7-Achs-Robotik in der Tischlerei: Kooperation zwischen dem Tischlereiunternehmen Artis aus Berlin mit der Hochschule Eberswalde

Hightech-Rochade?

»Arm aber sexy«, so feiert sich Berlin. Aber hilft sexy sein gegen den Fachkräftemangel? Darüber, und warum der 7-Achs-Roboter der Berliner Tischlerei Artis heute in der Hochschule Eberswalde steht, sprachen wir mit Geschäftsführer Wolf Deiß.

Das Gespräch führte dds-Redakteur Hubert Neumann

Mit 30 Mitarbeitern, davon zehn in Projektleitung, Konstruktion und Planung entwickelt und fertigt das Tischlereiunternehmen Artis in Berlin-Tempelhof anspruchsvolle Objekte – national und international. In dds haben wir bereits mehrfach über Projekte der Hightech-Vorreiter und ihre 7-Achs-Roboterzelle berichtet. Zentrumsnah neben dem alten Tempelhofer Flugfeld in der Hauptstadt angesiedelt kämpft der Betrieb dennoch damit, gute Mitarbeiter dauerhaft zu halten.

Herr Deiß, sprechen wir über Mitarbeiter. Ihr 7-Achs-Roboter steht heute in Eberswalde, weil Sie Ihre Fachkräfte nicht halten können …

Wolf Deiß: Lassen Sie mich zuerst einen Schritt zurückgehen. Die entscheidende Frage war: Wie bekommen wir die Situation mit den Mitarbeitern an dieser komplexen Maschine in den Griff? Sobald wir jemanden ausgebildet haben, der in Losgröße 1 einen 7-Achs-Roboter programmieren kann, ist der dermaßen attraktiv für den Markt, dass er weggekauft wird. Und wir können keine Gehälter bieten, mit denen etwa die ETH in Zürich lockt. Unser erster Robotikspezialist, der unsere Kompetenz mitaufgebaut hatte, blieb aus Loyalität drei Jahre – trotz dreifachem Gehaltsangebot aus der Schweiz.

Wie entwickelte sich das weiter?

Nicht jeder hat diese enge Verbundenheit. Es ist ja durchaus verlockend, fremd finanzierte Forschungsprojekte in der Schweiz zu beackern – Projekte zu entwickeln, die bei uns Standardanwendungen waren. Mit zwei, drei Jahren an der ETH, dem führenden Schweizer Exzellenzstandort, baut man sich Reputation auf. Einem jungen Menschen für eine 30-Stundenwoche Gehälter außerhalb aller Maßstäbe zu zahlen, das sprengt unsere Möglichkeiten. Immer wieder von vorne ausbilden, können und wollen wir uns nicht leisten.

Darum die neuen Wege?

Wir fragten uns, wo finden wir Kollegen, die motiviert sind, diese speziellen Fähigkeiten erlernen zu wollen? Wen interessiert es, sich solch fachliche Kompetenz aufzubauen oder Kooperationspartner sein zu wollen? Die ersten, die wir fragten, die FH in Eberswalde, waren mit Feuer und Flamme dabei, sahen die besondere Chance, dieses Aushängeschild zu beherbergen, wollen ihren Studierenden außergewöhnliche Möglichkeiten bieten.

Was bringt Ihnen die Kooperation?

Das läuft erst seit sehr kurzer Zeit – wir müssen sehen, wohin es sich entwickelt. Zum einen können wir weiter auf dem Roboter produzieren, bzw. für uns produzieren lassen. Aber ganz wichtig: Es macht uns unter den angehenden Ingenieuren bekannt. Über die Hochschule sind wir nahe dran an den Motivierten. Bisher hatten viele eine Hemmschwelle, sich bei uns zu bewerben, dachten, wir erwarten zu viel, dachten, sie seien nicht qualifiziert genug für ein Hightech-Unternehmen. Die vier, fünf Jungs, die beim Umzug und Aufbau des Roboters im Technikum in Eberswalde dabei waren, kennen die Anlage nun von der Pike auf und fräsen auch schon damit – es begeistert, was sie nach ganz kurzer Zeit schon können. Die Hochschule experimentiert dabei viel breiter als wir, möchte neue Fertigungsmethoden und Geschäftsmodelle für das Handwerk 4.0 erschließen. Das Projekt verknüpft unsere Praxis mit der Wissenschaft.

Sehen sie Chancen, dass die Jungs danach zu Artis kommen?

Ein Student arbeitet schon studienbegleitend 2 Tage die Woche und während der Ferien bei uns. Er war zuvor selbstständig, bringt viele Fähigkeiten mit und arbeitet aus einem engagierten Grundverständnis heraus. Wichtig ist die betreute Zusammenarbeit, das sich gegenseitige Kennenlernen. Das gilt übrigens auch für Praktikanten von den Hochschulen in Biel, Hamburg oder Designern aus Potsdam.

Berlin ist total angesagt, und Sie liegen zentrumsnah …

… dazu mit einem tollen Arbeitsumfeld. Was wir brauchen, sind aber nicht nur Überflieger, sondern auch bodenständige Facharbeiter. Viele Berliner sind nicht hier geboren, sondern kommen aus aller Welt wegen der Vielfalt der Metropole. Das ist relativ quecksilbrig. Man bekommt interessante Leute – und nach einem halben Jahr wollen sie dann doch lieber für ein Projekt nach Andalusien oder sind mit einem ausgebauten VW-Bus für die nächsten zwei Jahre auf Achse.

Wie gewinnen und halten Sie dann qualifizierte Fachkräfte?

Fast alle Mitarbeiter im Büro sind im Tischlerhandwerk ausgebildet und haben sich – z. T. mit Unterstützung der Firma – weitergebildet. Das sind die, die schnell vorbereiten und projektieren wollen. Wir haben auch tolle Auszubildende an Bord, doch von denen, die ein Bild haben, wie man sich innerhalb eines modernen Betriebs weiterentwickelt, fällt die Hälfte weg, weil sie sich selbstständig machen wollen oder ein Studium aufnehmen. Es fehlt an denen, die bleiben und in der Produktion Verantwortung übernehmen. Um eine kompetente Fachkraft zu werden, braucht man Berufserfahrung und Ehrgeiz. In Zeiten des Facharbeitermangels geht es darum, eine möglichst attraktive Arbeitsumgebung zu bieten und die Mitarbeiter ihren Fähigkeiten entsprechend an den richtigen Stellen einzusetzen.


»Nach außen kann ich nur sagen: Habt keine Angst, euch auf anspruchsvolle Jobs in anspruchsvollen Firmen zu bewerben – man wächst mit seinen Aufgaben!«

Wolf Deiss, Artis GmbH, berlin


Steckbrief

Die Artis GmbH wurde 1994 gegründet und wird von den Gründern Holger Meyer und Wolf Deiß geführt. Die 30-Mann-Tischlerei hat sich zu einem Unternehmen entwickelt, das in hohem Maße technisch komplexe und konstruktiv herausfordernde Aufträge bearbeitet.
www.artisengineering.de

Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE)
Fachbereich Holzingenieurwesen
www.hnee.de/K241