dds vor Ort bei den Echazschreinern in Kirchentellinsfurt

Gekommen, um zu bleiben

Dem Trend zum Trotz, haben die Echazschreiner in Kirchentellinsfurt keine Schwierigkeiten, geeignete Auszubildende zu finden – auch nicht, sie als Facharbeiter zu halten. Wir wollten von drei Mitarbeitern wissen, was sie an ihrem Betrieb und ihrer Arbeit bei Laune hält.

Die Echaz ist ein kleines Flüsschen, das unweit von Tübingen bei Kirchentellinsfurt in den Neckar mündet. Nach ihm ist die Echazschreinerei benannt, ein Betrieb mit 23 Mitarbeitern, von denen sieben Geschäftsführer sind. Schon dieses Zahlenverhältnis weist darauf hin, dass hier manches anders läuft, als in einer gewöhnlichen Schreinerei. Verantwortung zu übernehmen gehört zum Konzept, Selbstständigkeit wird von Anfang an gefördert: Jeder soll in der Lage sein, einen Auftrag komplett zu bearbeiten.

Liegt die, von Hand angelegte, Verkaufszeichnung vor, wird der Auftrag, gern in Gegenwart des Kunden, an einen Kollegen aus der Werkstatt übergeben, der ab jetzt für alle weiteren Fragen der Ansprechpartner ist. Der Kunde erlebt Wertschätzung und Vertrauen, die dem Mitarbeiter von seinen Kollegen aus dem Verkauf entgegengebracht und übertragen werden.

Ich bin mit Ernst-Martin Hauerwas verabredet, der sich nicht als Chef versteht, obwohl er einer der sieben und auch einer der vier ist, die den Betrieb vor über 30 Jahren gegründet haben. Dazukommen die Kollegen Andrej, Olliver, Philipp und Reinhold. Im Laufe des Gespräches wird deutlich: Ob jemand bei den Echazschreinern gelernt hat oder später dazukam, spielt keine Rolle. Die Formel für die auffallend hohe Motivation und Identifikation mit dem Betrieb und der gemeinsamen Arbeit hat zwei Faktoren: ein gutes Team und eigenverantwortliche Arbeit. Dabei wird die Bezahlung zur Nebensache. Auch deswegen, weil sie unspektakulär geregelt ist: Es gibt zwei Lohngruppen, die sich durch einen symbolischen Betrag unterscheiden – Kollegen, die mehr Verantwortung übernehmen, werden geringfügig höher bezahlt.

Das Konzept der hohen Eigenverantwortlichkeit liegt nicht jedem. Als Auszubildende werden bewusst ältere und selbstständigere Menschen eingestellt. Sie zu finden, war noch nie ein Problem.

Mehr als integriert
»Ich kam 2001 als Praktikant zu den Echazschreinern und konnte als russischer Aussiedler wenig Deutsch, noch weniger Schwäbisch. Vom ersten Tag an haben mich meine Kollegen unterstützt. Die offene und herzlichen Atmosphäre im Betrieb hat mir sehr geholfen.« Nach seiner Lehre und vier Gesellenjahren hat Andrej die Meisterschule besucht, um dann wieder zurück zu den Echazschreinern zu gehen. Seit 2015 ist er Mitgesellschafter. Die Meisterprüfung war dazu nicht erforderlich. »Den Meister habe ich für mich gemacht«, sagt er. Natürlich gebe es auch mal schlechtere Zeiten – aber deswegen dem Betrieb den Rücken zu kehren, das sei für ihn nie in Frage gekommen.

Autonomie ist wichtig
Nach seiner Schreinerlehre hat Reinhold Musikinstrumente gebaut und in Berlin mit Obdachlosen gearbeitet. »Irgendwann hat mir die praktische Arbeit gefehlt. Ich bin noch ohne Plan zur Meisterschule, habe anschließend ein Jahr gearbeitet und mich dann bei den Echazschreinern auf eine Stellenanzeige beworben. Mir gefällt unser Miteinander und die selbstständige Arbeitsweise, dass ich hier eine Arbeit von vorne bis hinten machen kann. Ups und downs gibt es überall – wenn das Klima stimmt, ist mir fast egal, was ich arbeite.« Inzwischen gehört Reinhold seit sechs Jahren zum Team der Echazschreiner.

Mit Leidenschaft dabei
»Nach dem Zivildienst stand eine handwerkliche Ausbildung für mich eigentlich gar nicht auf der Liste. Nach einem Praktikum bei den Echazschreinern hatte ich dann das Gefühl, es wird schwer werden, etwas zu finden, wo du dich noch wohler fühlst!« Glück kam auch dazu: Die Lehrstellen waren schon vergeben, zufällig ist dann jemand abgesprungen. Inzwischen ist Olliver seit 18 Jahren Geselle und hat nicht vor, daran etwas zu ändern. »Das Team passt, es war noch nie so gut.« Die Arbeit ist vielseitig und verantwortungsvoll – auch die Bezahlung ändert sich bei den Echazschreiner nicht durch einen Meistertitel.


dds-Redakteur Johannes Niestrath hat die Echazschreiner besucht. Die flache Hierarchie und hohe Eigenverantwortlichkeit im Betrieb fällt auf und strahlt aus: Motivierte, selbstbewusste Kollegen kennen und schätzen ihre Aufgabe.


Steckbrief

Die Echaz-Schreinerei wurde 1985 von vier Schreinern in Reutlingen gegründet. Heute hat der Betrieb 23 Mitarbeiter, davon sind sieben Geschäftsführer. Angeboten wird das volle Spektrum des hochwertigen Innenausbaus. Echaz-Schreinerei GmbH, 72138 Kirchentellinsfurt

www.echaz.de