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Zukunft des Tischlerhandwerks

Zukunft des Tischlerhandwerks
Wie geht eigentlich Innovation?

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Gelegentliche Geistesblitze oder im Unternehmen verankertes Innovationsdenken? Wer nach vorn will, muss seine Strukturen überdenken Illustration: Bakhtiarzein/Stock.adobe.com
Welche Trends bestimmen unsere Branche in Zukunft? Welche zentralen Veränderungen stehen uns in den nächsten Jahren bevor und wie geht man aktiv auf die Zukunft zu? Gedanken und Thesen von Markus Faust.

Der Blick in die Vergangenheit macht einem die Dynamik unserer Zeit erst so richtig bewusst. Die großen Internetfirmen z. B. sind vor einer Dekade erst so richtig durchgestartet. Daran erkennt man auch, wie schwierig es war, sich vor zehn Jahren das Jahr 2021 vorzustellen. Wie geht man als mittelständischer Unternehmer mit dieser Dynamik um?

Zunächst einmal ist es unglaublich wichtig, aus dem Schwarz-Weiss-Denken herauszukommen. Nehmen wir das Beispiel 3D-Druck. Einige glauben nicht, dass sich die Methode im Handwerk durchsetzt, andere sind von der Zukunft des 3D-Drucks überzeugt. Die Wahrheit liegt sehr wahrscheinlich jedoch irgendwo dazwischen. So wäre ein teiladditives Verfahren denkbar. Teilweise kann der altbewährte Produktionsweg genutzt und in Kombination mit dem 3D-Druck viele Vorteile gezogen werden

Deshalb ist es so wichtig, nicht zu polarisieren, sondern sich die Wahrheit als eine Linie zwischen zwei Polen vorzustellen. Das öffnet Gedanken und kreiert Ideen.

Kleine Lockerungsübung für zwischendurch: Verbinden Sie alle 9 Punkte mit nur vier zusammenhängenden geraden Linien

Zur Auflösung des Rätsels geht es hier

Thinking out of the box

Eine weitere gute Übung ist das sogenannte Zero-Based-Thinking. Stellen Sie sich vor, wie Sie Ihr Unternehmen heute aufbauen würden, wenn Sie noch einmal bei null beginnen könnten. Vergessen Sie vorhandene Fertigungshallen, Maschinen, Mitarbeiter, Positionierung, Wissen, Netzwerke usw. Durch diese Übung sprengen Sie eingefahrene Gedankenmuster und neue Ideen entstehen fast automatisch.

Absolut empfehlenswert ist es auch, die Meinungen anderer auf sich wirken zu lassen. Tauschen Sie sich nicht einzig und allein mit anderen Schreinern aus, sondern werfen Sie einen Blick in andere Gewerke und Branchen. Sie werden erstaunt sein, wie viel Sie lernen können. Denn neben handwerklichem und digitalem Geschick braucht es zukünftig auch ein hohes Maß an Innovationsdenken. Eine Fähigkeit, die bei vielen als völlig nebensächlich erachtet und somit auch nicht geschult wird. Tradition – auf die wir Schreiner immer sehr stolz sind – ist in diesem Zusammenhang nicht gerade förderlich.

Der Weg in die Zukunft ist eine Treppe, keine Linie. Diese Treppe besteht aus Innovationssprüngen und aus Konsolidierungsplattformen. Nur innovativ zu sein ist praktisch nicht umsetzbar. Und ausschließlich zu konsolidieren ist tödlich, denn wer sich nur auf das Vorhande fixiert, verhindert jede Veränderung. Fragen Sie sich jedes Jahr, ob Sie sich aktuell in einem Innovations- oder in einem Konsolidierungsjahr befinden und definieren Sie Ihr firmeneigenes Jahresmotto.

Worauf es in Zukunft ankommt

Sich über folgende drei Bereiche Klarheit zu verschaffen, wird für die Zukunft einer Schreinerei von elementarer Bedeutung sein:

  • Auftragsklarheit
  • digitale Wahrheit
  • Produktion

Lassen Sie uns mit dem scheinbar wichtigstem Punkt beginnen: die Produktion. Worüber wird unter Tischlern und Schreinern am meisten gesprochen? Maschinenparks und Absauganlagen. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, nur liegt der Fokus leider viel zu stark auf der Fertigung. Bei so manchem Plausch könnte man fast das Gefühl bekommen, dass eine Schreinerei ohne 5-Achs-CNC keine »echte« Schreinerei mehr ist. Es ist nicht verwunderlich, dass fast überall ähnliche Maschinenparks zu finden sind. Das dies eher den Wettbewerbsgedanken ankurbelt als Kooperationen befördert, ist eine logische Folge.

Die Frage ist doch: Ist es für den Kunden überhaupt von Bedeutung, ob Sie seine Küche selbst produzieren oder (teilweise) zukaufen? In der Regel wird die Antwort lauten: Nein. »Wo das gefertigt wird, ist mir egal – am Ende muss es passen!« werden die meisten Kunden sagen. Es ist nur ein hinderlicher Glaubenssatz, die gesamte Produktion in den eigenen vier Wänden haben zu müssen. Ganz im Gegenteil. Daran festzuhalten wäre gefährlich und unterbindet jeglichen Innovationsgedanken.

Selbst zu produzieren ist grundsätzlich nicht falsch. Doch wenn Massivholz eine eher untergeordnete Rolle spielt, sind die Wettbewerber Ihrer Werkstatt große voll automatisierte Fertigungsanlagen! In Extremfällen geht das so weit, dass Sie für weniger Geld einen Küchenkorpus fertig zusammengebaut auf den Hof geliefert bekommen, als Sie selbst auch nur die Materialien dafür beziehen könnten.

Sie müssen sich entscheiden: Können oder wollen Sie so weitermachen wie bisher? Falls ja, müssen Sie den Preis dafür zahlen. Sie brauchen ein ausgeprägtes Prozessdenken im Unternehmen, voll automatisierte Reports, komplett angebundene Maschinenparks, voll integrierte CAD/CAM-Strukturen, Fertigungssteuerungstools usw.

Dabei dürfen Sie jedoch die hohen Kosten nicht vergessen. Und das sind bei weitem nicht nur die Investitionskosten. Die Implementierung und Wartung von Automatismen im Unternehmen, der Aufbau von Wissen usw.: Das alles sind große Geldfresser.

Braucht man eine Fertigung?

Es ist deshalb nichts Verbotenes, den Gedanken zuzulassen, ob Sie überhaupt eine komplette Fertigung brauchen oder eher in Richtung Montagefertigung gehen wollen. Viele Start-up-Schreiner denken so. Kundenbeziehungen werden aufgebaut, der Auftrag geplant und anschließend in fremden Produktionen gefertigt. Gerade für Betriebsgrößen zwischen 20 und 50 Mitarbeitern stellt sich immer mehr die Frage, wo es hingehen soll. Groß und schnell oder klein und flexibel? Sich dazwischen zu positionieren kann, je nach Produktportfolio, eine gefährliche Unternehmensstrategie sein.

Warum es für viele wirtschaftlich und auch technisch kaum vorstellbar ist, Teilsegmente outzusourcen liegt daran, dass keine digitale Wahrheit vorhanden ist. Dies ist jedoch eine ganz wichtige Voraussetzung für die Zukunft und Gegenstand des zweiten Beitrags zum Thema Innovation in der nächsten Ausgabe.


Markus Faust ist Geschäftsführer der AV-Line GmbH in Siegsdorf. Er unterstützt und berät Schreiner in den Bereichen Konstruktion, Arbeitsvorbereitung, CAD/CAM und Digitalisierung

 

 

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