Innenausbau eines Hotelzimmers

Thema mit Variationen

Studierende der Innenarchitektur an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle haben in einer Fallstudie jeweils das gleiche standardisierte Hotelzimmer relauncht. Dafür kamen drei Entwurfsansätze in Betracht: Überarbeiten, wieder verwenden, neu interpretieren.

Klaus Senger, Berlin

Der Relaunch eines Hotelzimmers ist eine fast schon klassische Fallstudie. Im Sommersemester 2018 haben sich Studierende an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle dieser Aufgabe am Beispiel des Globana Airport Hotels Schkeuditz, Flughafen Leipzig/Halle, gewidmet, 25 Jahre nach dessen Eröffnung. Die 150 Zimmer, in Grundriss und Ausstattung identisch, sind damals überdurchschnittlich hochwertig und solide ausgeführt worden – heutige Gäste empfinden das Interieur visuell (gestalterisch) als in die Jahre gekommen, die bauliche Konsistenz ist aber überwiegend passabel. Der übergeordneten Strategie für das Gesamtensemble folgend, sollte Originalität einer Intervention Vorrang vor einer preisintensiven Veredelung haben. Entsprechend wurden für die Erneuerung (vgl: Re-Novierung) drei Entwurfsansätze in Betracht gezogen: Re-Design als Überarbeitung oder Erweiterung mit neuen Aspekten und Eingriffen, Re-Use als Wiederverwenden von Elementen, quasi Rohbaumaterial für neue Gegenstände; schließlich Re-Interpretation als das Ersetzen ausgewählter Bestandteile, mit dem Ziel, das Gesamtensemble in anderem, attraktiveren Lichte wahrzunehmen.

Es schrieben sich 13 Innenarchitektur-Studierende für das Forschungsprojekt ein: Vier verbanden damit ihre Bachelor-Abschlussarbeit, weitere vier belegten das Seminar als Teil ihrer Masterthesis, die übrigen studierten im sechsten und siebten Fachsemester des Bachelor-Studiums.

Bilder, Vorbilder und Muster

Etwa sechs Wochen vor der eigentlichen operativen Phase fand eine Objektbegehung mit Übernachtung statt, um den Genius Loci zu erspüren, vorhandene Details zu studieren und vorgefasste Erwartungen der Wirklichkeit anzugleichen. Nach der vorlesungsfreien Zeit und einem Workshop unter Anleitung des Innenarchitekten Theo Möller »Bringt endlich gutes Licht ins Bad« begab sich das Seminar auf Exkursion, um innovative Beherbergungen zu studieren: darunter das 25hours in Zürch West, das Nomad Hotel und die Jugendherberge St. Alban in Basel. Letztere liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt und wurden von Buchner Bründler Architekten mit fast demselben Vokabular entworfen. Auch ein Abstecher auf den Salone di Mobile nach Mailand lag auf dem Weg.

Nach der Rückkehr von der Exkursion ging es in die Entwurfsphase. Den Studierenden war es überlassen, sich einem Konzept für das neue Hotelzimmer vom Blickwinkel eines zu entwickelnden Objektes (Möbel oder Accessoire) zu nähern oder zunächst ein Raumkonzept anzulegen, von dem im zweiten Schritt ein kongeniales Objekt als Referenz abgeleitet wird.

Diese weitgehend freie Aufgabenstellung war als eine Einladung zur beherzten Intervention gedacht, die Originalität und Eigensinn ausdrücklich zulässt. Dies konnte gleichermaßen zur Neuinterpretation der Primärfunktionen eines Hotelzimmers führen wie zu einem unorthodoxen Umgang mit Material oder einer gezielten Minimalintervention. Visionen, Experimente, Standpunkte waren so unterschiedlich, wie es sich für Entwerferpersönlichkeiten, die sich an einer Kunsthochschule bilden, gehört! So entstanden Vorhänge mit gelaserten Mustern, die subtil das Licht filtern, ein leuchtender Kunststoffkokon als Leuchte und gleichermaßen Objekt körperlicher Annäherung, eine zinnoberrote mobile Kofferlege im Kontrast zu ihrer von Naturholz dominierten Umgebung sowie eine filzbezogene Trennwand, schallresorbierend als Rückwand eines Schreibplatzes ausgeführt, bettseitig als weiche Anlehnung für Kopf und Kissen und nicht zuletzt als Ablageort für das Smartphone bei Nacht.

Andere Entwürfe zeigten Kompositionskniffe, wie sie in Städtebau und Bühnenarchitektur angewendet werden – als Entasis der Raumachse, beschleunigte Perspektive oder Lichtkörper, der in der Dunkelheit Makel der vorhandenen Raumhaut zu überstrahlen vermag. Entwurfsstrategien, die eine Weiternutzung des Vorhandenen weitgehend zulassen, bei allerdings vollständig anderer Wahrnehmung! Drei Entwürfe befassen sich mit einer radikalen Reorganisation des Raumes: In Form vorgefertigter eingestellter Module oder der Neuinterpretierung der Shaker-Leiste, die nun nicht mehr nur den Boden freihält, sondern zum 12-Volt-Verteiler für USB-basierte Endgeräte wird.

Es wurden narrative Interpretationen versucht, auch eine ebenso sanfte wie entschiedene Reorganisation des Hotelzimmers findet sich wieder: Etwas höher, damit man vom Bett in die grüne Landschaft schauen kann, statt Möbel eine großzügige Sitzablage und als eine Art Ventil, mit der sich die Raumzonen anpassen lassen, eine Kofferlege, die überzeugend Funktionen von Kleiderständer und Trennwand kombiniert.

Ein großer Bogen wurde geschlagen, eine Ballung von Ideen und Hypothesen, die ihren Mehrwert nicht dadurch erfahren, dass sie eins zu eins umgesetzt werden, sondern einen kraftvollen Impuls liefern, um weiter zu denken – um sich von der Imagination des Machbaren gleichermaßen inspirieren zu lassen, wie vom erlebten Wow-Effekt einer originellen Lösung. Entwurfsergebnisse wurden komprimiert in Plansatz und 1:20-Modell kommuniziert. Im Erläuterungstext, der Dokumentation des Entwurfsprozesses und einer großformatigen Handzeichnung war jene Differenz, die der eigene Entwurf in diesem Konzert für sich in Anspruch nimmt, zum Ausdruck zu bringen.


Steckbrief

Projekt: Relaunch eines standardisierten Hotelzimmers durch Studierende im Studiengang Innenarchitektur an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, 2018

Partner: Globana Airport Hotel Leipzig, 04435 Schkeuditz

Betreuungsteam: Prof. Axel Müller-Schöll und Christoph Born mit Martin Büdel, Martin Kunz, Andreas Langen