Innenausbau

Digital Natives in Kaisers Stall

Die Kaiserburg über der Nürnberger Altstadt wandelte sich zur modernsten Jugendherberge Europas mit Multimediaräumen und großformatigen QR-Codes an den Wänden. Schlafen kann man auch noch – die Schreiner lieferten 355 Betten.

Eine Jugendherberge ist ein Hotel für Jugendliche, in dem ständig aus einer großen Kanne roter Tee ausgeschenkt wird – so das in über hundert Jahren eingeprägte Klischee. Dass es auch anders geht, zeigt der bayrische Jugendherbergsverband mit einer Investition von 20 Mio. Euro in Nürnberg. Die Gegenwart wird bestimmt von modernen Multimediaräumen und QR-Codes an den Wänden. In 335 Betten, verteilt auf 93 Ein- bis Sechsbettzimmer, kann man noch immer nächtigen. Doch das Haus bietet heute weitaus mehr. Es entwickelte sich zum Lern- und Bildungsort mit interaktiven Programmangeboten, die Geschichte und Kultur erlebbar machen.

Wie kam es dazu? Im Sommer 2009 erhielten die Architekturbüros Fritsch, Knodt & Klug und Franchi & Dannenberg Architectures als Arbeitsgemeinschaft den Auftrag. Es galt, die ehemalige Kaiserstallung der Nürnberger Burg zu sanieren und umzubauen. Denkmalpflege ist ein wichtiges Merkmal der Arbeit von Fritsch, Knodt & Klug – sie zeichneten für die Grundsanierung und die »Hülle«
verantwortlich. Achim Dannenberg und Bruno Franchi entwickelten das Innenraumkonzept und die Neustrukturierung des Gebäudeensembles mit seinen neun Stockwerksebenen. Die unteren Geschosse sind teils in den Burgfels gehauen – im steil ansteigenden Dachstuhl finden sich sechs Ebenen mit Schlafräumen für die Gäste.
Ein geschichtsträchtiger Ort
Achim Dannenberg entwirft und projektiert im Alltag Konzepte für Hotels, aber auch für Ausstellungsgebäude und Museen. Die Erfahrungen daraus waren elementar, um ein wegweisendes Projekt für den Jugendwerksverband schaffen zu können. Gerade an einem geschichtsträchtigen Ort wie Nürnberg. Das Bauwerk wurde 1495 zunächst als Kornhaus der Stadt Nürnberg errichtet. Während der Reichsparteitage der deutschen Kaiser erfuhren die unteren Räume eine Nutzung als Stallung. 1937 bauten die Nationalsozialisten die unteren Geschosse unter dem Architekten Julius Lincke zur Reichsjugendherberge um. Nach der Zerstörung 1945 errichtete beim Wiederaufbau in der Nachkriegszeit der gleiche Architekt die Kaiserstallung erneut in der gleichen »Blut- und Boden-« Architektur der NS-Zeit. Die neue (und alte) Nutzung erforderte einen differenzierten und sensiblen Umgang mit der Geschichte des Hauses. Die braun gestrichenen Betonunterzüge der Hallendecken mussten beispielsweise denkmalbedingt weiterhin eine Holzbalkendecke simulieren. Mit einem unter der Speisesaaldecke platzierten amorphen Großleuchtenobjekt erreichten die Planer hier augenzwinkernd eine gänzlich neue Raumatmosphäre. Dannenberg und Franchi setzten im Inneren auf eine Reduktion der vorherrschenden Materialien Beton und Eiche und entwickelten zugleich ein stringentes Form-, Farb-, Material- und Gestaltungskonzept, das spannungsreich dem denkmalgeschützen Bestand, aber auch farbig, frech und frisch der Lebenswelt der Jugendlichen gerecht wird. Dieser Balanceakt ist gelungen, nichts wirkt aufgesetzt oder gar anbiedernd.
Kaiserburg begegnet Facebook
Lassen sich die die mit Facebook, WhatsApp, YouTube und permanent digitaler Erreichbarkeit aufgewachsenen Kids (Digital Natives) überhaupt noch von altem Gemäuer beeindrucken? In Nürnberg scheint der Spagat zwischen den Welten zu gelingen. Für Schulklassen, Gruppen und Familien können am Lernort Kaiserburg geschichtliche und kulturelle Themen wie Nationalsozialismus oder Mittelalter, aber auch Nürnberg als Stadt des Friedens und der Menschenrechte beleuchtet werden. Sei es in Gruppenarbeit im Multimediaraum oder zwischendurch in einem der Flure mit Sitznischen und an den Wänden platzierten scannbaren QR-Codes, die bewegte digitale Bilder auf Tablet oder Smartphone erzeugen.
Für die Neueinrichtung, ob Innenausbau, offene Showküche oder die freie Möblierung gilt: Wertigkeit und Qualität überzeugt, ist spürbar und amortisiert sich. Jedes der 93 Zimmer erhielt ein eigenes Bad, hell und freundlich. Die 355 Betten, ob Stock-, Klapp- oder zusammenschiebbares Familienbett entwarfen die Planer abgestimmt auf ihren gestalterischen Masterplan. Ebenso wie die Einzelmöblierung der Speise-, Lounge- und Veranstaltungsräume. Zwischen den Sandsteinsäulen hängen Sitzmodule, Info-, Rezeptions- und Bartheken in variantenreicher Ausführung, aber immer wertig gefertigt. Den umfangreichen Auftrag für die Schreiner- und Innenausbauarbeiten teilten sich die Schreinerei Schäble aus dem württembergischen Nördlingen, das Grazer Werkstätten Team Styria, die Tischlerei Nitsche aus dem sächsischen Meerane und die Möbelwerkstätte Kram aus der Nähe von Nürnberg. Bei 550 Jugendherbergen in Deutschland wartet noch manch interessanter Auftrag für Schreiner und Tischler.

Jugendherberge
Vor hundert Jahren entstanden als einfache Unterkunft. Junge Menschen sollten, unabhängig von Herkunft und Geldbeutel, die Welt entdecken, Gemeinschaft erleben und ihren Horizont erweitern. Heute wird sie auch zum Lern- und Bildungsort. Interaktive Angebote machen Geschichte und Kultur erlebbar. www.jugendherberge.de

Steckbrief

Bauherr: Deutsches Jugendherbergswerk Landesverband Bayern e.V. www.nuernberg.jugendherberge.de
Planung: Arbeitsgemeinschaft Büro Fritsch + Knodt & Klug, Nürnberg, www.fritsch-knodt-klug.de mit Franchi & Dannenberg Architecture & Design, München, www.fritsch-knodt-klug.de
Technische Farbberatung: Brillux Nürnberg, www.brillux.de
Innenausbau/Möblierung: Schreinerei Schäble, www.schaeble-team.de Team Styra, www.schaeble-team.de Tischlerei Nitsche, www.schaeble-team.de Möbelwerkstätte Kram, www.schaeble-team.de

Achim Dannenberg

Architekt und Designer. Zusammen mit Bruno Franchi, Schreiner und Architekt, arbeitet er als Spezialist in der Hotelkonzeptionierung und -vermarktung, aber auch im Museumsbereich. Diese Erfahrungen spiegeln sich wider im Innenraumkonzept der Nürnberger Jugendherberge

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