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Mobiliar für gute Gespräche

Innenausbau
Mobiliar für gute Gespräche

Im Juni lud Angela Merkel zum G7-Gipfel in die abgeschiedene Bergwelt bei Garmisch. Lag es an der Atmosphäre von Schloss Elmau, dass die Gespräche unerwartet positiv verliefen? Die Einrichtung für das Treffen fertigten Johannes und Friedrich Haas aus Bad Reichenhall.

Barack Obama, Francois Hollande und die anderen Staatschefs der führenden Industriestaaten sitzen um den Konferenztisch im Pavillon des Hotels Elmau Retreat. Die Ruhe der Gebirgsregion am Fuße des Wettersteingebirges, die Natürlichkeit der Almwiesen und des rauschenden Ferchenbachs unterhalb des Hotels scheinen sich auf die Konferenzrunde übertragen zu haben. Und das nicht nur wegen der abgeschiedenen Umgebung des neuen Hotelgebäudes. Wie die urwüchsige Natur außen – so die außergewöhnliche Natürlichkeit innen. Geölte Oberflächen an Boden, Wand und Möbeln verleihen den ausgesuchten Hölzern und Furnieren eine nicht alltägliche Haptik für ein Fünf-Sterne-Superior Hotel. Ungewohnt ist die Vielfalt an eingesetzten Hölzern – und doch wirken Indischer Apfel, Santos-Palisander, Europäischer und Amerikanischer Nussbaum, Kirsche und geräucherte Lärche nie opulent überladen oder gar als zu viel des Ganzen. Die gelungene Choreografie von markanten Hölzern, gewobenen Wollstoffen, blattvergoldeten Metallen oder Wandbespannungen aus ugandischer Feigenbaumrinde entstand im vertrauensvollen Miteinander von Hoteleigner Dietmar Müller-Elmau, den Brüdern Johannes und Friedrich Haas vom Meisterbetrieb Philipp Haas + Söhne aus Bad Reichenhall und den Planern des Architekturbüros Sattler aus München.

Weniger als fünf Monate Zeit
Knapp fünf Monate hatte das 35-köpfige Haas-Team zur Verfügung, um 47 luxuriöse Suiten, von 55 bis zu 220 m² Größe, einzurichten. Dazu kamen die öffentlichen Bereiche mit drei Restaurants, einer Lounge mit Bar, die Bibliothek und die weiteren Servicebereiche. Und das bei baubegleitender Fortentwicklung des Raum- und Materialkonzeptes – eine Umschreibung für Änderungen von Ausführung und Materialien auch noch beim Endspurt der Innenausbauarbeiten. Die positive Grundhaltung der Herzblutschreiner Haas und deren absoluter Wille, das bestmögliche Ergebnis für den Bauherrn und seine Gäste zu erreichen, waren die Grundlage für das gelungene Endergebnis – pünktlich zum vereinbarten Eröffnungstermin. Nicht selbstverständlich, nachdem beim Aushub zu Beginn der zweijährigen Bauzeit eine 400 m² große Hangfläche abrutschte, einen Baustopp auslöste und eine Umplanung des Gebäudes mit einem zusätzlichen Geschoss, gestützt auf 370 bis zu 15 Meter tiefe Gründungspfähle, erforderlich machte. Mitten im Bauprojekt kam die Festlegung der Bundesregierung für Elmau als Ort des G7-Gipfels Anfang Juni 2015.
Wie gelingt es, ein solch renommiertes Hotel ausstatten zu dürfen? Und wie gelingt es dazu noch, den Zuschlag der Bundesregierung für die Möblierung des G7-Gipfels zu erhalten? Die Bundesrepublik war Auftraggeber und ist Eigner des Gipfelmobiliars.
Vertrauen und Eigeninitiative
Die Zusammenarbeit von Hotelier Dietmar Müller-Elmau und der Schreinerei Haas begann im Herbst 2005. Ein Brand hatte den Großteil des 1915 erbauten Schlosses Elmau zerstört. Armin Stegner vom Büro Baubar, beauftragt mit der Bauleitung des Projektes, brachte als Innenausbauer die Bad Reichenhaller Gebrüder Haas mit, mit denen er soeben sehr erfolgreich das Fünf-Sterne-Hotel Interconti im Berchtesgardner Land ausgebaut hatte. Die Wellenlänge zwischen Müller-Elmau und den Brüdern stimmte und im gemeinsamen Entwerfen, Bemustern und Tun baute sich ein großer gegenseitiger Respekt und ein tiefes Vertrauen auf. Die Arbeitsteilung der beiden Schreinermeister ist dabei elementar. Friedrich kann, entkoppelt von der täglichen Kärrnerarbeit in der Fertigung, über Tage mit Bauherr und Architekten bei so einem Großobjekt auch visionäre Entwürfe entwickeln und seine Gegenüber begeistern. In seinem Bruder hat er die perfekte Absicherung, denn der schafft es, mit dem Projekt- und Schreinerteam in Reichenhall, jeden der Entwürfe wirtschaftlich und dabei den Entwurfsgedanken respektierend, umzusetzen.
Nach der Erneuerung der Zimmer und Restaurants in Schloss Elmau 2007 blieben der Bauherr und die Haas-Brüder immer in Kontakt. Als sich die Planung für den Bau von Elmau Retreat ab 2013 konkretisierte, waren die beiden Schreinermeister mit im Projektteam. Für Friedrich Haas sind Handmuster das A und O in jedem Planungsgespräch, ob edelstes Holz oder feinstes Leder. Was bei Elmau Retreat gelang, war allerdings bei der G7-Möblierung verwehrt. Man kann der Kanzlerin ja nicht so eben ein paar Entwürfe mit Handmustern vorstellen. Für diesen Auftrag bewarb sich das Team Haas initiativ und fertigte dazu ein Buch mit Entwürfen, Fotos von 1:1-Modellen und ausgesuchten Materialien. Augenscheinlich so überzeugend, dass auch der Auftrag der Regierung für das Gipfelmobiliar bei den Bad Reichenhallern Schreinern landete.
Zwei Wochen nach dem Gipfel luden Johannes und Friedrich Haas zu einem »Danksag-Event« gemeinsam mit ihrem Zulieferer Klöpfer Holz Baubeteiligte und Vertraute nach Elmau ein. Dabei konnte ich als dds-Redakteur das Werk der Kollegen Haas betasten und begreifen – beeindruckend!
Manch einer hat ein Herzblut-Wohnzimmer. Für Tennis-Ikone Boris Becker ist es der grüne Rasen Wimbledons – das Wohnzimmer von Friedrich und Johannes Haas ist Elmau.

»Wenn Vertrauen da ist und der Handschlag zählt, gelingt das Besondere!«

Braucht es die Nähe der Berge, um das Gespür für Projekte wie Elmau zu haben?
Nicht unbedingt, wir kommen zwar aus dem Berchtesgadener Land – dennoch faszinieren mich auch Orte wie Hamburg und die dortige Technikerschule. Die Offenheit und Weite des Meeres hat auch viel Natürliches und Inspirierendes.
Wie gelingt es Ihnen, Kunden von
Ihren Leistungen zu überzeugen?
Der Kunde muss das Material »begreifen« können. Ob Bundeskanzlerin oder die Nachbarin von nebenan. Ohne Varianten an Handmustern beginnen wir kein Beratungsgespräch. Wenn der Wert der Leistung »erfasst« werden kann, erübrigen sich große Preisverhandlungen.
Was ist das Besondere an der Schreinerei Haas?
Wir beiden Brüder, übrigens haben wir noch sechs weitere Geschwister, sind ein eingespieltes Team. Friedrich konzentriert sich auf überregionale Kunden und Großobjekte. Befreit von der Umsetzung kann er visionäre Entwürfe mit den Bauherren entwickeln. Mit unserem 35-köpfigen Team, darunter Planer und Projektleiter, konnte ich bisher jeden seiner Entwürfe bauen, ohne die Besonderheit des Entwurfs oder des Materials zu gängeln.
Fehlt Ihnen da nicht selbst der Kundenkontakt und das Entwerfen?
Hier vor Ort im Berchtesgadener Land entwickle ich selbst mit den Kunden deren Lösungen. Zugleich bleibe ich greifbar für unsere Fertigung. Das Kreative kommt auch bei mir nicht zu kurz.
Wie stemmt man solch umfangreiche Hotelprojekte wie Elmau?
Vorweg – mehr als zwei im Jahr sind in der Dimension nicht machbar! Es braucht gute Lieferanten! Danzer lieferte für Elmau 5000 m² ausgesuchte Furniere. Das Team von Klöpfer Holz den Rest. Die wickelten auch das Furnieren beim Subunternehmer in Italien mit ab. Bei uns gibt es ein geflügeltes Wort: Klöpfer = Fehlerquote null.
Haben Sie abschließend ein
Zitat zu Ihrer Firmenphilosophie?
Ohne Respekt vor der Leistung des anderen und gegenseitiges Vertrauen kann kein Projekt gelingen! Wichtig ist mir noch unseren Vater und Firmengründer Philipp Haas zu zitieren: »Qualität ist, wenn der Kunde wiederkommt!«

Friedrich Haas

»Ein Tisch bringt Leute zusammen! Meinen eigenen entwerfe ich jedes Jahr neu.«
Schreinermeister und Geschäftsführer der Meisterwerkstätten Philipp Haas + Söhne

Steckbrief

Bauherr: Dietmar Müller-Elmau www.schloss-elmau.de
Bauleitung: Armin Stegner und Partner www.baubar.com
Innenausbau: Philipp Haas + Söhne Meisterwerkstätten, www.ph-haas.com
Zulieferer Holz, Werkstoffe, Beschläge: Klöpferholz GmbH, www.kloepfer.de
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