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Die Vier vom Schreinerzelt

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Die Vier vom Schreinerzelt

Vertrieben vom Bombenhagel in Syrien hat Ahmed im Flüchtlingscamp im Libanon eine Möbelproduktion gestartet. Mithilfe von NGOs startet der Versuch in Beirut seine Möbel in einem »Showroom« anzubieten. Fotojournalist Erol Gurian war für dds vor Ort.

Der libanesische Regierungsbezirk Akkar ist der nördlichste Ausläufer des Libanon, direkt an der syrischen Grenze. Erzählt man in Beirut libanesischen Freunden von seinen Reiseplänen dorthin, ist es, als würde man auf den Mond fliegen: »So weit willst Du fahren? Pass auf Dich auf, da ist es gefährlich, so nah an der Grenze!«

Ahmed kam vor elf Jahren hierher. Nicht auf eigenen Wunsch, sondern weil er mit seiner Familie aus Homs in Syrien flüchten musste. Mittlerweile lebt er mit ca. 200 Menschen in einem Camp namens Kobat Chopra. Einer Ansammlung von selbst gezimmerten Zelten, bestehend aus Holzleisten und alten LKW-Planen. In Kobat Chopra lebt man von der Hand in den Mund: Die meisten Geflüchteten hier arbeiten auf dem Feld und verdienen rund 20 US-Dollar pro Monat. Damals hat Ahmed sich mit Gelegenheitsjobs auf dem Bau in Beirut über Wasser gehalten. Aber auf Dauer wurde es zu gefährlich, denn wer sich als Geflüchteter ohne Papiere erwischen lässt, landet im Gefängnis oder wird ausgewiesen. Es musste also einen anderen Weg geben, Geld zu verdienen.

Schreiner werden durch abgucken

»Das Schreinerhandwerk habe ich von einem Mann in Beirut abgeguckt. Ich habe gesehen, wie er mit Werkzeugen, Maschinen und Holz arbeitete. Dann begann ich, das selbst auszuprobieren. Ich startete mit kleinen Dingen: einem kleinen Stuhl, einem kleinen Tisch«, erzählt Ahmed. »Damals hatte ich noch gar keine Powertools, nur Handwerkzeuge. Dann kam Tony und schlug vor, dieses Projekt zu erweitern. Er trieb Spenden ein, mit denen wir Maschinen kaufen konnten, um dann besser zu produzieren.«

Tony Collins ist ein junger Mann aus Schottland und kam vor einigen Jahren her, um zu helfen. Er kümmert sich um die Belange der Geflüchteten. Ist »Mädchen für alles«: Tony half beim Aufbau eines kleinen Schulzeltes, ist da, wenn jemand medizinische Versorgung braucht und fördert auch die Zeltschreinerei von Ahmed. Kürzlich startete er einen Aufruf auf Social Media. Mit einer Spende (via Paypal) von 100 Euro konnte man Ahmed und sein kleines Team beauftragen, jeweils eine Schaukel zu bauen, die dann in der Region an Schulen, Kindergärten und andere Einrichtungen verkauft werden würde. Flüchtlingshilfe der praktischen Art.

Unterstützte Eigeninitiative

Im gezimmerten Schreinereizelt berichtet Ahmed von seinen Herausforderungen: »Wir brauchen mehr Equipment, um mehr und anspruchsvollere Produkte zu bauen. Dieses Jahr habe ich damit begonnen, auch anderen im Camp etwas beizubringen. Mohammed zum Beispiel ist erst dreizehn, oder meinem Bruder Baam, der ist siebzehn. Wir machen keine großen Gewinne, aber langsam wachsen wir. Wir machen Auftragsarbeiten wie Stühle und Tische.«

»Ich mag diese Arbeit und wenn wir besser und professioneller ausgestattet wären, könnten mehr Leute in unserer Community mitarbeiten. Das ist meine Vision: Meine Mitmenschen für dieses Projekt zu gewinnen, als Geschäftsmodell!«

Zurzeit arbeiten alle in der Landwirtschaft und verdienen weniger als 10 US-Cent pro Stunde. Die Mutter vom kleinen Hammed beispielsweise arbeitet auf dem Feld und verdient 20 US-Dollar pro Monat. Deshalb will sie, dass ihr Sohn in der Werkstatt mitarbeitet, um einen ordentlichen Beruf zu erlernen. Auch, weil er vielleicht mal mehr verdienen kann. Im Moment verdient auch er 20 Dollar im Monat.

»Aber das ist eine andere Arbeit“, erklärt Ahmed, »kreativer und nicht so anstrengend. Wenn wir einen Auftrag abwickeln, können wir auf einen Schlag 200 Dollar verdienen. Das teilen wir dann untereinander zu gleichen Teilen auf.« Ahmed sieht ein großes Potenzial in seinem Projekt, aber nur wenn es gelingt, die Zeltschreinerei auszubauen. »Wir bräuchten noch mehr und besseres Equipment, um damit mehr und anspruchsvollere Produkte herzustellen. Dann können wir noch andere im Camp miteinbeziehen.

Die Zeltschreinerei macht Hoffnung

»Wir bräuchten dringend eine Hobelmaschine – im Moment müssen wir die Bretter zum Hobeln woanders hin bringen und dann wieder abholen. Das ist sehr umständlich. Auch eine professionelle Tischkreissäge würde uns vieles erleichtern. Und einen stärkeren Generator bräuchten wir: Der hier ist so klein, dass wir immer nur eine Maschine betreiben können. Mit einem großen Generator könnten wir zwei, drei Maschinen gleichzeitig betreiben.“

Ahmeds Unternehmergeist wirkt: 2021 hat er mit Tonys Hilfe den Mishwar Shop Beirut eröffnet. Es ist der Versuch, seine Möbel auch in der Hauptstadt zu verkaufen. Das Geschäft ist mühsam und wirft noch keine Gewinne ab, aber Ahmed ist motiviert. »Ich bin glücklich mit meiner Arbeit, weil ich etwas herstellen kann und gleichzeitig unterstütze ich meine Community. Es gefällt mir hier. Ich glaube, dass ich lange hier leben kann in meiner kleinen Community hier im Camp. Das werde ich so nirgendwo anders finden.«


Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist und Dozent. Er unterrichtet unter anderem an der Deutschen Journalistenschule, an der Akademie der Bayerischen Presse. In aller Welt gibt er Journalismusseminare in Flüchtlingscamps.


Steckbrief

Mehr als eine Million syrische Geflüchtete leben im Nachbarland Libanon. Die meisten von ihnen in sogenannten »informal settlements« mit einer prekären Versorgungslage. Kobat Chopra ist eine dieser zahllosen Zeltstädte.

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