Geschichten aus dem wahren Leben. Die Kolumne von Schreinermeister Laurenz E.

Werkstatt unter Wasser

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Bild: Artqu, Adobestock

Zur Zeit meiner Existenzgründung fristete ich als Einzelkämpfer ein bescheidenes aber durchaus erfolgreiches Dasein in einem Teil eines alten Industriegebäudes. Ich war rundum glücklich mit meiner kleinen aber feinen Werkstatt mit angrenzendem Büro. Der einzige Wermutstropfen: Fließendes Wasser war nur im Büro verfügbar. Nach einiger Zeit war ich es leid, beim Anrühren des damals üblichen Harnstoffleims jedes Mal ins Büro zu marschieren und die benötigte Wassermenge zu zapfen. Es war Zeit, meinen Freund Alfred um Rat zu bitten. Alfred, so muss man wissen, ist eine Seele von einem Mensch, und handwerklich, gerade was das Installationswesen angeht, sehr versiert. Sein einziges kleines, nennen wir es mal »Handicap« ist eine gewisse Hektik, gepaart mit einem Schuss Pragmatismus. Eine teuflische Kombination, wie sich herausstellte!

Alfreds Auftrag war nun, einen Wasserhahn, in der Werkstatt zu installieren. Für den Freitagnachmittag wurde die Ausführung angesetzt. Dass ich einen Kundenbesuch auswärts hatte, störte Alfred nicht im Geringsten. Deshalb habe ich die folgenden Ereignisse auch nicht selbst so erlebt, sondern musste sie in mehreren, quasi therapeutischen, Gesprächen, aus ihm herauskitzeln.

Zunächst musste Alfred natürlich den Wasserzulauf an dem entsprechenden Schieber abstellen. Dass sich dieser hinter einem Stapel schräg gestellten Plattenresten befand, ist an dieser Stelle als äußerst bedauerlicher Umstand zu erwähnen. Da der Gute ziemlich in Eile war (»hektisch«) und obendrein auch noch zu bequem (»pragmatisch«), die Plattenteile beiseite zu stellen, griff er – praktisch blind – seitlich stehend, hinter zitierte Reste und drehte den Schieber zu. Die darauffolgende Installation meiner neuen Wasserentnahmestelle kann als durchaus gelungen bezeichnet werden. Nach getaner Arbeit musste Alfred jetzt nur den Schieber wieder aufdrehen. So stellte er sich erneut neben den Plattenstapel und drehte im Blindflug den vermaledeiten Schieber wieder auf. Dabei wunderte er sich noch, dass die Anzahl der Umdrehungen deutlich mehr zu sein schien, als die beim Zudrehen. Dass er nicht nur den Schieber aufgedreht hatte, sondern ihn auch noch komplett aus der Verschraubung zirkelte, wurde ihm erst dann klar, als ihm das Ding durch den Wasserdruck förmlich aus der Hand geschossen wurde.

Es ist durchaus beeindruckend, wie viel Wasser innerhalb kürzester Zeit durch ein 2,5-Zoll-Rohr fließt. Bei der Rückkehr von meinem Kundenbesuch war der völlig durchnässte und verstörte Alfred durch die Einsatzkräfte der herbeigerufenen Feuerwehr bereits mit Heißgetränken und wärmenden Decken versorgt. Unsere Furnierpresse, die noch immer mein Berufsleben begleitet, ist mit ihrem verrosteten Unterteil stummer Zeuge dieses apokalyptischen Freitags. Mit Alfred pflege ich nach wie vor eine innige Freundschaft, die wir seither mit einer jährlichen Bootsfahrt auf einem nahegelegenen See untermauern!

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