Denkmalschutz

Aus Südfrankreich importiert

Um den Prachtsaal auf der denkmalgeschützten Burg Trips herzurichten, installierte Schreinerei Brammertz eine spätbarocke Wandvertäflung aus historischen und neu angefertigten Elementen.

Gebaute Zeitzeugen vergangener Epochen erhalten und ausgewiesene Baudenkmäler sinnvoll nutzen, ist selten eine leichte Aufgabe. Burg Trips im nordrhein-westfälischen Geilenkirchen bildet hierbei keine Ausnahme. Im 14. Jahrhundert als Wasserburg errichtet, wurde die Anlage nach einem Eigentümerwechsel im 18. Jahrhundert zu einem barocken Schlosskomplex mit zwei Vorburgen ausgebaut. Seit den 1960er-Jahren steht die Kernburg wegen des Umzugs der Freiherren von Eynatten in den wieder aufgebauten Südflügel der inneren Vorburg leer. Nach der Wende wurde die sanierungsbedürftige Anlage veräußert und es gab zahlreiche Überlegungen zur Umwidmung der einzelnen Gebäude. Heute gehört die Liegenschaft der ortsansässigen Unternehmerfamilie Davids, die den Ausbau der Vorburgen für ein Alters- und Pflegeheim sowie mehrere Seniorenwohnungen ermöglichte. Die Kernburg hingegen trotzt jeder Machbarkeitsstudie: Wohnungsbau, Hotellerie und Gastronomie sind als Umnutzung wegen Unwirtschaftlichkeit bereits ausgeschlossen. Um das Gebäude dennoch für die Nachwelt zu erhalten, hat Familie Davids kontinuierlich in die Sicherung und Restauration des Bestandes investiert, der – obgleich im barocken Stil überarbeitet – zahlreiche mittelalterliche Gestaltungselemente wie Sitzfenster, Großkamine und Wandmalereien aufweist.

Handwerkskunst aus dem Kloster

Eine der neusten baulichen Maßnahmen fand anlässlich des 80sten Geburtstages von Franz Davids statt und hatte die Nutzbarmachung des ehemaligen Prachtsaals zu einem Veranstaltungs- und Konzertsaal zum Ziel. Zu diesem Zweck ersteigerte die Familie Davids in Paris eine zur Burgausstattung passende, spätbarocke Wandvertäflung aus zwei Räumen eines südfranzösischen Klosters. Die historische, rund 63 Quadratmeter große Eichenholzvertäflung bestand neben Wandpaneelen, Deckleisten und Türen auch aus verschiedenen Ölgemälden, zwei Kaminen sowie einem Spiegel und wurde nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst eingelagert.

Um die tatsächliche Instandsetzung des Saals einzuleiten, entwickelte die Schreinerei Brammertz nach sorgfältiger Bestandsaufnahme ein Konzept zur Implementierung der Vertäflung in den gänzlich brach liegenden Saal. 1912 gegründet und aktuell in dritter und vierter Generation geführt, konnte die Schreinerei dabei auf ein vielfach bewährtes Wissen zum Thema Sanierungen, Restaurierungen und Rekonstruktionen zurückgreifen, das stets mit modernsten Planungs- und Fertigungstools zur Anwendung kommt. »Dennoch war die Entwicklung eines Konzeptes im Sinne des Denkmalschutzes und die handwerkliche Umsetzung des Projektes herausfordernd«, berichtet Eduard Brammertz, der seit 1980 Inhaber der Schreinerei ist.

Reversibel aufgebaut

Nach enger Absprache mit dem Denkmalamt setzte die Schreinerei Brammertz in Zusammenarbeit mit Tischlermeister Klemens Grund auf ein Raum-in-Raum-Konzept, das die Montage der Vertäflungselemente auf eine reversible Ständerwand mit zehn Zentimeter Abstand zum Bestand vorsieht. Es folgte – mit Rücksichtnahme auf das vorhandene, zentrale Heizungssystem – eine Ermittlung der Positionen jedes der Vertäflungselemente und die genaue Planung notwendiger, ergänzender Paneeleinheiten. Visualisiert wurde das Konzept durch ein Modell im Maßstab 1:20, das über eine kleine Kamera 360-Grad-Ansichten ermöglichte und so den Kunden überzeugen konnte. Im Budget unlimitiert richtete die Schreinerei für die Projektrealisierung vor Ort eine mobile Werkstatt ein und begann die Arbeiten mit dem Einbringen einer neuen Bodenunterkonstruktion sowie einer neuen Trockenbaudecke. Die darauffolgende Vertäflungsunterkonstruktion konnte somit – ohne den Bestand zu beschädigen – zwischen Boden und Decke montiert werden.

Nach einer sorgfältigen Aufarbeitung der barocken Vertäflung machten sich die Schreiner an den Bau der notwendigen neuen Elemente, die sich bis ins Detail am Erscheinungsbild und der Machart der historischen Vorlage orientierten. So sind auch die nachempfundenen Paneele aus Eichenholz im Spiegelschnitt gefertigt und durch Patinieren und Wachsen der Oberflächen optisch perfekt an die Originalelemente angeglichen. Der finale Einbau aller Komponenten gewährleistet durch die Ausgestaltung zahlreicher Elemente (Bilder wie Paneele) als magnetisch verschließbare Türen einen Blick auf den Burgbestand und lässt weiterhin die Durchführung wissenschaftlicher Arbeiten an der Bausubstanz zu. Beide verbauten Kamine bleiben aufgrund fehlender Rauchabzüge unbenutzbar. Ein stimmiger Gesamteindruck gelingt mit einem zu der Epoche und der Ursprungsregion der Wandverkleidung passenden Würfel-Parkett-Boden, den das Team der Schreinerei Brammertz eigens entworfen und aus Eiche gefertigt, patiniert und geölt hat.

Neue Nutzung in historischem Look

Rund ein Jahr haben bis zu fünf Mitarbeiter am Projekt Prachtsaal gearbeitet. Fundiertes Wissen über historische Handwerkskunst, Leidenschaft für die Denkmalpflege und eine freie Hand in der Kostengestaltung trugen laut Eduard Brammertz einen wesentlichen Teil zum gelungenen Endergebnis bei. Entstanden ist ein eindrucksvoller und vielseitig nutzbarer Saalausbau, der die Geschichte von Burg Trips spürbar macht, einen authentischen Eindruck barocker Gestaltungsqualitäten liefert und einer historischen Wandvertäflung aus Südfrankreich zu neuem Glanz und einem zweiten Leben verhilft.

Für die Öffentlichkeit zugänglich ist der fertiggestellte Prachtsaal im Rahmen von Veranstaltungen und monatlich stattfindenden Burgführungen. Schreinerei Brammertz ist nach eigenen Aussagen längst an neuen Projekten und fest entschlossen, historische Handwerkstechniken innerhalb des eigenen Unternehmens und für die Nachwelt zu erhalten.


Die freie Journalistin Henriette Sofia Steuer findet, Zeugnisse alter Handwerkskunst einer neuen Bestimmung zuzuführen wie auf Burg Trips, zeugt von großer Leidenschaft für die Werte und Möglichkeiten des eigenen Handwerks.


Steckbrief

Schreinerei Brammertz steht seit 1912 für höchste Handwerksqualität und liefert Innenausbauten, Fenster, Türen und Treppen für Altbausanierungen und Neubauten.

www.brammertz-schreinerei.de

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