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Streit um Formblatt 248

Marketing & Betriebsführung
Streit um Formblatt 248

Öffentliche Auftraggeber fordern in Ausschreibungen zunehmend Holz aus nachhaltiger Bewirtschaftung Foto: Gordon Bussiek/Fotolia.com
Die vorgesehenen rechtlichen Änderungen bei Beschaffungsmaßnahmen von Bund und Ländern liegen derzeit auf Eis. Was heißt das für Tischler und Schreiner, die an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen? Dass alles weiterläuft wie bisher, ist eher unwahrscheinlich.

Ingo Lau, Freier Journalist, Stuttgart

Rund 350 Milliarden Euro oder 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geben Bund, Länder und Gemeinden jährlich aus, um ihren Bedarf zu decken. Im Innenausbau, bei der Beschaffung von Möbeln oder bei Gebäudesanierungen winken auch für Tischler und Schreiner lukrative Aufträge, vorausgesetzt sie können nachweisen, dass das verwendete Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt.
Denn schon seit 2007 hat sich der Bund in einem gemeinsamen Erlass (B 15-O 1080–490) von vier Ministerien darauf verpflichtet, dass bei allen Beschaffungsmaßnahmen nach VOB/A und VOL/A künftig nur noch Holzprodukte aus legaler und nachhaltiger Waldbewirtschaftung zum Einsatz kommen dürfen. Mehrere Länder sind anschließend dem Beispiel des Bundes gefolgt. Im Jahr 2010 wurdediese Regelung durch einen überarbeiteten Erlass (B 15–8164.1) ersetzt, der das Bekenntnis zur Beschaffung nachhaltiger Holzprodukte nochmals bekräftigt und zusätzlich den Nachweis durch Vorlage eines FSC-, PEFC- oder gleichwertigen Zertifikates fordert. Jedem Angebot ist seitdem auch das Formblatt 248 beizufügen, in dem der Bieter, also der Verarbeiter, die Verwendung von entsprechendem Holz garantiert.
Was ist ein Nachweis?
Uneinigkeit besteht (im Grunde bis heute) darüber, wie der Nachweis, dass es sich bei dem verwendeten Holz tatsächlich um zertifiziertes Holz handelt, zu führen ist. Weder bei FSC noch bei PEFC werden ja einzelne Holzprodukte zertifiziert, sondern Waldbesitzer und Unternehmen, die mit Holz handeln oder es verarbeiten. Die Zertifizierung bescheinigt dem Unternehmer dann die Konformität seines Handelns mit dem geforderten Wald- bzw. Chain-of-Custody-Standard. Ein solche Produktkette gilt nur dann als Nachweis, wenn sie lückenlos geführt ist, also vom Wald bis zum Endverarbeiter nachvollzogen werden kann. In der bislang gängigen Praxis aber wurde von Verarbeitern häufig nur eine Rechnung verlangt, aus der hervorging, dass der Händler, bei dem das Holz beschafft wurde, über ein entsprechendes Zertifikat verfügt.
Um bei der Nachweisführung mehr Klarheit zu schaffen, hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit BMUB im Dezember 2015 versucht, eine einheitliche Auslegung des Erlasses von 2010 zu definieren (Aktenzeichen BI7 – 81064.3/3-1). In seinem Schreiben nimmt das Ministerium Bezug auf die Zertifizierungssysteme FSC und PEFC und schreibt wörtlich: »Die lückenlose CoC-Zertifizierung entspricht der Grundidee des BMUB in Bezug auf die Nachhaltigkeitspolitik der Bundesregierung insbesondere hinsichtlich des Schutzes, des Erhalts und der nachhaltigen Bewirtschaftung der Wälder.«
Auch wenn der Einzelnachweis damit nicht außer Kraft gesetzt war, wurde hiermit doch so etwas wie ein Königsweg beschrieben.
Die Neuregelung ist ausgesetzt
Prompt witterten Verbände wie Tischler Schreiner Deutschland (TSD) oder der Bundesverband ProHolzfenster Gefahr. Wenn mit der neuen Auslegung die CoC-Zertifizierung als Königsweg neben anderen Nachweismöglichkeiten installiert wurde, dann könnte dies in der Praxis zu einem De-facto-Ausschluss aller nichtzertifizierten Betriebe von öffentlichen Ausschreibungen führen. Dagegen und auch gegen die kurzfristige Änderung – zwischen dem Erscheinen der neuen Auslegung und der verbindlichen Anwendung sollten gerade mal sechs Monate liegen – mussten die Verbände Sturm laufen. Dies führte dazu, dass die neue Regelung am 22. April per Erlass wieder außer Kraft gesetzt wurde.
Entstanden ist ein Vakuum, das es nun zu füllen gilt. Jede Partei versucht dies auf ihre Weise. Während sich die Anbieter von Öko-Labeln über die neue Aufmerksamkeit freuen, die das Thema in den Medien und in der Politik gefunden hat, halten die Verbände von Tischlern, Schreinern und Holzverarbeitern die Füße still, in der Hoffnung, dass man schnell zum alten Prozedere zurückkehrt. »Zurück auf Anfang«, jubelte TSD, nachdem das BMUB eingelenkt hatte.
So oder so: Beschaffung wird grün
Der Verband Fenster + Fassade VFF geht sogar noch einen Schritt weiter und bittet die Bauminister der Länder in einem Schreiben, »alle Regelungen auf dem Stand der europäischen Holzhandelsverordnung zu belassen oder (auf diesen) zu bringen«. Ergänzende Anforderungen oder Zertifizierungsprogramme sieht der VFF als Handelshemmnisse und lehnt sie vehement ab. Letztlich ist dies ein Versuch, das Thema Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit auf Legalität zu reduzieren. Ob das die »grünen Einkäufer« in den Ministerien überzeugen wird, bleibt zumindest fraglich.
Im April 2016 ist die umfangreichste Reform des deutschen Vergaberechts der letzten Jahre in Kraft getreten. Auf allen Stufen des Ausschreibungsprozesses können Umweltaspekte nun rechtssicher einbezogen werden. Auch das Verlangen auf Vorlage von Umweltzeichen oder die Berücksichtigung von Lebenszykluskosten sind künftig möglich. Und, wer Holz mit FSC- oder PEFC-Siegel anbietet, muss das am Ende auch zweifelsfrei nachweisen können.

Zertifizierung und Einzelnachweis: unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel
Das Formblatt 248, das bei der Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen des Bundes beigelegt werden muss, lässt dem Holzverarbeiter die Wahl, ob er den Nachweis über die Verwendung von FSC- /PEFC-Holz durch die Zertifizierung des eigenen Unternehmens oder durch einen Einzelnachweis erbringt. Auch in der geänderten Version vom Dezember 2015 wurde diese Wahlfreiheit nicht eingeschränkt. Welcher Nachweisweg beschritten wird, hängt stark vom jeweiligen Betrieb und seiner Kundschaft ab. Wer immer wieder für große Auftraggeber arbeitet, denen an einem grünen Image gelegen ist, und häufig an Ausschreibungen teilnimmt, für den kann sich eine CoC-Zertifizierung schnell rechnen. Insbesondere, wenn er den kostengünstigen Weg der Gruppenzertifizierung geht, der bereits für unter 1000 Euro möglich ist. In diesem Betrag entfallen etwa 20  Prozent auf die reine Zertifizierung, auf Lizenzgebühren und Kosten für das Gruppenmanagement. Die übrigen rund 80 Prozent sind einmalige Beratungskosten.
Schreiner, die viel für private Kundschaft arbeiten und nur gelegentlich an Ausschreibungen teilnehmen, wählen den Einzelnachweis. Dabei erfolgt der Nachweis durch Wareneingangskontrolle und Dokumentation des inhaltlichen, zeitlichen und mengenmäßigen Bezugs des beschafften Holzes zum betreffenden Auftrag. Zertifizierungsstellen wie NEPCon, TÜV Nord Zert, GFA und SGS bieten Holzverarbeitern Einzelnachweise innerhalb von ein bis zwei Werktagen zu Kosten ab rund 100 Euro an. Der Einzelnachweis ist bei Beauftragung unverzüglich und unaufgefordert zum Zeitpunkt der Lieferung dem Auftraggeber vorzulegen.

Links zum Thema

info

www.gfa-certification.de

Länder folgen Bund

40272286

Eine Publikation vom Bundesumweltamt aus dem Jahr 2014 zeigt die länderspezifischen Regelungen bei der Beschaffung von Holzprodukten auf.
http://q-r.to/bafahZ
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