Niveauvolle Renovierung eines 1970er-Jahre Einfamilienhaus

Mit Respekt erneuert

Nach dem Grundsatz »So viel wie möglich erhalten, so viel wie nötig erneuern« hat die Stuttgarter Gestalterin Sibylle Heilemann ein Einfamilienhaus aus den 1970er-Jahren stilistisch und technisch modernisiert – und den Zeitgeist behutsam ins Heute geholt.

Die Älteren werden sich erinnern: die Siebziger, das heißt Holzdecke, Heimsauna, Hebeschiebetür. Auf dem Höhepunkt des Nachkriegswohlstands wurden Wohnsiedlungen aus dem Boden gestampft, das Leben war bunt wie Farbfernsehen und die Väter trugen Koteletten. Doch die Väter sind heute Urgroßväter und ihre Bungalows zur Sanierung fällig. Was nicht vererbt wird, wird verkauft, und in den Einfahrten parken die Handwerker.

Auch in der Waldsiedlung, einem Eichhörnchen-Idyll nahe Stuttgart, wird die Ruhe zwischen Einfamilienhäusern gestört vom Baulärm größerer und kleinerer Sanierungsprojekte. Ein kleineres hatte der Käufer eines Einfamilienhauses von 1979 geplant, als er Sibylle Heilemann, Gestalterin für Möbel und Innenräume, bat, sich die Angelegenheit einmal anzusehen. Die Substanz war gut, die Architektur mehr als brauchbar, der 70er-Spirit zeigte sich hier in einer erhaltenswerten Variante. Offener Grundriss, Glasfront zur Terrasse, sogar eine Galerie im Wohnzimmer, unter der Dachschräge – alles positive Faktoren bei der Kaufentscheidung. Fest stand zunächst nur, dass eine neue Küche gebraucht würde. Doch im Verlauf des Projektes zeigte sich, dass etliche Dinge sinnvollerweise besser jetzt als später anzugehen waren, sowohl gestalterisch als auch technisch. Was ursprünglich als Renovierung geplant war, entwickelte sich organisch weiter zu einem Innenarchitektur-Projekt.

Stilsichere Wertübertragung

Das Einzige, was unverändert blieb, ist eine Holzdecke im Wohnzimmer, eigentlich ein 1970er-Jahre-No-Go. Aber diese hier war so schön und handwerklich wertvoll, dass sie heute, nach gründlicher Reinigung, ganz alleine die Ehre der Epoche rettet. Nicht unverändert überstand die Zeitenwende z. B. ein offener, klinkerverkleideter Kamin: Seine Sitzbank wurde entfernt, die Feuerstelle in schlichtem Weiß eingefasst, und die Fortsetzung der Klinkerwand auf der Galerie musste sich einen schokoladenfarbenen Anstrich gefallen lassen. Bauherr und Gestalterin waren sich einig darin, den Charakter des Gebäudes zu erhalten und die Substanz mit Respekt vor dem Bestehenden zu modernisieren und zu ertüchtigen.

Ein Vorteil der Projekterweiterung war auch, dass Details entstehen konnten, die nur durch Planung »from the scratch« möglich sind: Eine Lichtvoute an der Decke z. B. zieht sich durchs Haus und verbindet Funktionsbereiche. Die Koordination der Gewerke, die hierzu nötig war, lag in der Hand der Gestalterin. Das Ergebnis ist ein Interieur, das man neu nicht stimmiger hätte bauen können. Reduktion ist Sibylle Heilemanns Credo: Durch wenige Materialien, die dafür mehrfach vorkommen, erhält man – quasi automatisch – Leitmotive, die Zusammenhang schaffen: Eiche ist die einzige Holzart (außer der astfreien Nadelholzdecke), fast alle Wände tragen Kalk-Press-Putz, offenporig und klimaaktiv. Die Decken sind durchgehend abgehängt, um Einbauleuchten aufzunehmen – auch das Lichtkonzept war Teil des Auftrags. Weiße Wohnmöbel nehmen sich dezent zurück, die Kochzeile mit grauer Fenix-Oberfläche betont ihre Funktion etwas stärker, raumhohe Küchenschränke in Schwarz dagegen reduzieren ihre Wucht durch eine Hochglanzoberfläche. Spiegel dienen an verschiedenen Stellen dazu, die Raumwirkung der Architektur zu steigern. Aus dunklem Metall bestehen nicht nur die Fensterrahmen, die in Boden und Decke verschwinden à la Sky-Frame (aber von einem regionalen Hersteller), sondern auch die Balustrade der Wohnzimmer-Galerie. Das Dunkelgrau des Terrazzo im Flur ist nicht weit vom Fenix-Grau der Küche entfernt, und schließlich: Gold akzentuiert an ausgesuchten Stellen die Farbpalette, nicht in protziger Manier, sondern einfach, weil es schön ist.


dds-Autor Jörg Zinßer ist zwischen Holzdecken, Teppichböden und aprikosenfarbenen Badezimmerfliesen aufgewachsen. Zu seinen Lieblingsfarben gehören: Beige, Orange und Apfelgrün.


Steckbrief

Sibylle Heilemann

Seit 2017 freiberufliche Gestalterin
für Möbel- und Innenräume, Stuttgart.
Meisterschule: Fachschule für Holztechnik, Stuttgart; Gestalterin Möbel/Innenräume

www.heilemann-gestaltung.de

Ausführende Schreinerei:
Thomas Schmid, Ludwigsburg,
www.schreiner-schmid.com


Sibylle Heilemann
Gestalterin für Möbel und Innenräume
Stuttgart

Ein einzelnes, feines Möbelstück reizt mich ebenso wie ein ganzes Haus mit all seinen komplexen Aufgaben.