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Die Wand ist eine Tür

Innenausbau
Die Wand ist eine Tür

Bei der Fertigung von Schiebetüren und Wandelementen im japanischen Stil sollten einige Regeln beachtet werden, damit die Shoji nicht zu europäisch werden. Alternativ bieten spezialisierte Firmen und Importeure original japanische Shoji an. Zweiter Teil der Serie von Christian Härtel zur japanischen Wohnkultur.

Die japanische Architektur baut auf den Maßen 90-180-90 auf: Vom Achsmaß der Stützen im Holzbau abgeleitet, lassen sich daraus auch die beiden Maße des Tatami lesen, die buchstäblich die Grundlage für den japanischen Raum bilden. Die Matten aus gepresstem Reisstroh mit einer Deckschicht aus Igusagras sind 90 cm breit und 180 cm lang. Zusammen mit halben, quadratischen Matten sind die Räume durch das Tatami-Maß teilbar. Nach diesem traditionellen Bodenbelag richten sich auch die Maße der Shoji. Auch sie werden seit Jahrhunderten im Rastermaß angefertigt und haben eine Höhe von 180 cm, was für Europäer zu niedrig ist. Aber auch die Japaner sind größer geworden: Vor 100 Jahren waren 17-jährige Männer etwa 13 cm kleiner als heute. Die japanische Körpergröße nähert sich damit dem europäischen Durchschnitt an. Europäer interessieren sich inzwischen stärker für japanische Schiebetüren und Raumteiler, deshalb gibt es mehr Maße bei den Shoji.

Konstruktion der Shoji
Traditionelle Shoji sind als Rahmenkonstruktion mit eingestemmten Schlitz- und Zapfenverbindungen ausgeführt. Auch alle Sprossen eines Elementes sind eingestemmt, sodass auf den Rahmenfriesen keine Verbindungen sichtbar sind. Gehrungsverbindungen kommen an den Rahmen traditionell nicht vor. Rahmen sind in der Regel 30 x 30 mm stark, die Sprossen 8 x 15 mm.
Früher gab es keine Shojipapiere, mit denen man eine 90 cm breite Tür hätte bespannen können. Daher war die Feldgröße zwischen den Kreuzsprossen auf das Papiermaß von 273 mm abgestimmt. Erst seit etwa 30 Jahren gibt es türbreite Papiere. Dadurch kann man die Sprossenaufteilung beliebig gestalten. »In Europa ist es beliebt, die Shoji mit großen Feldern und ohne senkrechte Sprossen auszuführen. Wir empfehlen aber, die Türen in Felder von höchstens 45 x 30 cm aufzuteilen, damit Papiere richtig gespannt werden können«, so die Schreinerin Yasuko Tamaru von Takumi in Berlin. Als Faustregel teilt man die Türhöhe durch sechs Felder. Zusammen mit drei senkrechten Sprossen und dem Rahmen hat man dann die traditionelle Grundaufteilung. Die Zahl der Sprossen ist immer ungerade. In jedem Fall ist die Breite der einzelnen Shojitüren und das Querschnittsmaß der Rahmen so zu wählen, dass sich die äußeren Rahmenhölzer im geschlossenen Zustand exakt überlappen. Optisch erscheint so die Wand mit den Shoji als eine Einheit.
Rahmen und Sprossen
Im unteren Bereich der Shoji wird oft eine über die ganze Türbreite reichende Füllung aus Massivholz eingenutet, die zwischen 5 und 8 mm dick ist und der Stabilität des Elements dient. Wenn die Papierfüllungen bis zum Boden reichen, müssen diese tendenziell öfter repariert werden, weil das Papier schnell einmal mit dem Fuß durchstoßen wird. Alle Rahmenteile und Sprossen sind kantig ausgeführt und wie in einem Geflecht wechselseitig überplattet. So halten sich Längs- und Quersprossen gegenseitig gerade und verziehen sich nur wenig. Trotzdem empfiehlt sich, insbesondere für die Sprossen gut stehendes Holz zu verwenden, damit das dünne Sprossengitter standfest bleibt.
Einige Anbieter von fertigen Shoji bieten auch europäisierte Varianten mit abgeschrägten Innenkanten an, die wie Glasleisten beim Fenster ausgebildet sind. Manche Hersteller verwenden für die Quersprossen kleinere Querschnitte als für senkrechte Sprossen oder versehen diese mit einer Fase. Dann können die Sprossen allerdings nicht wechselseitig überplattet werden.
Japaner öffnen Türen anders
Traditionell sind Shoji stehend geführt: mit Gleitführungen durch einen 2,5 mm tiefen Falz am unteren Rahmenholz und einer Nut im Boden. Später hat man Hartholz und schließlich Kunststoff als Führungsmaterialien verwendet. Nach und nach haben sich stehende Rollen durchgesetzt, die ebenfalls in einer Bodennut laufen. Dafür gibt es Schienen zum Aufschrauben oder Einlassen mit v- und u-förmigen Führungsnuten. Die höhenverstellbaren Rollen (in der Regel um 6 mm) mit ca. 30 mm Durchmesser werden als Einsteckbeschlag unsichtbar montiert. Die Türen erhalten dabei oben keine Beschläge, sondern einen Falz. Dieser führt die Tür in einer Nut oder einem U-Profil. So können die leichten Schiebeelemente zügig ausgehängt und Raumtrennungen aufgehoben werden.
Falls die Wände nach dem Verlegen des Bodens angebracht werden oder das bodenebene Einlassen der Führungsnut nicht möglich ist, können Schienen aus Aluminium mit 3 mm Auftrag eingesetzt werden. Trotz der verbesserten Führung bleibt zu beachten, dass die Menschen in Japan Türen anders öffnen, nämlich langsamer und ruhiger. »Dagegen werfen sich die Europäer mit der Klinke geradezu durch die Tür«, sagt Bernd Kuhn von Takumi. Dem meditativen Aufschieben der Türelemente dient auch die Platzierung des Muschelgriffs: Die ins Rahmenholz eingefräste oder als Beschlag ausgebildete Griffmulde sitzt recht tief, sodass sie beim Betätigen den natürlichen Maßen des Menschen mit fast hängenden Armen entspricht. Diese Bewegung ist schon von Natur aus eine wesentlich ruhigere, als wenn man eine Schiebetür auf europäischer Drückerhöhe mit Bügelgriffen betätigt.
Besteht gar kein Bedarf nach jederzeit entfernbaren Shojielementen und einer Öffnung des Raumes, können auch die handelsüblichen Schiebetürbeschläge verwendet werden – hängend geführte Türen laufen äußerst leicht und sind vom Montageablauf vielen Schreinern vertrauter. Und: »Einen ebenen Boden gibt es nicht«, weiß Martin Braun. Der Geschäftsführer von Formplus in der Schweiz verwendet deshalb hängende Führungsbeschläge, bei denen Elemente von der Seite eingeführt werden. Die Führung erfolgt am Boden durch Falz und Bodennut. Wichtig ist es in jedem Fall, Schwellen nicht zu Stolperkanten werden zu lassen.
Bei der Auswahl des Beschlages ist außerdem das Breitenmaß der Schiene wichtig, vor allem, wenn etwa jedes von sechs Türelementen eine eigene Schiene benötigt! Das ist notwendig, wenn man Shojiwände möglichst weit öffnen will. Im Gegensatz zu einer europäischen Schiebewand, die häufig aus beweglichen und fixen Elementen besteht, sind alle Shoji beweglich und entsprechend mobil.
Finierte Oberflächen
Die Oberflächen traditioneller Shoji sind roh belassen – auch nicht geschliffen, sondern mit japanischen Hobeln von Hand geputzt oder mit einer Putzhobelmaschine finiert. Das erzeugt seidig glänzende, spiegelglatte und schmutzabweisende Oberflächen. Der Spezialist für japanisches Interieur Takumi bietet neben Papieren und Beschlägen auch original japanische Shojielemente mit europäischen Maßen an. Standard ist zum Bau der Shoji das feinjährige Holz der Sitkafichte (Picea sitchensis). Aber auch die Hölzer der Weißfichte (Picea glauca), der Sicheltanne, auch Sugi oder Japanische Zeder genannt (Cryptomeria japonica), sowie der Hinoki-Scheinzypresse (Chamaecyparis obtusa) sind lieferbar. Auch feinjähriges Fichten- oder Tannenholz ist grundsätzlich geeignet. Die Firmen Formplus und Holz54 bieten Shoji in allen gewünschten Holzarten passend zur vorhandenen Wohnungseinrichtung an.
Alle Lieferanten fertigen Shoji nach individuellen Angaben. Das Shojipapier wird auf Maß zugeschnitten und in den Falz sowie auf die Sprossenflächen geklebt (vgl. dds 12/2011, Seite 14). Außer der einseitigen flächigen Verklebung erfolgt keine weitere Befestigung mit mechanischen Hilfsmitteln. So kann im Reparaturfall das Papier auf den Sprossen mit einer Klinge abgetrennt und ein entsprechend großes Stück aufgeklebt werden.
Machen oder zukaufen?
Während Tischler und Schreiner sich immer mal wieder an Shoji versuchen, ob als Meisterstück oder Kundenauftrag, und einige sogar auf Shoji spezialisiert sind, lohnt sich die eigene Fertigung bei einmaligen Aufträgen nicht. Das Belegen mit Papier ist nicht der entscheidende Arbeitsschritt, sondern das aufwendige Zurichten wechselnder Überblattungen bei den Kreuzsprossen mit den kleinen Querschnitten und die vielen eingestemmten Zapfenverbindungen, die für eine rationelle Fertigung eine Herausforderung darstellen. Schließlich kommt es noch auf die gewünschte Holzart an. Während die in Japan oft verwendeten Fichten- und Zypressenarten hier schwer zu bekommen sind, kann ein Kundenwunsch nach einheimischem Holz Anlass für eine eigene Produktion werden. Christian Härtel
Der dritte und letzte Teil unserer Serie wird sich mit japanischem Möbeldesign befassen.

Bücher Japanische Architektur und Innenarchitektur

Japanisch wohnen – drei Bücher im Kurzporträt von Christian Härtel.
»Kleine Häuser« von Claudia Hildner offenbart die Fähigkeit japanischer Architekten, den kleinsten Raum zu organisieren, ungewohnte Materialien zu nutzen und neue soziale Konzepte zu entwickeln.
Claudia Hildner: Kleine Häuser. Birkhäuser, 2011. 160 Seiten. 39,90 Euro. ISBN: 3034607431
Anders als die Teehäuser Chinas ist das japanische Teehaus ein meditativer Ort. Seine Gestaltung gilt auch heute als Herausforderung.
Wolfgang Fehrer: Das japanische Teehaus. Niggli Verlag, Sulgen (CH). 232 Seiten, 220 Abb. 54 Euro. ISBN: 9783721205197
Japanische Innenarchitektur vereint scheinbare Widersprüche: Modernste Räume werden mit traditionellen Materialien geschaffen, die Beziehung zwischen Natur und Architektur wechselt zwischen Harmonie und Spannung. Konstant ist die minimalistische Gestaltung in warmen und hellen Farben. »Japanese Interior Design« von Michelle Galindo gibt Einblick in zeitgemäße Innenarchitektur aus Japan.
Michelle Galindo: Japanese Interior Design. Braun Publishing, Salenstein (CH). 208 Seiten. 44 Euro. ISBN: 9783037680766
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