlin gehört zu den wenigen Anbietern japanischer Papiere. Das Unternehmen kam als Schreinerei durch einen Auftrag für Shoji-Elemente zum japanischen Innenausbau. Seitdem hat sich die Firma von Bernd Kuhn und der aus Japan stammenden Schreinerin Yasuko Tamaru weiter Richtung Handel entwickelt. Heute gelten die beiden als Spezialisten auf diesem Gebiet. Sie verkaufen ab Lager fast 100 verschiedene Papiere. »Viele unserer Kunden haben einen hohen Beratungsbedarf, doch die meisten bekommen das gut hin«, meint Bernd Kuhn im Hinblick auf das Herstellen von Tür- und Wandelementen aus Holz und Papier. Dabei gilt es, speziell im Umgang mit Papier Besonderheiten zu beachten, um ein zufriedenstellendes Arbeitsergebnis zu erzielen.
Papier richtig verarbeiten
Anders als oft angenommen, wird das Papier erst nach dem Einkleben in den Türfalz und auf die Sprossen befeuchtet. Vorher muss der Klebstoff schon etwas angezogen haben. Während des Trocknens spannt sich das Papier dann leicht, da die Fasern enger zusammenrücken als vor der Befeuchtung.
Die Grundlage für den traditionellen Klebstoff ist Reis. In der Literatur findet man auch Rezepte zur eigenen Herstellung. Heute gibt es Klebstoff, der aus der Stärke der Maniokwurzel gewonnen wird. Dieser ist in kleinen Fläschchen erhältlich, die eine spezielle Dosierdüse haben, damit man den Klebstoff genau auf die Mitte der schmalen Sprossen ohne Verschmieren auftragen kann.
Neben den transluzenten Papieren findet in Japan noch eine grundlegend andere Art von Papier Verwendung: Das lichtundurchlässige Fusuma für das Belegen von Innentüren. Es handelt sich dabei um eine Art von Türtapete, die es in unzähligen Farben, Mustern und Strukturen gibt. Fusuma wird beidseitig flächig aufgeklebt, früher auch auf Rahmenkonstruktionen, heute eher auf Plattenwerkstoffe.
Mehr Kunststoff als Papier
Neben dem laminierten Papier kommen auch vermehrt Verbundplatten aus Kunststoff und japanischem Papier ins Angebot. Diese sind mit etwa 1,5 mm deutlich dicker als Papiere und weisen eine gänzlich andere Haptik auf. Die Vorteile liegen auf der Hand: Sie sind leichter zu verarbeiten, zerspanbar und vor allem unempfindlicher als Papiere. Allerdings büßt der Naturstoff Papier durch den Kunststoff auch seine Aura und Identität ein. Letztlich muss der Kunde entscheiden, was ihm wichtiger ist: besondere technische Eigenschaften oder ein maximal authentischer Raum. Christian Härtel
Es folgen Beiträge zu Konstruktion und

Bezugsquellen Japanpapier
Die Berliner Tischerlei Takumi hat große Erfahrung mit japanischem Interieur und bietet neben Papieren auch Beschläge, Hilfsmittel sowie eigene Produkte an. www.takumi.de
Das niederländische Unternehmen Wood & Washi hat sich auf Shades aus japanischen Papieren spezialisiert. Die Materialien für Flächenvorhänge, Rollos etc. sind laminiert und in diversen Farben und Designs erhältlich. www.woodandwashi.com
Anzeige
Aktuelles Heft
Titelbild dds - das magazin für möbel und ausbau 1
Aktuelle Ausgabe
01/2021
EINZELHEFT
ABO
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
dds-Zulieferforum
Grafik des Monats

Zahl der Betriebe im Tischlerhandwerk

dds auf Facebook


dds auf YouTube

Im dds-Channel auf YouTube finden Sie:
– Videos zu Beiträgen aus dds
– Kollegen stellen sich vor
– Praxistipps-Videos
– Maschinen & Werkzeuge

Abonnieren Sie dds auf YouTube »