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»Das Geld sitzt bei der Kirche auch nicht lockerer«

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»Das Geld sitzt bei der Kirche auch nicht lockerer«

Konrad Steininger ist mit seinem Betrieb auf Kircheneinrichtungen spezialisiert. Im dds-Interview spricht er über seine Erfahrungen mit kirchlichen Auftraggebern und erzählt, wie er zum Schallschutzexperten für Beichtstühle wurde.

Herr Steininger, wie wird man zum Spezialisten für Kircheneinrichtungen?

Steininger: Ganz einfach: Indem man sich über Jahrzehnte damit beschäftigt. Wir sind seit über fünfzig Jahren in ganz Deutschland und im europäischen Ausland tätig. Vor allem in den Sechzigern und Siebzigern waren Kircheneinrichtungen unser Hauptstandbein. Auslöser war das Zweite Vatikanische Konzil 1962, mit dem sich in der katholischen Kirche vieles änderte. Von der Liturgie über die Gewänder bis hin zu Altar und Beichtstuhl wurde alles modernisiert.
Wie viel Prozent Ihres Umsatzes erwirtschaften Sie heute in diesem Bereich?
Annähernd 50 Prozent. Bis vor 15 Jahren waren es noch über 90 Prozent. Damals gab es aus Kostengründen einen totalen Baustopp bei kirchlichen Aufträgen, was uns schwer zu schaffen gemacht hat. Seitdem haben wir darauf geachtet, die Abhängigkeit nicht zu groß werden zu lassen.
Was unterscheidet kirchliche Auftraggeber von anderen?
Eigentlich nichts.
Wer ist der eigentliche Auftraggeber, der Pfarrer vor Ort?
Das kommt auf den Umfang des Bauvorhabens an. Oft ist es der örtliche Pfarrer bzw. die Kirchengemeinde. Bei größeren Projekten ist ein Architekt dabei und es läuft über die Diözese und die Diözesanbauämter. Wenn es um alte Dinge geht, spricht auch noch das Landesamt für Denkmalpflege mit.
Wie läuft die Auftragsvergabe?
Genau wie bei anderen Aufträgen auch. Das geht von öffentlichen über beschränkte Ausschreibungen bis zur freihändigen Vergabe.
Sitzt bei der Kirche das Geld lockerer als bei anderen Kunden?
Nein. Auch wenn die Kirche vielleicht Geld hat: Sie gibt es genauso ungern her wie jeder andere Kunde auch!
Sind Sie für die katholische und für die evangelische Kirche tätig oder geht das nicht?
Doch, doch, das geht schon. In der katholischen Kirche gibt es allerdings viel mehr Arbeit für einen Schreiner, da das ganze Inventar prunkvoller gestaltet ist. In der evangelischen Kirche gibt es z. B. auch keine Beichtstühle. Hier sind wir hauptsächlich dann tätig, wenn es um Neubauten geht.
Muss man selbst einer der beiden Konfessionen angehören?
Nun ja. Man muss eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Kirchensteueramtes vorlegen können. Kann man das nicht, weil man aus der Kirche ausgetreten ist, hat man schlechte Karten.
Was sind typische Projekte?
Das Spektrum reicht von Stehpulten über Beichtstühle bis hin zu kompletten Sakristeieinrichtungen. Ein wichtiges Feld ist die schallschutzmäßige Nachrüstung von Beichtstühlen. Das ist komplizierter als es sich zunächst anhört. Bei historischen Beichtstühlen darf man von den Veränderungen außen nichts sehen. Wir haben über Jahrzehnte ein System einwickelt, mit dem wir bei dünnen Wandstärken eine Schalldämmung von 33 dB im eingebauten Zustand hinbekommen.
Sind Umnutzungen von Kirchen ein Thema?
Nein, für uns bisher nicht. Bei den Protestanten ist das eh unkompliziert. Die sagen »Jetzt bist Du keine Kirche mehr«, nehmen ihren Altar mit und die Sache ist erledigt. In der katholischen Kirche sieht das sicher anders aus. Wir hatten jedoch noch keine Anfragen in der Richtung.
Bewerben Sie das Geschäftsfeld?
Im Grunde nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Ab und zu machen wir Mailings an Pfarrämter, um uns in Erinnerung zu bringen. In den kirchlichen Anzeigenblättern sind wir gelegentlich mit Anzeigen vertreten.
Wie sieht es mit dem Wettbewerb in diesem Bereich aus?
Unser Wettbewerber ist in der Regel der örtliche Schreiner. Es gibt auch einige überregionale Anbieter, die treten aber kaum bundesweit auf.
Kann man als Kircheneinrichter auch von anderen Aufträgen seiner Kunden profitieren, z. B. in Pfarrhäusern, Kindergärten etc.?
Nein. Wir haben uns auf den Kirchenraum spezialisiert. Arbeiten in den sonstigen Liegenschaften der Kirche macht der örtliche Schreiner oder es wird ausgeschrieben.
Wie viele Altäre haben Sie im Lauf Ihrer Karriere gefertigt?
Gezählt habe ich sie nicht, aber so 1000 Altäre werden es schon gewesen sein. Dazu kommen sicher über 3000 Sakristeieinrichtungen und an die 500 Beichtstühle. Das Interview führte dds-Chefredakteur Hans Graffé

Hintergrund Kircheneinrichter und Präsident
Konrad Steininger ist Inhaber der gleichnamigen Schreinerei im bayerischen Dingolfing. Rund die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet er mit Einrichtungen für Kirchen. Der Betrieb beschäftigt zehn Mitarbeiter.
Steininger ist Präsident des Verbandes Tischler Schreiner Deutschland und damit der oberste Repräsentant des Tischlerhandwerks in der Bundesrepublik.
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