Innenausbau eines Praxiskonzepts

Form und Funktion

Vogelnest, Wald und Blumenwiese – ein emotionales Leitkonzept stand Pate beim Entwurf einer Praxis für Kinderzahnheilkunde und Kieferorthopädie in Augsburg. Zugleich gelang den Raumplanern der geforderte Einsatz langlebiger und robuster Materialien.

In der Maximilianstrasse, mitten in der Augsburger Innenstadt, fanden die Zahnärzte Constanze und Georg Kirchner den Standort für ihr Praxiskonzept. Verwirklicht wurde es im 3. und 4. OG eines Neubaus als Kombination einer Praxis für klassische Kinderzahnheilkunde und einer Praxis mit Schwerpunkt Kieferorthopädie. Die Zahnmediziner holten zur Umsetzung ihrer Ideen die Planer Steffen Bucher und Lars-Erik Prokop ins Boot. Diese haben mit ihrem Büro 12:43 Architekten mehrfach Auszeichnungen wie etwa »Deutschlands schönste Zahnarztpraxis« abgeräumt. In der Detailgenauigkeit der Architekten und Innenarchitekten spürt man die berufliche Basis als ausgebildete Handwerker. Ihre frei entwickelten, oft geschwungenen und asymmetrischen Entwürfe lassen sich immer wirtschaftlich umsetzen – nichts bei ihnen ist brotlose Entwurfskunst.

Fundiertes Handwerkerwissen

Das Konzept der Doppelpraxen auf zwei Ebenen bot sich beim Augsburger Innenstadtobjekt an. Erschlossen wird die Zahnheilkundewelt über das 3. OG, der Ebene für die kleinen Patienten. Dort kommen alle Gäste über Aufzug oder Treppenhaus an und werden von der Rezeption empfangen. Je nach Behandlungsschwerpunkt werden sie dann verteilt. Für die Jugendlichen, oftmals angehende Träger von Zahnspangen, führt der Weg über eine zusätzliche interne Treppenanlage ins 4. OG in die Kieferorthopädie mit allen ihren erforderlichen Bereichen.

Die Natur als Leitkonzept

Die Gestaltung der Praxis basiert auf einem grafischen Konzept, welches spielerisch eine stilisierte Vogelfamilie darstellt, umgeben von Natur und Wald. Stahlstützen, unterschiedlich geneigt und in variierender Anzahl gruppier,t erinnern an schlanke Baumstämme, welche durch die integrierte Beleuchtung neben den gestalterischen Aspekten eine wichtige Funktion übernehmen. Dieses Prinzip zieht sich spielerisch durch die gesamte Praxis und findet sich auch in Einbauten wieder oder in Deckenleuchten, die wie Astwerke aufgebaut sind. Oder etwa im Mundhygiene-Möbel, welches sich offen im Flur präsentiert. Dort wird den kleinen Patienten an den in unterschiedlichen Höhen eingebauten Waschbecken das Zähneputzen näher gebracht. Bunte Kinderzahnbürsten warten auf die Gäste – in einem grünen Grasteppich steckend, wirken sie wie die bunte Blumen auf einer Wiese.

Sollten die Zahnputzaktionen in Wasserschlachten enden, kann kein Schaden entstehen – die wie Eichenholz wirkenden Möbelflächen und auch die Bodenbeläge sind extrem widerstandsfähige Vinylbeläge von Hersteller Amtico. Von der ausführenden Schreinerei Heinzelmann auch auf Innen- und Außenradien sauber verklebt. Massive Eichenholzanleimer dienen in den Stoßbereichen als Kantenschutz.

Anspruchsvoller Möbelbau

Der Bereich um die Rezeption ist offen gestaltet und geht fliesend in den Wartebereich über. Dort übernehmen die »Baumstämme« eine tragende Funktion. An vier Stützen hängt leicht und luftig ein aus Holzrahmen und Seilen gefertigtes «Vogelnest«. Der Eingang zum Nest ist für die Kinder über Podeste aus mehreren Ebenen zu erreichen. Dort verkürzt sich das Warten auf Augenhöhe mit den Eltern. Der Bau des Nestes aus elliptischen Holzspangen entpuppte sich anspruchsvoll. Trotz CNC-Zeitalter war in der wirtschaftlichen Fertigung ein Zimmerer – der frühere Lehrmeister von Architekt Steffen Bucher – am überzeugendsten mit klassischem Schablonenfräsen.

Gleiche Formen – anderer Auftritt

Direkt hinter dem Kinderwartebereich führt integriert in den geschwungenen Wandaufbauten die Treppe hoch in die Kieferorthopädie. Die Formensprache dort ist identisch, doch durch dunkle »Holzstämme«, anthrazitgraue Sitzmöbelpolster und ebenso graue, eingeschobene Raummodule entfaltet dieses Geschoss eine edlere Raumwirkung und eine eher loungigere Atmosphäre. Urige Eichenblocks als Besprechungstische sind dabei kein Widerspruch.

Die stilisierten Vögel des grafischen Leitkonzeptes sind auch hier an den Wänden zu finden. Entdeckt hatten Constanze und Georg Kirchner die filigranen Grafiken in den Weiten des Internets bei einem australischen Grafiker. In Abstimmung mit ihm wurden sie zum Leitsystem in der Augsburger Praxis.

Der Grundriss 3. OG zeigt mittig die zentrale Empfangsanlage

dds-Redakteur Hubert Neumann, Schreinermeister und Gestalter der Fachrichtung Holztechnik, hat selbst einige Arztpraxen eingerichtet. Keine so konsequent an einem Leitmotiv orientiert wie bei MAX-23.


Steckbrief

Bauherrschaft:
Dr. Constanze Kirchner, Kinderzahnärztin und Dr. Georg Kirchner, Facharzt für Kieferothopädie, Augsburg,
www.max-23.de

Entwurf und Umsetzung:
12:43 Architekten, Stuttgart,
Steffen Bucher und Lars-Erik Prokop
www.zwoelfdreiundvierzig.de

Inneneinrichtung:
Schreinerei Heinzelmann, Alpirsbach
www.schreinerei-heinzelmann.de