Respekt vor dem Bestand!

Bauen im historischen Gemäuer verlangt ein feines Gespür. Bei der Umgestaltung eines Jugendstilgebäudes in Hamburg in Räumlichkeiten für eine Werbeagentur gelang dies beispielhaft. Verantwortet haben dies Stuttgarter Architekten und Hamburger Innenausbauer.

Für die neuen Räume der Werbeagentur Geometry Global im Holstenhof in Hamburg entwarfen die Architekten HaasCookZemmrich aus Stuttgart eine offene Bürolandschaft. Der Holstenhof befindet sich in zentraler Lage in der Hamburger Innenstadt. Er ist das Schmuckstück und gleichzeitig das bemerkenswerteste Gebäude in der Kaiser-Wilhelm-Straße. Das Jugendstil-Kontorhaus wurde 1900/1901 von Albert Lindhorst erbaut.

Dem Mieter des Objektes, der weltweit aufgestellten Werbeagentur Geometry Global, fehlte der Standardkonzeption der vermietenden Immobiliengesellschaft ein Alleinstellungsmerkmal. Die Stuttgarter Architekten Martin Haas und Stephan Zemmrich erarbeiteten für die Kreativen ein Konzept, das den Charakter des Kontorhauses wieder hervorhebt. In dem in Stahlbetonskelettbauweise errichteten Gebäude ließen sie bis auf die Treppenhauswände alle Trennwände und sonstigen Einbauten entfernen. Von einzelnen Wänden wurde der Putz abgeschlagen und die Backsteine gereinigt – siehe Aufmacherbild auf den Seiten 71/72. Dem rauen Charakter des Backsteins und den offen geführten Installationen wurden teilverputzte weiße Deckenflächen und eine feine Estrichdecklage entgegengesetzt. Lichte und weite Räume sind um verschiedenste Rückzugsbereiche für »Formal Meetings«, »Casual Meetings«, Loungebereiche oder auch eine Bibliothek ergänzt. Abgetrennt sind diese durch einfache zwischen Boden und Decken verspannte Glaswandsysteme von Lindner.
Das von HaasCookZemmrich erarbeitete Open Space Konzept wurde von den Designern, Planern und Tischlern von PLY Unestablished Furniture feingeplant und umgesetzt. Ply ist ein Hamburger Unternehmen für Möbel und Licht. In seinem Showroom in einer alten Fischräucherei zeigt es neben industriellen Originalen moderne Möbelklassiker. Aus dieser Gestaltungsphilosophie heraus bestückte Ply die rund 3000 m² Bürofläche auf zwei Etagen.
Ungewohnt auf den ersten Blick ist beispielsweise die Montage der Oberschränke der Teeküchen. Nicht verdeckt, sondern ablesbar werden die Hängemöbel von weißen Stahlwinkeln getragen. Das passt konsequent zu den offen verlegten Elektroinstallationen in Zinkrohren und Aufputzsteckdosen aus Bakelit. Die Küchenstauräume bestehen großteils aus alten Werkbänken aus der Hochzeit der Industrialisierung. Auch das ist eine Hommage an das Gebäude und seinen Industriecharakter. Anders als der Aufbau der Arena aus einfachen Seekiefersperrhölzern bekamen die raumprägenden langen Arbeitstischreihen eine hochwertige Note: Im Ausdruck schlicht und doch konstruktiv fein: Workbenches »Joyn« von Vitra, entworfen von Ronan & Erwan Bouroullec. Auch diese Möblierung zeigt den feinfühligen Umgang, um den Charakter des Industrieveteranen zu betonen.
Die Informationen aus dem Bildmaterial, den Recherchen und aus den (telefonischen) Gesprächen mit den Machern des Projektes haben meine Neugier Schritt für Schritt gesteigert. Bei meinem nächsten Hamburgbesuch ist ein Ortstermin gesetzt!

dds-Redakteur Hubert Neumann hat selbst viele Jahre in einem Fabrikgebäude aus dem Jahre 1901 gewohnt. Aus dieser Zeit bringt er eine große Affinität zu Projekten wie dem Holstenhof in Hamburg mit.

Steckbrief

Projekt: Studios der Agentur Geometry Global 20355 Hamburg www.geometry.com
Bürokonzeption/Architektur: HaasCookZemmrich Studio2050, 70174 Stuttgart www.haascookzemmrich.com
Innenausbau/Möblierung: PLY Unestablished Furniture GmbH, 22765 Hamburg www.ply.de