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Unfassbare Kraft

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Unfassbare Kraft

Am 14. Juli 2021 zerstörte ein Starkregenereignis zahlreiche Orte und Städte in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Überflutet wurden auch 30–40 Schreinereien. Exemplarisch haben wir die Schreinerei Thomas Nelles in Ahrweiler besucht.

Es hörte einfach nicht mehr auf zu regnen. Ein solches punktuelles Extremwetterereignis hatte niemand ernsthaft erwartet, wenngleich es entlang der Flüsse immer wieder Überflutungen und Hochwasser gibt und gab. Rückblickend nennt man es »Jahrtausendhochwasser«. Insgesamt waren bis zu 40 holzverarbeitende Betriebe mehr oder weniger stark betroffen. Manche hat das Wasser total zerstört.

»Unsere Schreinerei wurde in vollem Umfang mit Werkstatt, Büros und Ausstellung von Wasser und Schlamm zerstört«, berichten ganz sachlich Janik und Niklas Nelles von der Schreinerei Nelles in Ahrweiler. Inhaber Thomas Nelles und seine mitarbeitende Ehefrau Nicole Nelles konnten am Termin nicht teilnehmen. Zudem waren einzelne Mitarbeiter an Corona erkrankt. Derzeit fallen einige Krisen zusammen, nicht nur bei Familie Nelles.

Die Bilder der unglaublichen Naturkatastrophe sind jedem noch gut im Gedächtnis. Aber was das für einen Betrieb bedeutet, erschließt sich für Außenstehende erst im Gespräch: »Jeder, wirklich jeder, war ja auch privat von der Flutkatastrophe betroffen – entweder selbst mit seinem eigenen Hab und Gut oder unmittelbar in seiner Familie«, führt Niklas Nelles aus. In den ersten Wochen gab es große Ungewissheit und kaum Kontakt zur eigenen Mannschaft.

Bis heute müssen noch einige der knapp 20 Mitarbeitenden den eigenen Verlust verarbeiten und quasi nebenbei zu Hause den Wiederaufbau koordinieren. Dazu die Sorge um den Arbeitsplatz, der in einer Nacht knapp 2 m unter Wasser stand. Das wahre Ausmaß wurde erst sichtbar, als die Fluten sich zurückzogen: Elektrizität gab es nicht mehr, Straßen und Brücken waren einfach verschwunden. Schlamm und jede Menge Unrat mussten hinausgeschafft werden.

Freiwillige kamen von überall

»Mithilfe vieler freiwilliger Helfer konnten wir diese Mammutaufgabe bewältigen«, sind die Nelles dankbar. Es gab Spenden von ihnen bis dahin unbekannten Schreinerkollegen aus Süddeutschland, Unterstützung aus dem Norden, und jede Menge Freiwillige aus der ganzen Region. »Manche waren einen Tag hier, packten kräftig mit an, und waren dann wieder weg«, erinnert sich Janik Nelles. Insgesamt kamen von Privat sowie aus der Industrie und vom Handel überall in der Region Sachspenden an.

Niklas Nelles ergänzt selbstkritisch: »Ich weiß nicht, ob ich auch so spontan reagiert hätte, wenn ich von einer Überschwemmung in einer anderen Region aus den Medien erfahren hätte. Jeder hat ja auch so eigentlich genug zu tun, – ich denke da jetzt ganz anders drüber nach.«

Und gut zu tun hatten die Nelles wirklich auch vorher: Die Auftragsbücher waren voll und so warteten Kunden im ganzen Umkreis auf die Fertigstellung ihrer Projekte. Auch das musste irgendwie wieder anlaufen. Solange die eigene Werkstatt noch nicht einsatzbereit war, boten Kollegen aus Köln ihren Maschinenraum an.

Produziert wurde am Wochenende in Köln, montiert unter der Woche, damit zumindest die Aufträge für die gewerblichen Kunden in den nicht betroffenen Regionen abgeschlossen werden konnten. Auch die Einbauten für die eigene Werkstatt sind hier »im Exil« entstanden. Parallel musste die eigene Werkstatt wieder komplett aufgebaut werden. Alle Maschinen waren unbrauchbar, die IT zerstört und die Fahrzeuge geflutet.

Glück im Unglück

In all dem Chaos gab es für die Familie Nelles ein paar gute Momente: Glücklicherweise war niemand körperlich zu Schaden gekommen von Familie und Mitarbeitern und der soziale Zusammenhalt in der Region wie auch im eigenen Team war hervorragend. Auch finanziell lief die Hilfe an. »Da wir uns schon vor der Flut in der Vorbereitung für die Betriebsübergabe befanden, haben wir auf Anraten der Handwerkskammer eine Neuwertversicherung für den Betrieb abgeschlossen.« Diese greift zwar nicht überall, so gab es für die drei Firmenfahrzeuge nur den Zeitwert, aber immerhin! Die Gebäudestruktur wurde nicht beschädigt – die Schreinerei sitzt seit der Übernahme durch Thomas Nelles 1988 in den Räumen eines ehemaligen Schlachthofs.

Hier gibt es solide Keller und selbst im Erdgeschoss sind alle Wände raumhoch gefliest, was die Reinigung wesentlich erleichterte. Und die erst im Sommer 2020 fertiggestellte Erweiterung der Werkstatt hatte massive Wände erhalten, die dem Wasserdruck standhielten. Das Ausstellungsgebäude, 2017 in Ständerbauweise errichtet, ist im Wesentlichen auch stehen geblieben. Natürlich waren alle Ausstellungsgegenstände hinüber und die Trockenbauwände mussten geöffnet, getrocknet und ersetzt werden. Und die Fensterprofile aus Holz haben sich in vielen Fällen als die bessere Wahl erwiesen. Niklas Nelles: »Bei unseren Kunden tauschen wir heute Kunststofffenster und -türen, in deren Hohlkammerprofilen auch nach einem Jahr noch restliches Wasser steht.«

Nadelöhr Maschinenpark

Dass es bei Holzbearbeitungsmaschinen derzeit recht lange Lieferzeiten geben kann, war nun das nächste Problem. Eine Plattenaufteilsäge, ein CNC-Bearbeitungszentrum und alle Standardmaschinen einer Schreinerei mussten quasi sofort beschafft werden. Am dringendsten war zunächst die Formatkreissäge, um bei allen betroffenen Häusern die zerborstenen Fenster- und Türöffnungen provisorisch zu verschließen. Hier konnte Altendorf schnell liefern. »Für lange Recherchen, Tests und Planung war keine Zeit«, so Janik Nelles. Er ist der Maschinenexperte der beiden Brüder und baut gerade sein Meisterstück.

Die Familie Nelles ist Mitglied im Netzwerk Meisterteam. In einer der Erfa-Fachgruppen rieten Kollegen zu SCM-Maschinen – und da diese bei ihrem Maschinenhändler Hees+Peters GmbH in Trier gerade verfügbar waren, griffen sie sofort zu. Dann noch eine Kantenanleimmaschine von Hebrock, Dickenhobel und Fräse von Panhans, Handmaschinen von Festool usw. usw. Einmal alles, bitte! Mit Kauf und Lieferung der Maschinen waren die Probleme noch nicht gelöst. Niklas Nelles: »Natürlich hat sich die Technik weiterentwickelt. Es gibt eigentlich keine Maschine mehr ohne Display. Daher mussten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den neuen Maschinen geschult und eingearbeitet werden. Insbesondere der Wechsel zu SCM bedeutete eine große Umstellung bei der Bedienoberfläche.«

Dem Standort treu verbunden

Heute plätschert die nur wenige Zentimeter tiefe Ahr wieder friedlich in ihrem Bett. Fast 200 m ist diese von Werkstatt und Ausstellungsraum entfernt. »Aufgeben war für uns nie eine Option«, sind sich die beiden Brüder einig. Zwar haben insbesondere ältere Bewohner aus der Gegend anfänglich über einen Umzug nachgedacht, bis heute sind aber die meisten geblieben. Zum einen, weil niemand damit rechnet, zu seinen Lebzeiten nochmals eine solche Katastrophe erfahren zu müssen, zum anderen aus ganz pragmatischen Gründen:

Es ist nicht einfach, mit einer kompletten Werkstatt umzuziehen. Jeder Existenzgründer weiß das. »Versicherungsbedingungen und Bauauflagen erschweren oder verzögern selbst kleinere Veränderungen«, so die Erfahrung von Niklas Nelles. Zwar hängt der Serverschrank nun etwas höher, er ist aber weiterhin im Keller der Schreinerei, ebenso die Heizungsanlage. Da der Maschinenpark ohnehin seit der letzten Erweiterung effizient angeordnet war, hielten die Nelles auch daran fest. Lediglich die Plattensäge vor dem BAZ wurde von vertikal zu horizontal getauscht, um den Materialfluss zu optimieren.

Jetzt müssen die Profis ran

Augenblicklich geht es darum, das Gewerbe in der Region anzukurbeln. Und eine der wichtigsten Branchen ist der Tourismus in der Weinregion entlang der Ahr. Immerhin: Erste eingleisige Abschnitte der flutgeschädigten Ahrtalbahn sind bereits seit Ende vergangenen Jahres wieder in Betrieb. Die gesamte Wiederherstellung bis Ahrbrück soll jedoch mindestens bis Ende 2025 dauern, da etliche Brücken und Stützbauwerke wiederaufgebaut werden müssen.

Die Schreinerei Nelles konzentriert sich derweilen auf Hotels, Restaurants und Lokale, für die die kommenden Monate entscheidend für ihr wirtschaftliches Überleben werden dürften. Gleiches gilt für Gewerbetreibende wie eine Tanzschule und die typischen Weingüter. Langjährige Privatkunden werden natürlich ebenfalls bedient, denn die Wohnsituationen sind teilweise noch unerträglich: Seit einem Jahr wohnen Menschen beengt in den oberen Etagen ihrer Häuser, haben immer noch Küchen auf den Balkon oder in Zelten provisorisch ausgelagert oder leben in Ferienwohnungen und bei Bekannten.

Bei einer Fahrt durch die Ortschaften sieht man zwar viele Handwerker, aber noch viel mehr Rohbauten in den zu Hunderten betroffenen Keller- und Erdgeschossen. Der professionelle Innenausbau ist jetzt nichts mehr für Laienhelfer. Gesucht werden Betriebe aus ganz Deutschland, die unterstützen können. »Das lockt natürlich auch unseriöse Unternehmen an, die sich die Not der Menschen zunutze machen«, fürchtet Niklas Nelles um den Ruf des Handwerks.

Eine ganze Branche ist betroffen

In Nachbarschaft zur Schreinerei Nelles befinden sich weitere überregional tätige Unternehmen. Ebenfalls betroffen waren beispielsweise der Lackhersteller P. A. Jansen GmbH und Co. KG und die Fensterbau-Softwareentwickler Horst Klaes GmbH und Co. KG. Beide Unternehmen sind inzwischen wieder am Markt zurück und lieferfähig. Wie es insgesamt um die Betriebe im Bereich der Innung Koblenz bestellt ist, erläutert Obermeister Maik Rönnefarth im Interview mit dds (siehe folgende Seite). Er war mit seinem Betrieb in ganz ähnlicher Weise betroffen wie die Familie Nelles. –CG


Fördermittel

NRW unterstützt Wiederaufbau

Um den Wiederaufbau in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Gebieten zu beschleunigen, hat das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen zusammen mit dem Westdeutschen Handwerkskammertag im April 2022 eine Initiative ins Leben gerufen. Zentrales Ziel ist es, mehr Handwerksfirmen – insbesondere aus den nicht vom Hochwasser betroffenen Bundesländern und dem benachbarten Ausland – für den Wiederaufbau in Nordrhein-Westfalen zu gewinnen. Eine wichtige Rolle dabei spielt die von der Handwerkskammer Koblenz initiierte digitale Plattform.

www.handwerk-baut-auf.de


Steckbrief

Schreinerei: Nelles, Inh. Thomas Nelles
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
www.schreinerei-nelles.de

Maschinenpark:

Altendorf GmbH
www.altendorfgroup.com

Hokubema Maschinenbau GmbH
www.panhans.de

SCM Group
www.scmgroup.com/de

Maschinenhändler: Hees+Peters GmbH
www.heesundpeters.com

Netzwerk: Meisterteam LGF GmbH & Co. KG
www.meisterteam.de


Studie

»Bessere Risikokommunikation nötig«

Immer häufiger werden nach einem Starkregen Sturzfluten über Deutschland hereinbrechen. Ein entscheidender Grund dafür ist der Klimawandel. Die Folgen sind fatal: milliardenschwere Schäden und sogar der Verlust von Menschenleben. »Kaum eine Stadt oder Gemeinde ist darauf wirklich vorbereitet und es gibt bundesweit massive Versäumnisse bei der Prävention«, zu diesem Ergebnis kommt die Technische Universität Kaiserslautern in der aktuellen Unwetter-Studie Starkregen und urbane Sturzfluten – Agenda 2030. Darin haben die Wissenschaftler aus Kaiserslautern in Kooperation mit der Universität der Bundeswehr in München die Risiken, Gefahren und Ursachen, insbesondere aber auch effektive Schutzmaßnahmen untersucht. Auftraggeber der Studie war die Initiative »Verantwortung Wasser und Umwelt«, koordiniert vom Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB).

»Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat Deutschland im letzten Sommer geschockt und noch einmal kräftig wachgerüttelt«, sagt Professor Theo Schmitt von der TU Kaiserslautern. »Überflutungen drohen überall – auch da, wo keine Gewässer sind. Es gibt kaum eine Region in Deutschland, die vor Starkregen und urbanen Sturzfluten sicher ist.«Die Prognose des Wissenschaftlers ist düster: »In den kommenden Jahren werden Wetterextreme schlimmer – sie werden an immer mehr Orten, immer häufiger und heftiger auftreten.« Professor Wolfgang Günthert, der am Institut für Wasserwesen der Universität der Bundeswehr in München zu Sturzfluten geforscht hat, warnt: »Die Sturzflut kommt quasi von oben – von jetzt auf gleich. Ohne Deich, ohne Schutz!«

Professor Schmitt fordert daher ein bundesweites Frühwarn- und Informationssystem und dass Städte und Gemeinden zu einem Starkregen-Risikomanagement verpflichtet werden. Sie sollten künftig Gefahren- und Risikokarten erstellen – bis auf das einzelne Gebäude genau. Zudem müsse das Baurecht und Förderprogramme angepasst werden. Davon würden auch Hausbesitzer profitieren, die dann individuell mehr Vorsorge treffen könnten – von der Dachbegrünung bis zur geschützten Bauvariante für Lichtschächte und Kellereingänge.

www.starkregenmanagement.de

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