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Kleine Werkstatt, große Freiheit

dds vor Ort
Kleine Werkstatt, große Freiheit

Eine kleine, aus der Portokasse bezahlte Werkstatt leistet sich Carsten Heidtmann. Ohne großen Kostendruck agiert der Einzelkämpfer fröhlich und erfolgreich im Restaurierungsgeschäft.

Wohnlich sieht es aus, das gut 100 Jahre alte Bauernhaus der Familie Heidtmann in Bodelshausen bei Tübingen. Die Wohn- und Schlafräume befinden sich in der linke Seite des Hauses, der Kindertrakt liegt rechts unterm Dach in der Scheune über dem Kuhstall. Durch eine in den noch erhaltenen Dielenboden eingelassene Panzerglasscheibe können die Kinder nach unten in die 70 m2 große Schreinerei ihres Vaters Carsten herunterschauen. Werkstatt und Wohnen verschmelzen. Genauso hat es sich vor zwölf Jahren der damals in Tübingen als Sozialarbeiter angestellte Schreinermeister gewünscht, als er sich auf die Suche nach einem mit einer Schreinerwerkstatt kombinierbaren Wohnhaus machte. Der gebürtige Hamburger betreute Jugendliche im Heim, die eine Ausbildung zum Schreiner machten. Zunächst wollte er sich eine Werkstatt einrichten, um das Wohnhaus zu renovieren und darüber hinaus noch nebenberuflich den einen oder anderen Auftrag zu erledigen, doch bald war er voll und ganz selbstständiger Schreiner.

Wohnung und Werkstatt
Sein Haus brachte er beherzt auf Vordermann und bewahrte fachmännisch den historischen Charakter. Beim Ausbau des Dachgeschosses hat er beispielsweise auf Gipskartonplatten verzichtet und sich der alten Bauweise mit Dachlatten, Schilfmatten und Lehmputz bedient. Die Altbausanierung und der Denkmalschutz faszinierten ihn, sodass er bald dafür seine Anstellung als Sozialarbeiter aufgegeben hat. 2006 lernte er Ernst Gumrich, den damals neuen Eigentümer des Nonnenhauses, ein 1488 errichtetes Fachwerkhaus in der Tübinger Altstadt, und erhielt den Auftrag für die Restaurierung der Fenster, Türen, Böden und sonstiger Holzeinrichtungen. Für die vorbildliche denkmalgerechte Instandsetzung des Gebäudes erhielten die Eigentümer im Jahr 2008 den Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg des Schwäbischen Heimatbundes zuerkannt. Für Carsten Heidtmann war das die Eintrittskarte in den Denkmalschutzmarkt.
Einzelkämpfer mit Bodenhaftung
Für die Einrichtung der Werkstatt mit gebrauchten Standardmaschinen hat Carsten Heidtmann nie Geld aufgenommen. Der Wert des Inventars hält sich so in Grenzen, dass er sich jederzeit ohne nennenswerte Verluste beruflich umorientieren kann. »Die Finanzierungskosten für das Wohnhaus samt Werkstatt entsprechen in etwa dem, was man in Stuttgart für eine Garage bezahlt«, sagt Carsten Heidtmann. »Das gibt mir eine gewisse Gelassenheit und zwingt mich nicht, gegen meinen Willen zu wachsen, und mit der Werkstatt vielleicht sogar in ein hässliches Industriegebiet zu ziehen.« Carsten Heidtmann begnügt sich mit dem, was er selbst ausführen kann. Seine Kunden im Denkmalschutzbereich wollten auch nicht mit Projektleitern sprechen, die sich das, was zu beachten ist ins Notizbuch eintragen, um es dann an ihre Mitarbeiter weiterzuleiten. Trotzdem ist Carsten Heidtmann nicht ganz alleine, er bildet einen Lehrling aus, beschäftigt immer wieder mal Praktikanten und kooperiert mit zahlreichen Kollegen, wenn es darum geht, große Aufträge zu bewältigen, oder Gewerksübergreifendes zu stemmen.
Bodenhaftung ist für den Schreiner auch in seiner Preispolitik angesagt. Er beschäftigt sich durchaus damit, was eine Schreinerarbeit wert ist und bietet seine Leistungen zu fairen und attraktiven Preisen an. Die bescheidene, aber dennoch völlig ausreichende Werkstatteinrichtung macht das möglich. So hat er keinen Mangel an Aufträgen und kann sich sogar das aussuchen, was ihm Spaß macht. Abends nach einem Acht- oder Zehnstundentag, oder auch am Wochenende schaltet er ab, liest ein Buch, geht ins Konzert, verreist und pflegt Freundschaften.

Kontakt

Carsten Heidtmann72411 Bodelshausen

dds Redakteur Georg Molinski hat Carsten Heidtmann vor Ort besucht. Er erfuhr viel über Bob Dylan und schaute auch durch die Panzerglasscheibe vom Kindertrakt aus in die Werkstatt.
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