Einfach verdoppelt

Bevor zwei sich streiten müssen, kann der Schreiner helfen: Frank Baum hat für zwei Brüder ein Ensemble Kirschbaummöbel aus dem gemeinsamen Familienerbe kopiert.

Das salomonische Urteil droht in der dramatischen Phase mit der Teilung eines geliebten Etwas – bis der, dessen Herz wirklich daran hängt, im letzten Moment verzichtet. Dank Obermeister der Innung Kassel Frank Baum (www.baum-moebel.de) musste es so weit nicht kommen, als zwei Brüder Kirschbaummöbel aus den 1930er-Jahren erben sollten. Dass man ein Ensemble bestehend aus Esstisch, sechs Stühlen und einer Anrichte mit Vitrine nicht teilen sollte, schon gar nicht in der Mitte, lag für alle Beteiligten auf der Hand. Wie gut, dass Schreiner auch verdoppeln können.

Die Herausforderung für Baum und seine Mitarbeiter bestand darin, die Möbel ohne Maße und Schablonen zu kopieren. Der Schreiner hat den Auftrag darüber hinaus zum Anlass genommen, sich tiefer mit der Zeit des Biedermeiers zu befassen und diese auch seinen Kunden zu erschließen.
Zusammen mit Marketingberater und Designcoach Masin Idriss (vgl. dds 7/2010, S. 51) entstand die Idee, den Auftrag in einer Kundenbroschüre zu dokumentieren und in den Kontext des Schreinerhandwerks zur Biedermeierzeit zu stellen. Für die Recherche ließ sich der auf Biedermeier spezialisierte Kunsthändler und Restaurator Stefan Semler aus Fulda gewinnen. Der Begriff des Biedermeiers, so sein Exkurs, werde heute mit »Erfindung der Einfachheit« definiert und markiere die Zeit von 1815 bis 1835. Die Nachahmung historischer Bauformen von Gotik bis Rokoko aus der Architektur hatte sich erschöpft. An ihre Stelle trat eine neue Besinnung auf die Gesetzmäßigkeiten des Werkstoffs und seiner Bearbeitung mit der Hand sowie der Maschine, die sich in der Form der Möbel auf charakteristisch schöne Weise niedergeschlagen sollte …
Ein solcher Auftrag ist heute selten. Aber das Beispiel von Frank Baum zeigt, was sich daraus machen lässt, wenn man Fantasie entwickelt. JN